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«Auch die Polizei war verzweifelt»

20 Jahre ist es her, seit die offene Drogenszene am Platzspitz in Zürich aufgehoben worden ist. Der Glarner Toni P. erzählt von seiner Geschichte in der Szene.

Südostschweiz
03.06.12 - 02:00 Uhr

Von Eline Hauser

Vor 20 Jahren ist die Drogenszene auf dem Platzspitz, auch als «Needle-Park» von Zürich bekannt, geschlossen worden. Die Junkies, die damals im Park unbehelligt ihrer Sucht nachgehen konnten, wurden aus dem Areal vertrieben. «Die Schliessung des Platzspitzes hat kaum etwas bewirkt», sagt Toni P.* aus dem Glarnerland heute. Die Szene habe sich damals einfach zum Letten verschoben, wo weitaus das grössere Elend herrschte.

Der Platzspitz sei eigentlich ein grosser Markt gewesen. Neben Drogen in allen Varianten seien Fahrräder, Radios und Fotoapparate angeboten worden – gestohlene Ware. Die Szene war bunt: Neben offensichtlich Süchtigen waren auch solche mit Anzug und Aktenkoffer da. Bei seinem ersten Besuch war die Situation für den damals 18-jährigen P. gleichermassen erstaunlich wie beängstigend.

Vom Platzspitz zum Letten

Wenn die Polizei kam, setzte jeweils eine Völkerwanderung ein. Mit Gummischrot wurden die Junkies zusammengetrieben, sie mussten sich ausziehen und durchsuchen lassen. Einmal hat P. erlebt, wie im tiefsten Winter ein Junkie beschossen und ausgezogen wurde. Als er nur mit Unterhosen bekleidet dastand, stiess man seine Schuhe in die Limmat. «Heute verstehe ich, wie verzweifelt die Polizei wegen uns gewesen sein muss. Damals fand ich es unmöglich.» Selber hat er nur ein paar Gummischüsse auf seinen Rucksack abbekommen.

Als Heroinabhängiger kam P. in eine starke Stresssituation, als der Platzspitz geschlossen wurde. Schnell fand die offene Drogenszene jedoch einen neuen Ort: am Letten. Nur einige Meter entfernt vom Platzspitz wurden von Neuem Drogen angeboten.

«Die Stimmung am Letten war sehr aggressiv. Halbtote lagen in Urin und Erbrochenem.» Das Elend sei sehr gross, der Gestank unerträglich und die Ratten seien so gross wie Katzen gewesen. Nicht wenige Male wurde P. verprügelt. «Der Letten war kein Ort zum Verweilen. Wir holten unseren Stoff und machten uns davon. Am Platzspitz wars gemütlicher.»

Das Schlimmste in der Zeit als Abhängiger sei der dauernde Stress gewesen, sagt P. «Manchmal kamen wir mit dem letzten Zug am Abend von Zürich nach Glarus und am Bahnhof wartete die Polizei. Nach dem Verhör war es zwei Uhr und wir hatten wieder keinen Stoff.» Dann musste P. sich im Glarnerland auf die Suche machen. Sein kurzer Schlaf war von Albträumen geplagt.

«Heute weiss ich nicht, woher ich diese Kraft genommen habe.» Denn tagsüber arbeitete P. als Plattenleger. «Ich war nie arbeitslos, die ganzen neun Jahre meiner Abhängigkeit nicht.» Er habe das Geld schliesslich gebraucht. Alles ging für das Heroin drauf. Nicht mal Miete bezahlte er.

Eines Abends hat P. in einer Beiz in Glarus eine Frau getroffen, die ihm sagte, sie werde für ihn beten. Er tat es als dummes Geschwätz ab. An diesem Abend jedoch brauchte Toni P. kein Heroin, was für ihn damals unerklärlich war.

Mit Gott auf dem Weg

Er begann selber zu beten und wurde gläubig. Erstmals habe er erfahren, dass er nicht alleine sei, dass Gott ihn mochte, obwohl er viel Mist gebaut habe. P. traf die Frau wieder, sie riet ihm, eine christliche Therapie zu machen. Er war der Meinung, er müsse es selber schaffen, schliesslich sei er auch selber hineingeraten. Heute sagt er: «Es geht nicht selber.» Man brauche Unterstützung, man brauche etwas, an dem man sich festhalten könne.

Die Auseinandersetzung mit Gott hat aber zuerst alles nur noch schlimmer gemacht. P. begann, das Heroin zu spritzen. Bis dahin hatte er nur geraucht und geschnupft. Ein halbes Jahr später war es P. klar, dass er damit aufhören musste. Heute glaubt er, dass Gott dem Ganzen einen Riegel geschoben habe.

Heimlicher Entzug

P. versprach seinen Eltern, eine Therapie zu beginnen. «Eigentlich hätte man clean sein müssen für die Therapie. Ich habe meinen Entzug klammheimlich dort durchgeführt.» Vielleicht habe man es gemerkt, niemand habe jedoch etwas gesagt.

Als P. ins Glarnerland zurückkam, machte er reinen Tisch. «Viele alte Freunde sind aus allen Wolken gefallen, als ich ihnen von meiner Sucht erzählt habe. Sie hätten das nie von mir gedacht». Er habe aber auch Anerkennung dafür erhalten, dass er es geschafft habe. «Das macht mich schon ein bisschen stolz.»

Heute sieht er diesen Teil des Lebens vor allem als sehr lehrreich an. «Mich bringt einfach nichts mehr so schnell aus der Ruhe. Ich weiss, dass alles viel schlimmer sein könnte.»

*Name der Redaktion bekannt.

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