Aufbruch oder Verschandelung?
10 000 Gästebetten im Avers, Ferienhäuser in der Inn-Ebene und Hochhäuser im Churer Schellenbergquartier. In den Sechzigern und Siebzigern war die Baueuphorie grenzenlos. Die Bündnerin Carmelia Maissen ist auf Spurensuche gegangen.
10 000 Gästebetten im Avers, Ferienhäuser in der Inn-Ebene und Hochhäuser im Churer Schellenbergquartier. In den Sechzigern und Siebzigern war die Baueuphorie grenzenlos. Die Bündnerin Carmelia Maissen ist auf Spurensuche gegangen.
Die Bündner Architektin Carmelia Maissen hat den Bündner Siedlungsbau der Boomjahre erforscht
Von olivier Berger
Es sollte ein Vorhaben werden, wie es Graubünden bis dahin noch nicht gesehen hatte. Mit 10 000 Gästebetten, 20 Skiliftanlagen und einem Helikopterlandeplatz wollten Genfer Investoren in den Sechzigerjahren im Avers eine Retorten-Wintersportarena nach französischem Vorbild aus dem Boden stampfen. Zum Vergleich: Zu jenem Zeitpunkt verfügte sogar Arosa über lediglich 9000 Gästebetten; die Dimension der Satellitenstadt im Avers hätten sogar jene des Churer Lacuna-Quartiers gesprengt.
Trotz kritischer Stimmen kam es im Jahr 1964 zu einer Vereinbarung der Investoren mit der Gemeinde Avers: Die Genfer erhielten ein Exklusivrecht auf den Bau von Liftanlagen zugesichert, das bis ins laufende Jahr Gültigkeit gehabt hätte. Gebaut wurde tatsächlich: ein Ski- und ein Übungslift. Bereits im Jahr 1871 zeichnete sich ab, dass aus dem Grossprojekt nichts werden würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hätten 1000 Betten und fünf Skilifte realisiert sein sollen. Im Jahr 1978 übernahm die Gemeinde die beiden bestehenden Skilifte von den Investoren – diese zogen sich aus dem Avers zurück.
<strong>Die Geschichte der Skistation</strong> Avers ist eines jener Fundstücke, welche Carmelia Maissen in ihrer Doktorarbeit zu Tage fördert. Die Bündner Architektin nimmt Avers geradezu als Modellfall für hochfliegende Pläne und ihr Scheitern in den Sechziger- und Siebzigerjahren. An weiteren Beispielen fehlt es nicht: Maissen zeigt auch Modellbilder eines nie realisierten Feriendorfs in Obersaxen der Motor-Columbus AG. Wenigstens teilweise gebaut wurde die Siedlung Soleval in Lenzerheide – ursprünglich waren aber dort 700 Wohnungen geplant.
Die Ferienprojekte hatten meist einiges gemeinsam, wie Maissen aufzeigt. Sie stammten von auswärtigen Geldgebern und Planern und wurden von den lokalen Notablen zunächst euphorisch begrüsst. In vielen Fällen verwandelte sich die Begeisterung in der Bevölkerung allerdings schon bald in mehr oder minder offene Ablehnung. Entlang den einzelnen Projektphasen lässt sich aber nicht nur die Entwicklung eines eigenständigen Bündner Selbstbewusstseins und Selbstbestimmungswillens ablesen, sondern auch die Entwicklung moderner Orts- und Raumplanungen.
<strong>«Hochhaus und Traktor» </strong>nennt Maissen ihre Dissertation. Damit ist schon viel gesagt über das Spannungsfeld, in welchem boomende Bautätigkeit und alpine Realitäten in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufeinanderprallten. Besonders gut lässt sich der Konflikt am Beispiel der Stadt Chur aufzeigen. Hier war es mit Thomas Domenig ein frisch der ETH entwachsener Architekt, der seine – und die damals verbreitete – Lehrmeinung der «Neuen Stadt» am Rand der Schweiz umsetzen wollte.
Das Entstehen neuer Städte am Rand der bestehenden Stadt Chur bettet Maissen in den architekturtheoretischen Kontext jener Zeit ein. Es war die Zeit des explodierenden Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg. Damit einher ging Wohnbedarf für immer mehr Menschen. Allein zwischen 1950 und 1975 vergrösserte sich der Wohnungsbestand in der Kantonshauptstadt von einst 5000 auf 12 000. Innert 25 Jahren wurde also mehr Wohnraum erstellt als davor in der Kantonshauptstadt vorhanden war.
Wer Domenig rückblickend vorwirft, Chur verschandelt und dem Wildwuchs neuer Bauten Vorschub geleistet zu haben, verkennt die damalige Situation. Besonders die ersten grossen von Domenig geplanten Siedlungen wie der Solariapark und das Lacunaquartier sollten genau jenem Wildwuchs Einhalt gebieten, welche der Architekt in seiner Heimatstadt ausgemacht hatte. Domenig selber störte sich an konzeptlos in die Rheinebene gebauten Siedlungen. Ein «verzerrtes Stadtbild» sei aus dem Boden gewachsen; laut Maissen kritisierte er «phantasielose Überbauungen oder geradlinige Aufreihung ausgedehnter Gebiete mit einförmigen Blöcken und Häusern». Domenigs erste Siedlungen waren seine Antwort auf das planerische Chaos und das ästhetische Einerlei: eine Art pragmatischer Anpassung der wissenschaftlichen Ansätze aus Studienzeiten an die Churer Wirklichkeit.
<strong>Gerade Domenigs Wirken</strong> widerspiegelt die Phasen, welche der Siedlungsbau aus den Sechziger- und Siebzigerjahren in den Köpfen von Architekten und Bevölkerung durchlaufen hat. Zunächst dachte auch Domenig noch grosssmasstäblicher, als er später baute. Zur Lacuna-Überbauung in Chur sollte ursprünglich neben zwei Teichen auch ein eigenes Freibad gehören. Direkt anschliessend plante Domenig weitere Hochhäuser im Schellenberg-Quartier. Beide Vorhaben wurden zunächst auch von den Medien und der Politik begrüsst.
Noch während der Bauzeit meldeten sich erste kritische Stimmen. Ein Höhepunkt des Widerstands gegen das neue Bauen und Planen war die Aktion «Wohnliches Chur» im Jahr 1977. Die Initianten kritisierten die erst wenige Jahre zuvor noch durchaus als Boten eines blühenden Zeitalters betrachteten Hochhäuser als «Leergehäuse ohne soziale Beziehungen, ohne Gemeinschaftseinrichtungen, ohne gesellschaftliches Leben». Das Hochhaus, einst von vielen Menschen als Lösung für die Wohnungsnot der Zukunft gepriesen, war auch in Chur definitiv in Verruf geraten. Maissen blickt aber nicht nur nach hinten, sondern auch in die Zukunft, nimmt den aktuellen Diskurs beispielsweise über Chur West auf. «Hochhaus und Traktor» ist deshalb nicht nur faszinierende Geschichtsstunde, sondern ein Werk über das Zusammenleben an und für sich.
Die Gegensätze von Stadt und Land, Berg und Tal, Tradition und Innovation sind ein Leitthema von «Hochhaus und Traktor». Die Bündner Architektin Carmelia Maissen hat für ihre Dissertation den Siedlungsbau der Sechziger- und Siebzigerjahre im Kanton erforscht und beleuchtet ihn von verschiedenen Seiten. So fokussiert sie nicht allein auf den architektonischen und städteplanerischen Aspekt der ersten durchkonzipierten Grosssiedlungen in Graubünden, sondern sie widmet sich auch den Denkwelten jener Zeit, und zeigt auf, wie Hotel- und andere Bauten im Geiste der Ära modernisiert wurden. Am Samstag, 17. Mai, findet im Café des Theaters Chur die offizielle Vernissage zu «Hochhaus und Traktor» statt. Der Anlass beginnt um 16.30 Uhr und ist öffentlich. Die Autorin ist an der Vernissage anwesend. (obe)
Carmelia Maissen: «Hochhaus und Traktor». Verlag Scheidegger & Spiess, 280 Seiten, 59 Franken.
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