Alice im Wummerland – Goa-Musik erklingt in Filisur
In Filisur findet dieses Wochenende die erste Ausgabe des Goa-Festivals One Love statt. Vier Tage Bässe, Beats, Buntmenschen, Sphärisches und Schlamm.
In Filisur findet dieses Wochenende die erste Ausgabe des Goa-Festivals One Love statt. Vier Tage Bässe, Beats, Buntmenschen, Sphärisches und Schlamm.
Von Anja Conzett
Filisur. – In Lewis Carrolls märchenhafter Parabel über das Mysterium des Erwachsenwerdens stolpert Protagonistin Alice einem weissen Hasen hinterher in dessen Bau und ins dahinterliegende Wunderland. Der weisse Hase ist an diesem Wochenende ein Ticket fürs One-Love-Festival in Filisur und das Rabbit Hole, ein Waggon der RhB. Junge Frauen in feenhafter Montur, gesichtsbehaarte Rastaträger in Haremshosen. Und Räucherstäbchenparfüm. Viel Räucherstäbchenparfüm.
Insgesamt 5000 Besucher werden zum ersten Mal stattfindenden, viertägigen One Love erwartet. Ist das malerisch verschlafene Filisur bereit, von so vielen Wunderländlern wachgeküsst zu werden? Es scheint so. Die Filisurer Bevölkerung gibt sich dem Festivalvolk gegenüber wohlgesinnt, schon komische Vögel seien das, aber freundliche. Friedlich und anständig.
Friedlich und anständig shuttelt der Bus auf den Zeltplatz. Bereits der Weg zum Gelände ist aufwendig geschmückt. Steintürmchen, Baumrinden- und Moosornamente, Windspiele. Und Sprüche auf Tafeln: «Alles wiederholt sich im Leben, nur die Fantasie bleibt ewig jung.» Äh … ja. Und wie sagte Nietzsche noch so schön: «Alle Lust will Ewigkeit.» Doch genug der Glückskekseplünderei, denn da tut sich auch schon das Festivalgelände auf. Der erste Stand gehört der Drogenberatungsstelle Rave It Save. Von Konsum wird generell abgeraten – aber wenn, dann bitte so und so …
Tanzen unter Regenschirmen
Das Wetter ist derweil nicht so tolerant. Gefühlte zehn Grad und eine Luftfeuchtigkeit, mit der man die Tropen neidisch machen könnte – a Händscha-Summer. Die Goaner scheint das nicht zu stören, sie tanzen neben der aufwendig geschmückten, überdachten Tanzfläche unter Regenschirmen, und sind die Schuhe nass, wird barfuss weitergemacht. Wer nicht tanzen will, liegt im Hängemattenzelt oder auf den Kissenlandschaften.
Das kulinarische Angebot zeichnet sich durch ausnehmend viel vegetarische Stände aus. Ansonsten steht «CH-Fleisch» oder «Bio» auf den Schildern. Gratisfrüchte, Sojamilch am Kaffeestand – Wildkräutertoast? Wildkräutertoast. Das Mineral kostet nur einen Franken, frisches Quellwasser gibts gratis von einem altarähnlichen Gebilde, der frischgebrühte Chai-Tee fliesst in Strömen, beim Alkohol zeigen sich die Festivalbesucher eher zurückhaltend.
Vielleicht mit ein Grund, warum die Stimmung so lieblich ist. Pöbeleien bleiben aus, die verteilten Aschenbecher werden rege genutzt, der Müll wird nicht nur konsequent entsorgt, sondern auch gleich getrennt. Dem mit viel Liebe zum Detail dekorierten und gestalteten Gelände wird Respekt gezollt.
360 Mal pro Minute nicken
Das Schmückstück des Festivals ist die Mainstage. Zwei Konzerte sind vorgesehen, der Rest sind Set- und Live-DJs mit klingenden Namen wie Audiofisters, Deep Emotion und Psyrabbit. Goa Sound muss man sich so vorstellen, als nicke man 360 Mal pro Minute mit dem Kopf, verstärke die dabei entstehenden Gehirnerschütterungen mit einem wuchtigen Bass, setzte ein im Tempo halbiertes Hi-Hat dazwischen und packe darauf eine Regenbogen-Cellophanschicht Synthesizer – ein nicht enden wollender psychedelischer Teppich aus Zweitakt. Aber das freilich nur für ungeübte Ohren, das geschulte Goa-Gehör erkennt innerhalb des Genres selbstredend verschiedene Strömungen und Stile.
Hippies With Gadgets
Bei Goa-Festen handelt es sich aber nicht primär um Musikfestivals. Das äussert sich in den sphärischen Dekorationen, den vielen Chill-out-Zonen und den Workshopangeboten des One Love: Yoga, Firedancing und HulaHoop. Stimmung ist Trumpf. Seinen Ursprung hat die Bewegung in den Siebzigerjahren, in einem Ashram nahe des namenstiftenden Goas, in dem westliche Spiritualtouristen in Tanzmeditation unterrichtet wurden. Irgendwann hatte dann mal jemand einen Synthesizer dabei und voilà – Goa. Goaner sind folglich Hippies With Gadgets, will sagen mit berauschender Beleuchtung, Lasern, DJ-Pults und einer 10 000-Watt-Anlage mitten im Wald von Filisur.
Während es wummert, lässt die Albula über Nacht ihre türkise Pracht – bedrohliches Schlammbraun stürzt dicht neben dem Zeltplatz ins Tal. Einigen ists genug der Nässe, sie trollen zum Bahnhof zurück. Aber es kommen immer mehr Neue und werden mit vereinzelten Sonnenstrahlen belohnt. Eine gelungene Premiere, trotz Regen in der Parade.
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