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Altgediente WEF-Kritiker zieht es nicht länger nach Davos

Public Eye hat das World Economic Forum (WEF) jahrelang kritisch begleitet. Das «öffentliche Auge» sieht Ende Januar nun zum letzten Mal auf das Treffen der Mächtigen und Reichen.

Südostschweiz
Donnerstag, 20. November 2014, 01:00 Uhr

Von Ueli Handschin

Davos. – The Public Eye on Davos wurde 1999 als internationale Kampagne lanciert. Ziel war es, das World Economic Forum kritisch zu begleiten und der neoliberalen Globalisierungspolitik Alternativen entgegenzusetzen. Gefordert wurden Transparenz und ein ausgewogeneres Teilnehmerfeld. Dass die Diskussion mit dem WEF das Forum kaum hätte verändern können, sei rasch klar geworden, erklärt Public Eye seinen Werdegang. Deshalb sei eine öffentlich zugängliche internationale Konferenz veranstaltet worden, zeitgleich wie das WEF und ebenfalls in Davos.

Die erste dieser Konferenzen fand 2001 statt. Sprecher von Nichtregierungsorganisationen und Wissenschafter kritisierten die Auswirkungen der Globalisierung auf Umwelt und Gesellschaft. Danach wurden alljährlich alternative Ansätze für eine gerechte und ökologisch nachhaltige Wirtschaft diskutiert.

«Auf gutem Weg»

Public Eye habe während 15 Jahren für eine «innovative Gegenöffentlichkeit zum WEF» gesorgt, loben die Verantwortlichen ihre Arbeit in einer gemeinsamen Mitteilung von gestern. Damit ist jedoch bald Schluss: Das WEF 2016 wird ohne die Gegenveranstaltung stattfinden, wie die Trägerorganisationen Greenpeace und Erklärung von Bern (EVB) mitteilten. Als Hauptgrund für den Rückzug wird «die Ankunft einer breiteren, konzernkritischen Koalition von Nichtregierungsorganisationen in Bundesbern» genannt. Gemeint ist die Kampagne «Recht ohne Grenzen», der sich über 50 Organisationen und Verbände angeschlossen haben.

«Recht ohne Grenzen» kämpft für verbindliche Regeln für Schweizer Unternehmen zum Schutz der Menschenrechte und der Umwelt. Geprüft wird die Lancierung einer Volksinitiative. Damit sei die politische Kernforderung des Public Eye «auf gutem Weg», versichern Greenpeace und die Erklärung von Bern.

Die beiden Organisationen bezeichnen das WEF als Privatveranstaltung und stellen fest, das Forum habe stark an Relevanz eingebüsst. «Der Anlass ist zur Globalisierungsfolklore verkommen», urteilt Oliver Classen, Sprecher der Erklärung von Bern. Zudem sei das WEF der falsche Ort für politische Forderungen. Denn diese richteten sich an demokratisch legitimierte Entscheidungsträger.

Ihren Public Eye Award, ein «Schmähpreis», der seit 2005 an Unternehmen verliehen wird, denen Menschenrechtsverletzungen oder Umweltvergehen vorgeworfen werden, bezeichnen die Trägerorganisationen als «stilbildenden Negativpreis». Die saure Zitrone wird am nächsten World Economic Forum ebenfalls zum letzten Mal vergeben.

Von Chevron bis Glencore

Wer am 23. Januar an den Pranger gestellt werden soll, wird einmal mehr von den Nutzern im Internet entschieden. Zur Wahl stehen der amerikanische Konzern Dow Chemical, verantwortlich für die Chemiekatastrophe im indischen Bhopal, der texanische Ölkonzern Chevron wegen der Umweltschäden, die er in Ecuador anrichtet, und der russische Energieriese Gazprom, der das Ökosystem der Arktis gefährdet. Nominiert sind zudem die US-Investmentbank Goldman Sachs, der Rohstoffkonzern Glencore und Walmart, der weltweit grösste Detailhändler.

Das Online-Voting zum letzten Public Eye Award gibts unter www.publiceye.ch.

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