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Als Indermaurs Wohnung zum Kulturzentrum wurde

Zum 40-Jahr-Jubiläum des Theaters Klibühni in Chur haben am Sonntag einige der Gründungsmitglieder von den Anfängen der Institution erzählt. In Erinnerungen schwelgten Barbara und Robert Indermaur, Walter Lietha und Gian Gianotti.

Südostschweiz
Dienstag, 23. September 2014, 02:00 Uhr

Von Ursina Trautmann

Chur. – Sommer 1983: Über dem Arcas-Platz in Chur schweben 230 grosse, bunte Kinderballons. Es ist Klibühnifest. Ganze neun Jahre alt ist das alternative Kleintheater an der Kirchgasse 14 geworden. Mit dem Fest auf dem Arcas tragen seine Sympathisanten den Geist des Kleintheaters in die Stadt.

An den bunten Ballonen über dem Arcas hängt ein Gartensitzkorb. Und darin sitzt ein Mann. Er hat sich für zehn Rappen pro Körperkilogramm von den Ballonen in die Lüfte ziehen lassen. Unten am Boden bedient Kunstmaler Robert Indermaur die Seilwinde. Als es Metallteile herab regnet wird ihm aber schmuch. Der Korbstuhl ist mit Briden und Schrauben an den Ballonen befestigt. Der Künstler befürchtet das Schlimmste. Schnell wird der Mann im Korbstuhl aus 40 Metern Höhe zurück auf den Boden gebracht. Die Beteiligten atmen auf. Dem Ballonflieger fiel nur das Münz aus der Tasche. Den ganzen Tag lang lassen sich weitere Festbesucher von den Ballonen über die Stadt hochziehen.

Künstler Indermaur bezeichnet die Aktion von damals als einen Bubentraum: mit Luftballons fliegen. «Wir fragten bei der Polizei um eine Bewilligung für eine Aktion in der Luft», erzählte Indermaur nach einem Gespräch zum 40-Jahr-Jubiläum des Theaters Klibühni am Sonntag. Die Stadtpolizei habe ihn damals ans Luftamt verwiesen, und dieses beschied, dass es für den Luftraum bis 200 Meter nicht zuständig sei. Ein Freiraum, den die Kulturschaffenden zu nutzen wussten.

Kultur ohne Anzug und Krawatte erleben

Der Ruf nach Freiräumen hatte die Stadt allerdings schon zehn Jahre zuvor erreicht. Das Stadttheater hatte zu Beginn der Siebzigerjahre ein festes Ensemble. Aber die Inszenierungen waren «verstaubt». So zumindest empfanden es etliche junge Leute in der Stadt. Sie wollten Kultur ohne Anzug und Krawatte erleben und vor allem auch selbst Kultur schaffen. Indermaur fand in den Räumlichkeiten der städtischen Liegenschaft «Schnidrzunft» ein erschwingliches Atelier. In der einen Hälfte des Raumes habe er gearbeitet, in der anderen mit seiner späteren Frau Barbara gewohnt, erzählte Indermaur. Als Tochter Rebecca zur Welt kam, mieteten die beiden ein Nebenzimmer dazu. Heute ist in der ehemaligen «Künstlerwohnung» das Theater-Foyer untergebracht. In diesem Foyer fanden sich am Sonntag mehrere Dutzend Klibühni-Freunde ein, um Gründergeist und die Gründerzeit aufleben zu lassen. Das Gespräch zwischen den Indermaurs, Regisseur Gian Gianotti, Liedermacher Walti Lietha und dem Publikum war eine Art Vollversammlung des Erinnerns.

Der Innenhof an der Kirchgasse 14, das war den «Kulturaktivisten» vor 40 Jahren klar, bot sich für kulturelle Veranstaltungen an. Und so kam es zum ersten Auftritt von Walter Lietha. Es folgte im Sommer 1974 eine Theaterinszenierung. «Szenen für sechs Schauspieler. Studie über die Entwicklung des Individuums vom Anfang bis zur grossen Gemeinsamkeit» von Regisseur Gian Gianotti.

«Die Küche war Garderobe und Schminkraum»

Schliesslich gründeten die Indermaurs 1974 mit Ursula und Fortunat Anhorn, Annalisa und Peter Zumthor, Jürg Hartmann und Marianna Fromm sowie Hanspeter Hänni den Verein Klibühni Schnidrzunft. Um die Veranstaltungen in der Klibühni zu finanzieren, wurden Gänggalimärkte und das jährliche Klibühnifest organisiert. Im Sommer gab es wie auch heute noch die «Höflibeiz».

Ein Glücksfall für die Kulturschaffenden war zudem der neu gewählte Stadtpräsident Andrea Melchior vom Landesring der Unabgängigen. Er hatte für ihre Anliegen ein offenes Ohr. Bevor es für den neuen Spielort aber städtische Gelder gab, musste die Klibühni beweisen, dass sie Bestand hatte. Die ersten zehn Jahre arbeiteten alle gratis und in ihrer Freizeit für das Theater. Die kulturellen Veranstaltungen waren die Belohnung dafür. 35 bis 40 Personen halfen bei den Grossanlässen mit. Rund 30 Vorstellungen gab es den Sommer über im «Höfli». Am Ende der Vorstellung wurde zunächst eine Kollekte aufgestellt. «Unsere Küche war damals Garderobe und Schminkraum, und zwischen die Doppeltüren des Kinderzimmers legten wir während der Vorstellungen zur Lärmdämmung Matratzen», erinnerte sich Barbara Indermaur.

Im Jahr 1984 erhielt das Theater ein festes Sekretariat. 30 Jahre später gibt das Kleintheater Dutzenden von Kulturschaffenden aus Graubünden, aber auch dem In- und Ausland Arbeit. Rund 120 Veranstaltungen stehen auf dem Jahresprogramm. Geschäftsführer Reto Bernetta hat für den Betrieb ein Budget von rund 750 000 Franken. Zwei Vollzeitstellen, fünf Eigen- und zwei Koproduktionen sowie die Gastspiele werden mit dem Geld finanziert. Der Gründergeist wacht noch heute über den Räumen. «Wir sind immer offen für Neues», sagte Bernetta. Zahlreiche Bündner Kulturschaffende gaben und geben in der Klibühni ihr Debüt. Sei es in der Musik, im Tanz, Theater oder Kabaret.

Programm und Reservation im Internet unter www.klibühni.ch. Noch bis zum 27. September ist die Jubiläumsproduktion «Sternenbestie – die Alien-Revue» zu sehen.

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