300 Grippetote wegen Ansteckungen im Spital
Der Infektiologe Andreas Widmer schätzt, dass in der Schweiz bis 300 Menschen pro Jahr sterben, nachdem sie sich in einem Spital mit der Grippe angesteckt haben. Ein Grund ist die Impfverweigerung beim Spitalpersonal.
Der Infektiologe Andreas Widmer schätzt, dass in der Schweiz bis 300 Menschen pro Jahr sterben, nachdem sie sich in einem Spital mit der Grippe angesteckt haben. Ein Grund ist die Impfverweigerung beim Spitalpersonal.
Von Stefan Trachsel (sda)
Bern. – Nur eine kleine Minderheit von Ärzten und Pflegenden lassen sich in Schweizer Spitälern gegen Grippe impfen. Mit freiwilligen Massnahmen seien in der Deutschschweiz Impfquoten von 35 Prozent möglich, sagte Widmer im Interview mit der «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche». «Wir wissen aber, dass es für einen effektiven Schutz eine Impfquote von 50 Prozent bräuchte.» Darunter könne sich das Grippevirus immer noch in genügend grosser Zahl reproduzieren.
Irrationale und Fundamentalisten
Er sei überzeugt, Todesfälle könnten vermieden werden, wenn sich das Spitalpersonal vermehrt impfen liesse. «Leider werden in der Diskussion simpelste wissenschaftliche Erkenntnisse missachtet. Wir haben es mit viel Fundamentalismus und Irrationalität zu tun.» Barbara Gassmann, Vizepräsidentin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), sagte, das Gesundheitspersonal sei informiert und treffe Impfentscheide verantwortlich. Letztlich sei es aber immer eine persönliche Entscheidung, gehe es doch um einen Eingriff in die körperliche Integrität. Der Verband gebe die Impfempfehlungen der Behörden jedes Mal weiter.
Massnahmen für Patientenwohl
Angesprochen auf ein Modell aus dem Universitätsspital Genf, in dem ungeimpftes Personal in der Grippesaison eine Maske und ein Abzeichen tragen muss, sagte Widmer: «Ein solches Modell schützt die Patienten, daher wäre es gut, wenn es schweizweit gälte.» Der Bund müsste dafür eine entsprechende Weisung herausgeben.
«Für Hochrisikoabteilungen befürworte ich ein Impfobligatorium», sagte Widmer weiter. Wer besonders schwache Patienten betreue, müsse sich impfen lassen. Für den Widerstand von Pflegeverbänden zeigt er kein Verständnis. Bei anderen Berufen gebe es auch Schutzmassnahmen und im Spital gehe es «um Patienten, um Leben und Tod».
Impfungen grundsätzlich freiwillig
Gassmann warnte vor mehr Auflagen für Gesundheitsberufe – gerade zu Zeiten des Fachkräftemangels. Im Übrigen sehe auch das Epidemiegesetz keine Impfobligatorien für Berufsleute vor. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hielt fest, in der Schweiz seien und blieben Impfungen grundsätzlich freiwillig. Spitäler und ähnliche Einrichtungen seien aber gehalten, Personal und Besucher auf die Risiken der saisonalen Grippe aufmerksam zu machen. Der Spitalverband H+ stellt sich auf den Standpunkt des BAG. Ungeimpfte sollten aber in der Saison eine Maske tragen.
Zu den Grippetoten, die sich im Spital infiziert haben, gibt es ausser in Genf keine systematische Erhebung. Aufgrund der Zahlen des Genfer Universitätsspitals schätzt Widmer, dass bis 300 Tote pro Jahr eine «realistische» Zahl für die Schweiz sei.
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