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«Als wäre es gestern gewesen»

50 Jahre nach seinem Sieg am Hahnenkamm sitzt Willi Forrer gemütlich zu Hause in Klosters auf seinem Sofa. Gemeinsam mit Ehefrau Johanna Forrer blättert er in den Fotoalben und schwebt in Erinnerungen an eine wilde Zeit.

Südostschweiz
19.01.12 - 01:00 Uhr

Von Jennifer Staiger

Vom 20. bis 22. Januar findet in Kitzbühel eines der spektakulärsten Skirennen des Jahres statt. Johanna und Willi Forrer, die seit einigen Jahren in Klosters leben, wurden nach Österreich an den Hahnenkamm eingeladen, um dort auf der Ehrentribüne das Rennen live mitzuverfolgen und vielleicht noch einmal den Blick aus dem Starthäuschen zu wagen. 1962 hat Willi Forrer den Hahnenkamm für sich entschieden. Einer von vielen Erfolgen: Siebenmal ist er das Lauberhornrennen gefahren, vier mal war er Schweizer Meister, viermal WM-Vierter, und 20-mal stand er bei internationalen Skirennen zuobert auf dem Podest – die Skirennfahrer-Legende Willi Forrer.

Grosse Ehrfurcht

«Schon 50 Jahre ist es her, doch scheint es mir, als wäre es gestern gewesen – der Start ist enorm steil, er verlangt den Fahrern unheimlich Respekt ab!» erinnert sich Forrer ehrfürchtig an seinen Auftritt am Hahnenkamm. Ehefrau Johanna Forrer wirft den Kopf in den Nacken und lacht lauthals. Auch sie wurde von ihrem Mann einmal in die Startbox beim Hahnenkamm gezwängt: «Willi hat mich einfach da drin abgestellt und ist davongedüst.» Noch nie zuvor habe sie einen Stoppschwung in solch einer Hangneigung gemacht, es sei so unglaublich steil. «Nie wieder würde ich das machen!» Johanna hat ihm dennoch verziehen und sieht ihrem Mann verschmitzt entgegen.

Die Streif ist bekannt als die spektakulärste Skiabfahrt der Welt. Sprünge bis zu 80 Meter, Steilhänge bis zu 85 Prozent und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 103 Stundenkilometern sprechen für sich. «Ich gratuliere allen, die hier runtergefahren sind. Ich glaube, wir spinnen!» soll der mehrfache Skiweltmeister Didier Cuche diesen Lauf einmal kommentiert haben. Auch Willi Forrer stimmt dieser Aussage zu: «Das Wichtigste ist es, intelligent zu fahren – höchst konzentriert und nicht kopflos.»

Rennsport damals und heute

«Sport ist mir bis heute eine sehr gute Lebensschule», philosophiert Forrer, der einen grossen Teil seiner Freizeit der Brauchtumsmalerei widmet. Seine Augen glänzen, als er in seinen Fotoalben blättert. Auf die Frage hin, was wohl heute der Hauptunterschied gegenüber dem Rennsport vor 50 Jahren sei, räuspert er sich. «Zuerst möchte ich klarstellen, dass ich wohl zur schönsten Zeit auf die Welt gekommen bin, die man sich vorstellen kann.» Willi Forrer durfte die ganze Entwicklung der Perfektion im Skisport selbst miterleben. Angefangen hat er mit Holzski auf einem Hügel hinter dem Elternhaus im Toggenburg. «Damals hatten wir handgefertigte Lederskischuhe.» Während der Rennjahre arbeitete er jeweils von April bis November tagsüber als gelernter Ski-Wagner in einer Skifabrik. Das Konditionstraining übte er nach der Arbeit im Dunkeln aus, Fitnesscenter und Flutlichtanlagen gab es keine.

Die grössten Veränderungen sieht Forrer aber vor allem beim Material. Es habe sich sehr viel in Sachen Ski, Bindung und der Präparation verbessert. «Damals in der Nationalmannschaft haben wir die Ski noch eigenhändig mit Feile, Pinsel und Bügeleisen präpariert – ohne das ganze chemische Flickzeug.» Wichtig sei das ‘Brösmali’ Silberwachs gewesen, das man hinzugab, damit die Konkurrenz die Wachsmischung nicht ausfindig machen konnte, erzählt der Skirennfahrer stolz. Eine weitere Entwicklung sei die Pistenpräparation. Die Sturzräume seien sicherer, ohne Bäume und Felsen am Pistenrand, weniger Unebenheiten und ausserdem mehr Fangnetze. «Das ist doch schade, denn früher war die Linienwahl bei den besten Fahrern sehr unterschiedlich und somit auch spannender für die Zuschauer», erläutert der langjährige Champion schmunzelnd.

«Keine Nostalgie mehr»

«Der Mensch hat die Tendenz, von einem Extrem ins nächste Extrem zu gehen. Für jedes Baby existiert ja bereits eine olympische Disziplin», scherzt Forrer, der auch politisch sehr interessiert ist. Dass Sackhüpfen keine eigene olympische Disziplin ist, scheine ihm nahezu ein Wunder.

Doch nach all seinen Erfolgen und einer unglaublichen Portion Lebenserfahrung blickt der mittlerweile 76 Jahre alte Mann glücklich zurück. «Das Skifahren ist mir eine Lebenslehre gewesen, und ich führe weiterhin ein wunderschönes Leben.» Seine Träume habe er alle realisieren können, und darüber sei er sehr glücklich.

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