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1500 Kontakte in Schwyz

«Viele Männer suchen bei den Sexarbeiterinnen auch Aufmerksamkeit und Zuneigung», erklärt Birgitte Snefstrup. Die 53-jährige Sozialpädagogin setzt sich seit zehn Jahren für Frauen im Sexgewerbe ein – auch im Kanton Schwyz. «Ich erlebe auch viel Heiterkeit und herzliche, positive Frauen», sagt sie.

Südostschweiz
27.06.14 - 02:00 Uhr

Aidsprävention asc. Das Projekt Aidsprävention im Sexgewerbe (Apis) existiert seit 1992 und basiert auf der Zusammenarbeit zwischen der Aids-Hilfe Schweiz, dem Bundesamt für Gesundheit und 17 regionalen Partnerorganisationen. Die Finanzierung erfolgt regional durch lokale Trägerschaften. Im Kanton Schwyz wird das Angebot vom Kanton finanziert und von Gesundheit Schwyz umgesetzt. Dabei werden die Sexarbeiterinnen in den Salons, Nachtclubs und Bars besucht und über Risiken in Bezug auf HIV/Aids, andere Geschlechtskrankheiten und ihre Rechte informiert.

Birgitte Snefstrup ist seit 2005 Angebotsleiterin von Apis Schwyz und hat bis 2013 das Projekt Apis Luzern geleitet. Sie trifft jährlich rund 1500 Frauen, die im Kanton Schwyz in Salons, Bars oder Clubs arbeiten.

«Die Frauen verkaufen den Männern eine Illusion.»

«Viele Männer lassen den Kopf im Auto.»

Name: Birgitte Snefstrup

Geburtsdatum: 10. März 1961

Zivilstand: geschieden

Wohnort: Luzern

Beruf: Sozialpädagogin, Master Int. Kommunikation und Business Administration

Hobbys: Reisen, Nähen

Lieblingsessen: Italienisch

Lieblingsgetränk: Rotwein

Lieblingstier: Hund

Lieblingsferienort: Dänemark

Mit Birgitte Snefstrup?sprach Andrea Schelbert

Wie geht es den Sexarbeiterinnen im Kanton Schwyz?

Ich treffe immer wieder Frauen am gleichen Ort an. Das heisst für mich, dass es ihnen da, wo sie arbeiten, passt. Wir sehen trotz der Aufenthaltsbewilligungen von 90 Tagen immer wieder die gleichen Gesichter. Wenn es ihnen im Kanton Schwyz nicht gefallen würde, kämen sie nicht immer wieder zurück.

Welche Bedürfnisse haben diese Frauen?

Sie haben das Bedürfnis nach Information. Für sie ist es schwierig, an Informationen zu kommen, weil sie wenig vernetzt sind und Sprachbarrieren bestehen. Sie möchten wissen, wo sie günstig zum Arzt gehen können. Manchmal möchten sie auch erzählen, dass sie ihre Kinder vermissen oder was schwierig und was schön in ihrem Leben ist. Wir vernetzen die Frauen sehr oft mit anderen Beratungsangeboten.

Warum gehen Männer überhaupt zu Prostituierten?

Die Welt des Sexgewerbes ist sehr heterogen. Es können Männer sein, die einsam sind oder Bestätigung suchen, die sie daheim vielleicht nicht mehr bekommen. Andere Männer wünschen sich von den Sexarbeiterinnen vielleicht bestimmte Praktiken, über die sie sich nicht getrauen, mit ihren Frauen zu reden. Ich glaube auch, dass es manchmal um Macht und darum geht, dass man eine solche Leistung von einem Menschen kaufen kann.

Welche Männer nehmen diese Dienste in Anspruch?

Da gibt es nicht einen speziellen Typen. Ich habe arme wie reiche und schöne wie auch weniger gut aussehende Männer in Kontaktbars angetroffen. Auch die Betreiber der Etablissements sind sehr unterschiedliche Typen.

Sie besuchen im Auftrag von Apis Cabarets und Kontaktbars. Tauschen Sie sich auch mit den Männern aus?

Wenig. Unser Auftrag besteht darin, die Sexarbeiterinnen über Gesundheit und Recht bei ihrer Arbeit aufzuklären. Ich werde von zwei Mitarbeiterinnen begleitet, die sehr viele Fremdsprachen beherrschen. Vor allem sie reden mit den Frauen, während ich den Kontakt zu den Betreibern der Kontaktbars suche. Ich glaube, dass dies sehr wichtig ist, weil wir Gäste sind und den Betrieb stören können. Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Besitzer Eintritt gewähren. Wenn es zeitlich drinliegt, verteile ich auch noch Informationsbroschüren und ein Kondom an die Männer. Teilweise entschuldigen sie sich dann und sagen, dass sie nur ein Bier trinken. Mir müssen sie aber keine Rechenschaft ablegen.

Sind Sie überall willkommen?

An einigen Orten sind wir gern gesehen, an anderen werden wir toleriert. Es gibt Bars, wo wir merken, dass die Besitzer froh sind, wenn wir wieder gehen. Es kommt aber auch vor, dass der Kaffee schon bereit steht und das Gespräch mit uns geschätzt wird.

Die Frage, ob Prostitution Beruf oder Ausbeutung ist, scheidet die Geister. Wie denken Sie darüber?

Es ist schwierig zu sagen, ob es so oder so ist. Es gibt Frauen, die ausgebeutet werden und andere, für die es stimmt. Die Frauen erleben gute wie auch schwierige Tage. Ich glaube, dass man diese Arbeit unbedingt enttabuisieren und die Frauen möglichst breit unterstützen muss. Dies beugt Ausbeutung vor.

In der Öffentlichkeit herrscht oft die Meinung, dass viele Frauen zur Prostitution gezwungen werden. Wie ist die Realität?

Zwangsprostitution und Frauenhandel haben für mich nichts mit Sexarbeit zu tun. Natürlich gibt es den materiellen Zwang, dem wir ja alle auch irgendwie unterworfen sind. Ich stelle mir das Leben der Sexarbeiterinnen nicht einfach vor. Doch ich erlebe auch viel Heiterkeit und herzliche, positive Frauen. Wenn es ihnen so schlecht gehen würde, wäre es wohl nicht möglich, so zu reagieren. Wir sehen diese Frauen auch in den Umkleidekabinen, wo sie niemandem etwas vormachen müssen. Nicht alle, jedoch viele Frauen sind fröhlich.

Es gibt Freier wie auch Prostituierte, die behaupten, dass die Frauen Spass am gekauften Sex haben. Welche Erfahrungen machen Sie?

Auch hier glaube ich, dass es sehr unterschiedlich ist. Die Frauen verkaufen den Männern natürlich eine Illusion. Es gehört dazu, dass man sich so benimmt, als ob die Arbeit Spass machen würde. Es ist eine Art Show, und darum kann wohl auch der Eindruck entstehen, dass der Sex den Frauen Spass macht. Sicher gibt es Frauen, die unter dieser Arbeit leiden, jedoch auch solche, für die es stimmt, mit Sex Geld zu verdienen.

Sex ist wie schlafen oder essen ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Warum fällt es uns so schwer, sachlich über die Prostitution zu reden?

Hier steckt sicher viel Doppelmoral dahinter. Auch Ideale und Klischees in Bezug auf Beziehung und Sex oder der Glaube können Gründe dafür sein. In den Augen vieler Leute ist Prostitution minderwertig. Oft wird der Mann, der eine Prostituierte besucht, von der Gesellschaft als Loser betrachtet.

Sollte man die Prostitution nicht endlich entstigmatisieren?

Doch, wenn wir wüssten wie (lacht). Ich denke, es ist gut, dass in den Medien immer wieder darüber berichtet wird. Vielleicht sollten wir auch darüber nachdenken und diskutieren, wie viele Frauen mit einem Mann geschlafen haben, obwohl sie keine Lust dazu hatten.

Viele Frauen aus Osteuropa, Afrika und Südamerika sehen keine andere Wahl, als sich zu prostituieren. Es ist vor allem eine existenzielle Frage.

Auf jeden Fall. Diese Frauen haben alle den Wunsch, ihre Situation zu verändern. Sie möchten ihre einfachsten Bedürfnisse befriedigen. Wir begegnen auch Sexarbeiterinnen, die sehr gut ausgebildet sind und ein Startkapital brauchen, um beispielsweise eine Rechtsanwaltspraxis zu eröffnen. Wir treffen umgekehrt auch Analphabetinnen. Doch all diese Frauen haben den Wunsch, ihr Leben auf den richtigen Kurs zu bringen. Einigen gelingt es, anderen nicht.

Die Feministin Alice Schwarzer will die Prostitution abschaffen. Wäre dies nicht kontraproduktiv, weil die Frauen dann in die Illegalität gezwungen werden?

Ich denke, dass Alice Schwarzer an der Realität vorbeischiesst und damit einen grossen Teil von Frauen diskriminiert. Sie ist sehr moralisch, wenn es um Prostitution geht. Ich habe den Eindruck, dass sich Frau Schwarzer ein Stück weit damit auch profiliert. Polizei und Beratungsstellen sind sich einig, dass ein Verbot Tür und Tor für Menschenhandel öffnet. Diese Illegalität bringt nur noch mehr Leid für die Frauen.

Ist ein Verbot der Prostitution nicht scheinheilig, wenn die Nachfrage so gross ist?

Die Gegner der Prostitution haben das Gefühl, dass man mit einem Verbot die Männer erziehen könnte. Ich glaube nicht daran. Es sind ja reale Bedürfnisse, die existieren. Ich finde es schwierig, wenn Menschen zu wissen glauben, was für andere gut ist. Für viele Frauen ist die Prostitution eine Möglichkeit, Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren.

Begegnen Sie Frauen, die Ihnen mitteilen, dass sie den Wunsch haben, aus dem Sexmilieu auszusteigen, dies jedoch wegen ihrer finanziellen Situation nicht möglich ist?

Das erlebe ich auch. Ich begegne auch Frauen, die mich fragen, ob ich sie bei der Suche nach einem anderen Job unterstützen kann. Dies ist jedoch nicht mein Auftrag und würde meine Ressourcen sprengen. Für diese Frauen ist oft niemand zuständig, weil sie ihren Aufenthalt alle drei Monate wechseln und von Land zu Land ziehen. Leider haben wir in der ganzen Zentralschweiz keine Beratungsstellen für sie.

Der finanzielle Druck im Sexmilieu wird immer grösser. Wie gehen die Sexarbeiterinnen damit um?

Die Schere zwischen dem, was sie verdienen und dem, was sie für ihre Unterkunft bezahlen müssen, wird immer grösser. Es ist sehr schwierig für sie, Geld auf die Seite zu legen. Wenn sie dann noch krank werden und ausfallen, wird der Druck schnell sehr gross. Die Sexarbeiterinnen müssen wie sonst überall auf dem Markt versuchen, sich einzubringen und haben dabei ganz unterschiedliche Strategien.

Ist die Vorstellung, dass man in der Schweiz mit Prostitution das grosse Geld machen kann, längst überholt?

Die allermeisten Sexarbeiterinnen verdienen nicht das grosse Geld. Ich erlebe aber auch Frauen, die mit dem Geld zu Hause ihre Mutter pflegen lassen oder die Bildung ihrer Kinder finanzieren.

Ist es noch immer so, dass sehr viele Männer von den Prostituierten Sex ohne Kondom verlangen?

Es gibt natürlich auch Männer, die ängstlich sind. Umgekehrt lassen viele Männer den Kopf im Auto. Sie blenden die Gefahren aus oder denken vielleicht, das gönne ich mir jetzt.

Wie sollen Sexarbeiterinnen darauf reagieren?

Ich sage ihnen immer, dass es wichtig sei, jedes Mal diese Diskussion zu führen. Eine Möglichkeit besteht auch darin, einen zusätzlichen Dienst wie Schmusen oder eine Rücken-Massage anzubieten. Viele Männer suchen ja auch Aufmerksamkeit und Zuneigung.

Küssen viele Sexarbeiterinnen ihre Freier?

Früher war das ja mehr oder weniger ein Tabu. Inzwischen beobachten wir, dass dies immer mehr vorkommt.

Wie alt sind die Frauen durchschnittlich?

Sie sind nicht mehr so jung wie früher. Ich denke, dass sie zwischen 25 und 35 sind.

Wie geht es den Frauen gesundheitlich?

Ich habe das Gefühl, dass es den meisten Frauen gut geht. Ich treffe jedoch auch Sexarbeiterinnen, die ein Alkohol-Problem haben. Ungewollte Schwangerschaften sind auch ein Thema.

Welche Ängste und Sorgen plagen die Frauen?

Das sind sicher finanzielle Überlegungen, wie kann ich genügend auf die Seite legen, habe ich genügend Arbeit, wie geht es meinen Kindern, was bringt meine Zukunft usw.

Ich stelle mir vor, dass viele Frauen ein Doppelleben führen, was sehr anstrengend ist.

Das ist sicher so. Die wenigsten Frauen können zu Hause sagen, was sie machen. Ich bin einer Frau begegnet, die mit dem Geld das Jus-Studium ihres Sohnes finanziert hat. Ich habe sie gefragt, ob der Sohn wisse, wie sie ihr Geld verdiene. Sie sagte, dass er vielleicht eine Ahnung habe, sie aber nicht mit ihm darüber sprechen könnte.

Wie gewinnen Sie das Vertrauen der Sexarbeiterinnen?

Einerseits sind die Fremdsprachen der Mitarbeiterinnen sehr hilfreich. Andererseits spüren sie wohl auch, dass wir sie nicht belehren wollen und mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren. Wir respektieren sie und reden von Frau zu Frau mit ihnen.

Sie arbeiten seit zehn Jahren im Sexgewerbe. Welche Bilanz ziehen Sie?

Dadurch, dass wir immer wieder neue Frauen treffen, beginnen wir immer wieder von vorne. Ich denke, dass Apis bekannter geworden und bei Frauen, Betreibern und Kunden gut akzeptiert ist. Ich habe den Eindruck, dass der finanzielle Druck auf die Sexarbeiterinnen immer grösser wird. Leider glaube ich auch, dass der ungeschützte Geschlechtsverkehr zugenommen hat.

Gibt es Tage, wo Sie genug vom Sexmilieu haben?

Ja, das kommt vor. Ich muss mir auch viele dumme Sprüche anhören (lacht). Diese Arbeit kann auch ermüdend sein. Ich finde es jedoch enorm wichtig, dass ich Kontakt zur Basis habe. Die Offenheit und die Wertschätzung der Frauen sind immer wieder motivierend.

Sie haben Einblick in eine Welt, die vielen Menschen fremd ist. Wie hat die Arbeit im Sexgewerbe Sie verändert?

Ich hatte auch meine eigenen Vorurteile und Klischees. Heute bin ich viel vorsichtiger. Ich glaube, dass man generell im Leben eine sehr differenzierte Sichtweise haben muss. Ich hüte mich davor zu wissen, was gut für andere Menschen ist.

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