«Als Coiffeur war man oft auch Seelsorger»
Senioren sind wandelnde Geschichtsbücher. Sie können viel erzählen. Jeweils dienstags lassen ältere Personen die «Südostschweiz»-Leser an ihrem Leben teilhaben. Heute Hans Desax (81), Gommiswald.
Senioren sind wandelnde Geschichtsbücher. Sie können viel erzählen. Jeweils dienstags lassen ältere Personen die «Südostschweiz»-Leser an ihrem Leben teilhaben. Heute Hans Desax (81), Gommiswald.
«Vater bekam eine Arbeit in der Firma Joweid in Rüti und zügelte deshalb von Disentis nach Rapperswil. Dort bin ich 1931 in der Müsegg am Herrenberg geboren und mit zwei Schwestern aufgewachsen.
Als 1939 die Mobilmachung kam und Vater einrücken musste, war ich so stolz auf ihn; wie er dastand am Bahnhof in seiner Militäruniform. Ich konnte gar nicht begreifen, warum die Frauen alle weinten. Während der Abwesenheit der Männer dominierten nun die Frauen den Herrenberg. Wir bildeten alle eine grosse Familie, denn jeder war auf den anderen angewiesen und das schweisste zusammen. Da wurde nie gestritten.
Während dem Diensturlaub ging Vater morgens um 5 Uhr vor der Arbeit zum Fischen und war dabei sehr erfolgreich. Er galt als ‘Fischerkönig’ – und so waren Fische zu dieser Zeit unser Hauptgericht. Ja, man wusste sich zu helfen: Für unseren Gartenertrag sammelte ich auf den Strassen Rossmist, und zum Heizen verwendeten wir auch nassgepresste und getrocknete Zeitungen. Die brannten wie Brikettes.
1944 zügelten wir nach Disentis. Wir konnten dort das Elternhaus meines Vaters mitsamt der über 100-jährigen Wollkarderei übernehmen. Sie diente der Schafwollverarbeitung. Zusätzlich besassen wir Hühner, Geissen und Schweine und waren damit praktisch Selbstversorger.
Bei der ortsansässigen Jugend fand ich schnell Anschluss, war ich doch ein guter Turner und als Seebub ein guter Schwimmer. Im Fischweiher brachte ich ihnen das Schwimmen bei, auch wenn sie dabei fast den See ausgetrunken haben. Im Gegenzug lernte ich von ihnen das Skifahren.
«Die Lehre machte ich bei der Tante»
Nach der Sekundarschule im Kloster Disentis arbeitete ich vorerst zwei Jahre in der Wollkarderei. Später machte ich bei meiner Tante, die einen Coiffeursalon in Madiswil BE hatte, die Coiffeurlehre. Nicht gerade zu Vaters Freude. Er meinte: ‘Coiffeur? Nei, du wärsch doch eine zum Schaffe!’
In Losone machte ich die Grenadierschule. Noch nie zuvor hatte ich das Wort ‘Grenadier’ gehört. Doch es war sehr interessant und immer was los; während andere in der RS noch das korrekte Grüssen übten, warfen wir schon mit Handgranaten um uns.
Meine Frau, Elisabeth Goldmann, lernte ich in Disentis kennen, und wir heirateten 1954. Noch heute ist das Rätoromanische unsere ‘Geheimsprache’. Drei Söhne wurden uns geboren, und rückblickend gesehen, war das für uns jedesmal wie ein 6-er im Lotto.
Nach einigen Aushilfsstellen konnten wir den ersten Coiffeursalon von 1958 bis 1962 in Kilchberg führen. 1962 kaufte die angrenzende Lindt & Sprüngli die Liegenschaft, und wir siedelten nach Gommiswald um. Hier konnten wir ein Haus erwerben. Möglich war dies, weil wir immer sehr sparsam gelebt haben. So machte ich zum Beispiel erst im Alter von 48 Jahren die Autoprüfung. Überhaupt war ich nie der Typ Mensch, der von sich sagt: ‘Schaut her, was habe ich doch erreicht!’ Ich bin immer auf dem Boden geblieben.
Früher machte das Rasieren einen grossen Teil der Arbeit eines Coiffeurs aus. Ich hatte einen Kunden, der liess extra zweimal wöchentlich zwei Pferde vorspannen, um sich bei mir rasieren zu lassen. Es gab damals nur dieses eine klassische Rasiermesser. Nicht jeder konnte damit umgehen, und das Verletzungsrisiko war gross, wenn man den Umgang damit nicht gewohnt war. Es musst ja auch sehr scharf sein.
«Früher war das Rasieren wichtig»
Wichtig ist das Einweichen vor der Rasur mit Seife. Dann sollte man auch nicht gegen die Haarwuchsrichtung schneiden. Dabei würde das Haar zu weit unter die Haut zurückgezogen. Wenn es dann nachwächst kringelt es sich unter der Haut und verursacht Probleme.
Nur eine Elefantenhaut verträgt das. Viele Kunden kauften sich gleich noch ein Pitralon-Rasierwasser oder eine Brylcreme. Diese Brillantine liess das Haar auf 100 Meter Distanz glänzen.
Als Coiffeur war man früher oft auch Seelsorger, und mancher fragte mich nach meiner Meinung in persönlichen Angelegenheiten. Heute drehen sich die Gespräche meistens um den Beruf oder den Sport.
Dieses Jahr feiern wir das 50-Jahr-Jubiläum und ich arbeite noch immer 2½ Tage pro Woche in meinem ‘Hobbyraum’. Am besten gefällt es mir halt, wenn ich Beschäftigung habe.»
Aufgezeichnet von Gaby Kistler.
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