Baumexperte Brunner entdeckt Baumriese bei Kaltbrunn
Baumforscher Michel Brunner ist europaweit Baumriesen auf der Spur. Jetzt ist er auch in der Region fündig geworden.
Baumforscher Michel Brunner ist europaweit Baumriesen auf der Spur. Jetzt ist er auch in der Region fündig geworden.
Von Ulrike Nitzschke
Kaltbrunn. – In der Mittlerwengi oberhalb von Kaltbrunn gedeiht ein Weltrekordhalter, der 800-jährige Bergahorn. Als Michel Brunner von dem gehört hatte, macht er sich eines schönen Wintertages auf den Weg. Beinahe hätte der Baumforscher im hohen Schnee kehrt gemacht. Doch er kann den Berg auf einem Pistenfahrzeug, gemeinsam mit Primarschülern hinauf fahren. Sie staunen nicht schlecht, dass hier einer nicht zum Skifahren, sondern zum Bäumesammeln unterwegs ist.
Auf Wanderungen mit seinem Vater hatte Michel Brunners Begeisterung begonnen. Anfangs angetrieben von Rekorden – er wollte die dicksten, ältesten und grössten Bäume finden. An die 4000 aussergewöhnliche Exemplare hat er inzwischen gesichtet, fotografiert, kartiert und archiviert, die Hälfte davon in der Schweiz. Dafür Gemeinden angeschrieben, Baumpfleger um Unterstützung gebeten. Längst setzt er sich mit seiner Sammlung für den Erhalt von Bäumen als Naturdenkmäler ein, prägen sie doch ihre Umgebung oft seit weit längerer Zeit als manch denkmalgeschütztes Gebäude.
Anpassung und Beharrlichkeit
Michel Brunner legt sein Massband um den Stamm des Bergahorns: elf Meter sechzig. Aber – sind es nicht eigentlich zwei Bäume? Nein, entgegnet der Baumforscher, solche uralten Riesen hätten oftmals einen geteilten Stamm. Durch Blitzeinschlag oder Sturm, oder einfach, weil sie so stabiler wachsen, könnte man annehmen. Meist aber sind es die Äste rundum, die im Laufe der Jahre so dick werden, dass sie einander berühren, dabei den Stamm einschnüren und damit seine Verbindung zu den Wurzeln blockieren. Die Folge: der Mitteltrieb stirbt ab, danach teilt sich der Stamm. Wer genauer hinschaut, entdeckt aber noch eine Holzverbindung inmitten der verheilten Stammwunden.
Baumriesen und Nutzholz
Alte Bäume werden rar. Über ihr Schicksal wird meist an Schreibtischen entschieden. Holz ist ein wertvoller Rohstoff. Um den zu Geld zu machen, bleibt selten Zeit für eine individuelle Behandlung. So wieder einmal geschehen in Maienfeld. Nahe der Heidi-Hütte waren zwei Buchen durch einen Ast in der Mitte zu einem «H» verwachsen, zur Heidi-Buche. Auf sie verweist Michel Brunner in seinem Wanderbuch «Wege zu Baumriesen». Kürzlich unternimmt er diese Wanderung wieder einmal selbst und traut seinen Augen nicht: von der Heidi-Buche ragen nur noch zwei Stümpfe aus dem Schnee. Weiter unten am Weg liegen dicke Stämme. An einem lässt sich die Schnittstelle des Verbindungsastes vermuten. Das Buchenwäldchen ist gefällt worden, auch die prächtige Heidi-Buche hat Jungwuchs weichen müssen.
Heilmittel und Glücksbringer
Wie aber konnte der Bergahorn bereits 800 Jahre überleben? «Auf Bergweiden liess man den Bergahorn meist stehen, weil seine Blätter als Laubstreu für das Vieh dienten. Die Bauern wussten, dass man pfleglich mit ihm umgehen musste, streiften seine Blätter deshalb vorsichtig von Hand ab.» Ausserdem zersetzen sich Bergahornblätter rasch zu Humus, der für bestes Gedeihen der Wiese ringsum sorgt. Hildegard von Bingen empfahl ein Bad aus aufgekochten Blättern und Zweigen als Heilmittel gegen Fieber. Älplern soll das Glück gewunken haben, nachdem sie den Bergahorn mit Wein oder Bier begossen hatten.
Hat der Kaltbrunner Baum etwa zu viel davon getrunken? Moos und Flechten an seinem Stamm sind für Michel Brunner ein Zeichen für reine Luft. Der Bergahorn gelte als guter Bio-Indikator, und so, wie dieser Riese in der Mittlerwengi gedeihe, sei er widerstandsfähig gegen Parasiten. Wenn hier der Mensch nicht unnütz eingreift, können wir auch noch mit unseren Urenkeln zu ihm wandern.
Am Mittwoch, 13. März, hält Michel Brunner im Gesellschaftshaus Ennenda einen Vortrag zu Europas Baumriesen.
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