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Abschied von einem Land, in dem man fremd bleibt

Sie ging als «Matratze» durch die laute chinesische Welt. Nun nimmt die Ostasien-Korrespondentin der «Südostschweiz» Abschied aus Peking, einem aufwühlenden Alltag, der ihr doch ans Herz wuchs.

Südostschweiz
03.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Inna Hartwich

Peking. – Der Junge schaut ernst. Er starrt geradeaus, bis er einen kleinen Schritt nach vorn macht und seine Hand ausfährt. Der Zeigefinger richtet sich direkt auf mich: «Guck mal, Mama, ein ‘waiguoren’!», schreit er laut durch den Wagen der U-Bahn. «Ausländer!» Nun schauen auch alle anderen.

Egal, wo man in China hinkommt, man ist immer auffällig. Anders, besonders. Auf dem Land noch mehr als in den Metropolen. Wenn das Gegenüber nett sein will, ruft er einem ein grelles «waiguoren» hinterher, etwas veraltet kommt «laowai» daher. Man bleibt immer der Fremde, dem man hie und da einen kleinen Einblick in seine Welt gewährt. Den man zuweilen meidet, weil die eigene Regierung einem eingetrichtert hat, dieser Fremde sei ein fürchterlicher Aufrührer, dem bitte sehr nicht allzu viel erzählt werden solle. Den man bewundert, weil er aus dem sauberen, schönen, ja putzigen Europa kommt. Den man einfach nur beschaut und fotografiert.

Aber warum nur?

Es ist ein Annähern. Ein schwieriges Kennenlernen. Natürlich will China dem Gast nur seine besten Seiten zeigen. Der Gast aber will hinter die Fassade blicken. Das sorgt für Verdruss – auf beiden Seiten. Warum nur will der Gast sich mit den Bauern treffen, die ihr Häuschen im Dorf beweinen, weil dort ein gigantisches Wasserprojekt entstehen soll? Warum erkennt er nicht die Anstrengung der Partei, Menschen aus der Armut zu helfen? Warum nur interessiert sich der Gast für das Leben der Minderheiten? Man lässt sie doch tanzen und singen und ihr Kunsthandwerk betreiben, reicht das nicht an kultureller Besonderheit? Warum erinnert sich der Gast an irgendwelche Toten vor einem Vierteljahrhundert? Es sei doch eben 25 Jahre her, da sei so vieles passiert, müsse da noch jemand dazu befragt werden? China habe sich seitdem doch so weit entwickelt.

Der Gast ist sperrig, er wäre das auch in seinem eigenen Land. Ein ungläubiges Kopfschütteln der Regierungsvertreter, wenn sie den Gast wieder einmal zu einer Unterredung – dem Teetrinken – vorgeladen haben. Die Kontrolle, manchmal durch Druck und Einschüchterung ausgeübt, will der Gastgeber nicht aus der Hand geben. Die vermeintliche Wahrheit hält die Kommunistische Partei fest. Was könne einem da das Volk schon erzählen?

Matratze und Stempel

Das Volk kann viel, auch wenn die Partei ihm wenig zutraut, wenig zugesteht. Oft begreift das Volk nicht, was die Parteibeschlüsse mit seinem eigenen Leben zu tun haben, es schimpft auf die Funktionäre und hat enorme Angst vor ihnen. Denn nicht nur die Menschen selbst gerieten in Schwierigkeiten, wenn sie das vermeintlich Falsche tun oder gar denken, ihre ganze Familie steckte mit drin.

China, das sich gern als frei und demokratisch, als rechtsstaatlich und gerecht sieht, diese Begriffe aber anders definiert als der Westen, macht es einem oft nicht leicht, es zu mögen. Manchmal verärgert es einen, manchmal bringt es zum Lachen. Wie überall anderswo auch.

Allein der eigene chinesische Name – aus Inna mach «Yinna», und schon heisst man «Matratze» – sorgt für Lacher, auch wenn das chinesische Gegenüber ihn vor allem wegen der Schönheit des Zeichens stets lobt. Wenn die eine Behörde nur einen Stempel akzeptiert, den die andere aber keineswegs sehen will, beide jedoch dasselbe Dokument mit demselben Stempel sehen wollen, bleibt einem nur ein seufzendes Schmunzeln. Oder gleich die Verzweiflung. Dann aber erinnert man sich an den chinesischen Pragmatismus – und reiht sich einfach in die nächste Schlange ein. Irgendeiner wird das Papier schon akzeptieren. China bringt einem Geduld bei, auch wenn die Vernunft stets weiss, wie willkürlich das System ist.

«Weisst du», sagt ein lokaler Parteichef aus Guangzhou, «40 Jahre mindestens musst du hier leben.» Ich habe es nicht einmal zu einem Zehntel dessen gebracht. Zwei Wahrheiten hat mich die Zeit dennoch gelehrt: Fleissige Arbeitsbienen, als die die Menschen oft gesehen werden, sind sie hier nur, wenn ein Vorgesetzter es ihnen befiehlt, genau sagt, was sie zu tun und zu lassen – und am besten auch zu denken – haben. Selbst will niemand Verantwortung übernehmen.

Das Gesicht verlieren

Und das mit dem «Gesicht verlieren» ist eine gekonnt in den Westen verkaufte PR-Lüge. Im Herunterputzen von anderen sind die Chinesen sehr geschickt, oft denken sie gar nicht daran, dass dieser andere ebenfalls ein «Gesicht» hat. Rücksichtslos geht es durch das Leben. Den Kotau verlacht vor allem die Regierung. Ihr sind klare Ansichten bedeutend lieber, auch wenn sie diese Ansichten wegscheucht, verachtet gar. Doch sie nimmt ein solches Gegenüber durchaus ernst. Fürs Beobachten des aufstrebenden China in den kommenden Jahren keine schlechte Erkenntnis.

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