Andrea Capararo: Goldschmied, Gastgeber, Segler und überzeugter Optimist
Ob Selbstständigkeit, beruflicher Quereinstieg oder eigenes Segelboot: Andrea Capararo lebt die Träume, die viele Menschen hegen, die aber die meisten nicht zu leben wagen. Auf dem Hegisplatz führt er ein «Schmuckcafé».
Ob Selbstständigkeit, beruflicher Quereinstieg oder eigenes Segelboot: Andrea Capararo lebt die Träume, die viele Menschen hegen, die aber die meisten nicht zu leben wagen. Auf dem Hegisplatz führt er ein «Schmuckcafé».
kerstin hasse
Der 51-jährige Andrea Capararo steht in seinem «Schmuckcafé» am Hegisplatz in Chur und reicht einen Cappuccino über die Theke. Seine blonden Haare fallen ihm in die Stirn, tiefe Furchen zeichnen sich unter seinen Augen ab. Am linken Ohr trägt er einen grossen Ohrring, an beiden Händen sechs massive Ringe. Er hat sie selber geschmiedet, den einen als Übung in der Lehre, einen anderen als Belohnung am Ende seiner Ausbildung. «Den hier», sagt er und zieht sich einen einfachen, silbernen Ring vom Finger, «hab ich aus einem Fünfliber gemacht». Er fährt mit seinem rauhen Daumen über den Ring, dreht ihn um. Auf der unteren Seite sind drei kleine Steine eingelassen. An dem Ring übe er immer wieder. «Um das Setzen von Steinen professionell zu lernen, müsste ich nochmals vier Jahre eine Ausbildung machen. Ich habe es mir deshalb einfach selbst beigebracht.» Wie er sich so manches im Leben beigebracht hat - auch das Segeln. Auf seinen vielen Reisen durch die Welt entdeckte Capararo seine Leidenschaft für den Segelsport. 1999 kaufte er sich ein Boot in San Franciso. Er blieb in Amerika, brachte sich das Segeln bei und segelte dann alleine nach Mexiko. Seither steht sein Boot «Baobab» in einer Werft in La Paz – regelmässig nimmt sich Capararo Auszeiten und fliegt nach Mexiko.
Keine Angst vor Selbstständigkeit
Dass Capararo heute in seinem eigenen «Schmuckcafé» steht, hatte er nicht geplant. Eigentlich ist der Churer gelernter Schreiner. Doch 1998 musste er seinen Beruf aufgeben, Arthrose in beiden Knien liessen die körperliche Belastung nicht mehr zu. Er sattelte um und begann in «Tom’s Beer Box» zu arbeiten. «Ich bin gern Gastgeber», sagt er. Doch auch diese Arbeit machten seine Knie nach einigen Jahren nicht mehr mit, er musste sich zwei Operationen unterziehen. Capararo wusste, dass er eine Arbeit braucht. Rumsitzen sei nichts für ihn, sagt er. Das bedeute nicht, dass er ruhelos sei – ganz im Gegenteil. Er sei ein ruhiger Mensch. «Aber ich arbeite gerne.» Also entschied er sich – mit 46 Jahren – eine Lehre als Goldschmied zu absolvieren. Capararo erlernte beim Goldschmied Ulysse sein Handwerk und ging drei Jahre lang mit Teenagern in die Schule. Das sei eine schöne Zeit gewesen, sagt er. Nach seinem Abschluss gönnte sich Capararo eine Auszeit in Mexiko. Als er nach Chur zurückkehrte, sei ihm klar gewesen, dass er als 49-jähriger Lehrabschlussgänger keine Chance auf einen Job hatte. «Also musste ich mich selbstständig machen.» Angst vor diesem Schritt hat er nicht gehabt. «Weshalb auch – ich hatte ja nichts zu verlieren.» Er sei halt ein optimistischer Mensch, seine positive Lebenseinstellung habe ihn stets weitergebracht. Trotz Arthrose in beiden Knien und zwei Operationen steht er heute in seinem eigenen Laden. «Es kommt darauf an, was man aus dem Leben macht», sagt Capararo. Und was nach einer Floskel klingt, nimmt man ihm ab. Vielleicht, weil Capararo so authentisch wirkt, vielleicht, weil seine rauhen Hände zeigen, dass dieser Mensch die Dinge im Leben anpackt. Vielleicht aber auch, weil bei ihm ein solcher Satz gar nicht wie eine blosse Floskel klingt, sondern wie ein gut gemeinter Ratschlag.
Ein Gefühl für schöne Dinge
Durch seine Freundschaft mit dem Fotografen Andrea Badrutt kam Capararo zu dem kleinen Lokal am Hegisplatz, welches Badrutt als Lagerraum nutzte. Capararo hatte die Idee eines «Schmuckcafés» und diese Idee setzte er sogleich in die Realität um. Er renovierte die Räumlichkeiten, baute Sitzbänke, riss eine Maurer heraus und verputzte und strich das Lokal neu. Die Theke und Lampen baute er ebenfalls selbst und vergoldete sie mit Goldplättchen. «Die Lampen kommen gut bei meinen Gästen an. Vielleicht muss ich da auch noch ein paar produzieren und verkaufen», sagt er. Im Dezember 2012 eröffnete er sein «Schmuckcafé», seither sitzt er entweder an seinem Arbeitstisch im hinteren Teil des Lokals oder serviert Kaffee an seiner Goldtheke. Sein Schmuck gestalte er so, wie es ihm selber gefalle, die meisten Aufträge würden auf seinen Entwürfen basieren. «Ich denke, dass ich ein ganz gutes Gefühl dafür habe, wie Dinge aussehen sollten.» Deshalb sei das Lokal schön geworden und deshalb verkaufe sich auch sein Schmuck gut. Mit dem ersten Jahr sei er mehr als zufrieden. Er verdiene nicht das grosse Geld, aber das sei nicht wichtig. «Wenn es so weitergeht, bin ich happy», sagt er. Und es gibt keinen Grund, ihm das nicht zu glauben.
Das «Schmuckcafé» an der Sennhofstrasse 10 ist von Montag bis Donnerstag von 8.30 Uhr bis 14 Uhr und von Mittwoch bis Freitag von 8.30 Uhr bis 19 Uhr offen. Am Samstag ist das Lokal von 8.30 Uhr bis 16 Uhr geöffnet.
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