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Air Asia setzte auf PR-Tricks statt Sicherheit der Passagiere

Der Chef der südostasiatischen Billig-Airline Air Asia zog keine Lehren aus dem Verschwinden des Flugzeugs MH 370 vor neun Monaten. Am Sonntag ist eine seiner Maschinen mit 162 Menschen an Bord mit höchster Wahrscheinlichkeit abgestürzt.

Südostschweiz
30.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Willi Germund

Jakarta – Ein paar Stunden, nachdem Flug QZ 8501 von Air Asia auf dem Flug von Surabaya nach Singapur inmitten Dutzender anderer Flugzeuge ohne Notruf vom Radarschirm verschwand, wechselte die Konzernführung das Logo der Billigfluglinie vom fröhlichen Rot-Weiss in düstere grau-weisse Farben. Der malaysische Firmenchef Tan Sri Anthony Francis «Tony» Fernandes nutzte das soziale Netzwerk Twitter, um der Welt seinen Seelenzustand mitzuteilen. «Das ist mein schlimmster Albtraum», schrieb er und bemühte die nichtssagende Floskel, die Firmen, Behörden und Politiker bei Unfällen mittlerweile gebetsmühlenartig wiederholen: «Ich fühle mit den Angehörigen der Passagiere und der Crew.»

Vor dem mutmasslichen Absturz des mit 162 Menschen besetzten Airbus in die durchschnittlich bloss 46 Meter tiefe Javasee zwischen Java und Borneo indes war dem gewitzten Werbeprofi Fernandes Profit wichtiger als seine Mitarbeiter und Passagiere. Obwohl Flugzeughersteller wie Airbus und Boeing seit dem spurlosen Verschwinden von Flug MH 370 von Malaysia Airlines im März verstärkt Ausrüstung anboten, die bei einem Absturz im Meer die Ortung einfacher machen würde, zeigte Fernandes kein Interesse. Auch die deutsche Allianz-Versicherung, laut eigenen Angaben der führende Versicherer der Fluggesellschaft aus Malaysia, sah offenbar keine Veranlassung, Druck auf die Fluggesellschaft auszuüben.

«Jetzt kann jeder fliegen»

Dem Mann, der mit dem Werbeslogan «Jetzt kann jeder fliegen» die 2001 für 25 Cents gekaufte Fluglinie Air Asia in eine weltbekannte Marke verwandelte, waren niedrige Kosten wichtiger – wie auch allen anderen Fluggesellschaften in Südostasien. Selbst leistet sich der 50-jährige Fernandes, dessen Vermögen vom englischsprachigen «Forbes Magazine» kürzlich auf 650 Millionen Dollar geschätzt wurde, als Hobby den englischen Premier-League-Fussballklub Queens Park Rangers genauso wie den seit fünf Jahren in der Formel 1 startberechtigten Rennstall Caterham F1 Team.

Jetzt warten verzweifelt weinende Angehörige in Surabaya und Singapur auf Nachrichten. Insgesamt suchen 30 Schiffe, rund 50 Flugzeuge und Hubschrauber aus der ganzen Region sowie Dutzende Fischer von der indonesischen Insel Betilung die Javasee nach Trümmerresten der Maschine von Air Asia ab. Henry Bambang Soelistyo, Indonesiens Leiter der Suchaktion, glaubt: «Das Flugzeug liegt am Meeresboden.» Präsident Joko Widodo verkündete, die Inselnation Indonesien setze alle zur Verfügung stehenden Mittel ein, um so rasch wie möglich etwas über den Verbleib der verschollenen Maschine zu erfahren. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass die Suche mangels eingebauten Ortungsgeräten in dem verschollenen Airbus lange andauern könnte. Die Javasee ist mit 130 000 Quadratkilometern mehr als dreimal so gross wie die Schweiz. Im Jahr 2007 dauerte es geschlagene zehn Tage, bis das erste Wrackteil einer abgestürzten Maschine von Adam Air in dem flachen Meer zwischen Java, Sumatra und Borneo entdeckt wurde. Sie war auf dem Weg von Surabaya nach Manado verunglückt.

Experten waren gestern denn auch nicht überrascht, dass zwei Öllachen nahe der Insel Betilung sich ebenso als falsche Spuren erwiesen wie «ungewöhnliche Objekte», die ein australisches Suchflugzeug gesichtet hatte. Zumindest besteht nach dem Verschwinden von QZ 8501 bei den Suchmannschaften Gewissheit, dass sie im Gegensatz zum Fall von MH 370 im März diesen Jahres im richtigen Gebiet suchen. Damals war zwar wie auch jetzt jeder Funkkontakt abgebrochen. Aber weder der Luftraumkontrolle von Malaysia noch jener des benachbarten Thailands war aufgefallen, dass die verschollene Maschine noch stundenlang auf den Radarschirmen zu sehen war, während sie vom Golf von Thailand Richtung Indischen Ozean düste.

Teure Panzer statt Spezialgeräte

QZ 8501 verschwand am Sonntagmorgen von den Radarschirmen, nachdem ohne jeden Notruf der Funkkontakt abgebrochen war. Aufzeichnungen aus dem Kontrollturm am Flughafen von Surabaya lassen vermuten, dass der sechs Jahre alte Airbus mit einer Geschwindigkeit von rund 650 Kilometern pro Stunde in einen Steigflug überging – und damit so langsam war, dass die Maschine ins Trudeln geriet und ins Meer stürzte.

Letzte Gewissheit über die Ursache dürfte es aber nur mit den Aufzeichnungen der sogenannten Blackbox geben. Bislang konnte freilich auch das Ortungssignal, das die mit Sprachrekorder und Aufzeichnungen technischer Daten gespickte orangefarbene Kiste nach einem Unglück aussendet, nicht entdeckt werden. Gestern schickte Singapur nun ein Expertenteam mit Spezialgeräten nach Betilung. Indonesien, das im vergangenen Jahr für teures Geld deutsche Panzer gekauft hatte, hatte zuvor erklärt, das Land sei mangels Ausrüstung nicht zu einer Unterwassersuche in der Lage.

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