×

Alte Stoosbahn unter Schutz?

Die Industrie hat eine eigene Kultur und Ästhetik geschaffen. Viel Einzigartiges wird jedoch als veraltet eingestuft und entsorgt. Nun sollen Zeugen der Industrie- und Verkehrsgeschichte auch im Kanton Schwyz erfasst werden.

Südostschweiz
13.03.13 - 01:00 Uhr

Von Franz Steinegger

Kanton. – Die «Schwyz» war für ihn die Initialzündung. «Ich war seit jeher an historischen Kulturgütern interessiert», erzählt Pascal Troller. 1997 hat er die letzte erhalten gebliebene SOB-Dampflokomotive «Schwyz» beim Bahnhof Wädenswil vom Denkmalsockel geholt und die finanziellen Mittel für die Revision sichergestellt. Seit 2008 ist sie beim Dampfverein Zürcher Oberland vor Nostalgiezügen wieder im Einsatz. Zwischenzeitlich hat der Solothurner weitere Projekte initiiert. Er hat mit dem Erhalt der Lokomotiv-Drehscheiben Meiringen BE und Giswil OW die historische Brünig-Dampfbahn gerettet, eine zweite Dampflok zum Leben erweckt und sich der Realisierung weiterer anerkannter Projekte auf dem Gebiet der Industriekultur angenommen. Somit entstand in den letzten Jahren ein ansehnliches Netzwerk von Fachleuten, Donatoren und Politikern.

Zeugen der Industriegeschichte

Troller hat seinen Wirkungskreis ausgeweitet. Seit 2005 arbeitet er mit dem Winterthurer Hans-Peter Bärtschi zusammen. Bärtschi gilt in der Schweiz als Pionier auf dem Gebiet der Industriekultur. «Die Schweiz ist mit der Industrie gross geworden und hat es mit ihr zu Reichtum gebracht. In anderthalb Jahrhunderten entstanden ganze Industrielandschaften», sagt Pascal Troller. «Sie hat eine eigene Kultur und Ästhetik geschaffen.»

Troller und Bärtschi sind die treibenden Kräfte in der ISIS, der Informationsplattform für schützenswerte Industriekulturgüter der Schweiz. Ziel dieses Projektes ist es, fächendeckend über die ganze Schweiz ein Inventar über schützenswerte Zeugen des Produzierens und Transportierens zu realisieren. «Damit wollen wir Behörden, Denkmalpflege und die Bevölkerung auf die wichtigen Objekte dieser Epoche aufmerksam machen.»

Die aufwendige Arbeit wird etappiert. 2006 konnten die Industriekulturgüter des Kantons Bern aufgenommen werden. Anschliessend folgten Zürich und die Ostschweiz. In Bearbeitung ist gegenwärtig die Etappe beider Basel. Gleichzeitig arbeitet Troller an der Finanzierung der 5. Etappe, in welcher die Kulturgüter der sechs Zentralschweizer Kantone und damit auch Schwyz erfasst werden.

Letzte Gelegenheit

«Es ist die letzte Gelegenheit, diese Industrie- und Verkehrsgüter nach wissenschaftlichen und pädagogischen Kriterien zu erfassen und mit bestehenden Inventaren zu vernetzen, sonst wird das Wissen bereits in relativ kurzer Zeit verschwinden. Nicht zuletzt deshalb wird auf diesem Gebiet in den nächsten Jahren vieles unmittelbar von unseren persönlichen Anstrengungen abhängig sein. Wir sind eine aussterbende Spezies», charakterisiert Troller sein Engagement. «Beim ISIS geht es nicht um eine Unterschutzstellung, sondern um die Inventarisierung der noch verbleibenden Mobilien, Immobilien, Archivalien und Musealien. Gleichzeitig sollen die zukünftigen Entscheidungsträger für diese Güter sensibilisiert werden.»

Welche Objekte die ISIS im Kanton Schwyz im Visier hat, ist noch nicht abschliessend geklärt. Auf der Liste sind unter anderem Objekte wie die Stoosbahn, der Hochperron in Goldau, die Spinnerei und das Kraftwerk Wägital in Siebnen und der Sihlsee als ältester Stausee der Schweiz.

Die Finanzierung läuft

Troller hat seine Mission zum Beruf gemacht. Er ist der Netzwerker des Projektes ISIS, Hans-Peter Bärtschi der Fachmann. Um die anspruchsvollen Ziele zu erreichen, reicht die anfänglich auf privaten Mitteln basierte Finanzierung nicht mehr. Für das Erfassen der Objekte in der Zentralschweiz sind 515 000 Franken budgetiert. Der Bund hat 100 000 Franken in Aussicht gestellt, der Kanton Schwyz steuert 50 000 Franken bei, weitere Beiträge kommen von privaten Donatoren. Damit das Projekt Zentralschweiz realisiert werden kann, fehlen noch rund 100 000 Franken. Sämtliche Gemeinden des Kantons Schwyz und der übrigen Zentralschweizer Kantone haben in den letzten Wochen für das ISIS ein Beitragsgesuch erhalten.

Weitere Infos unter industriegeschichte.ch oder pascaltroller.ch

Warum soll die 1933 gebaute und bald ausser Betrieb gehende Stoosbahn unter Denkmalschutz gestellt werden? «Die Stahlfachwerk-Brücke über die Muota ist aussergewöhnlich und der Felseinschnitt des Trassees markant. Der Bau der Bahn war damals eine grosse Sache», beantwortet der Historiker Hans-Peter Bärtschi die Frage und relativiert: «Es geht uns in erster Linie darum, das Objekt ins Hinweisinventar aufzunehmen, um die Denkmalpflege auf die Bedeutung aufmerksam zu machen. Damit möchten wir die Stoosbahn vor einem voreiligen Rückbau sichern.» Entscheiden würden die Behörden vor Ort. Mit der Inventarisierung wolle man feststellen, welche Teile möglicherweise wichtig sind: «Nur die Brücke, das Trassee, die gesamte Bahn, welche Teile? Das wissen wir jetzt noch nicht», sagt Bärtschi. Auch müsse geklärt werden, was man mit den Teilen oder dem Ganzen «danach» anfangen wolle. (ste)

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu MEHR