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1,5 Millionen Wanderer waren schon auf dem Grossen Mythen

Gegen 30 000 Wanderer besteigen pro Jahr den Grossen Mythen. Wären da 1863 nicht acht Herren aus Schwyz gewesen, könnte der Verein der Mythenfreunde (vormals Mythengesellschaft) diesen Monat nicht das 150-Jahr- Jubiläum feiern.

Südostschweiz
03.04.13 - 02:00 Uhr

Von Ernst Immoos

Schwyz. – Seit 150 Jahren wird der Grosse Mythen von Wanderern bestiegen. Doch schon 1790 soll es ein paar Wagemutige gegeben haben, welche den damals noch 1903 Meter hohen Schwyzer Hausberg bestiegen. Inzwischen ist der Grosse Mythen längst einer der meistbesuchten Schweizer Gipfel. Der Ursprung dafür liegt weit zurück: Nachdem im August 1863 acht Schwyzer den Grossen Mythen bestiegen hatten, gründeten diese schon im November die Mythengesellschaft – mit dem Zweck, das Wahrzeichen von Schwyz mit einem Weg zu erschliessen. Im gleichen Jahr also, in dem der Schweizerische Alpenclub (SAC) aus der Taufe gehoben wurde. Auch wenn die Sektion Mythen SAC erst 1877 gegründet wurde, waren die Initianten der Mythengesellschaft in diesen Reihen zu finden. Die Sektion Mythen SAC spielte dann auch eine wesentliche und über längere Zeit eine tragende Rolle bei den Mythenfreunden – und die gute Zusammenarbeit ist bis auf den heutigen Tag geblieben.

1864/65 Weg und Hütte gebaut

Nach der 1. Generalversammlung vom 12. Juni 1864 startete die Mythengesellschaft AG das kühne Ausbauprojekt und beauftragte im Juni den Gersauer Bauunternehmer Domenico Taddei, einen vier Fuss breiten Weg auf den Mythen zu erstellen. Den 2400 Meter langen, mit 47 Windungen versehenen Weg erstellte Taddei innert vier Monaten für 3500 Franken. Bereits am 17. und 18. September feierte man die Freigabe des Weges mit einem Höhenfeuer und der offiziellen Eröffnung. Der tödliche Absturz von Hptm. Valentin Castell überschattete die Feierlichkeiten – und er sollte nicht der Einzige sein, welcher am Grossen Mythen das Leben verlor.

Bereits 1865 liess Richter Josef Nauer auf eigene Kosten auf dem Gipfel eine Hütte erstellen, welche aber schon ein Jahr später durch einen Blitzschlag zerstört wurde.

1886 weiterer Hüttenbau

Auf Initiative der inzwischen gegrün-deten Sektion Mythen SAC und den Aktiengesellschaften Mythen-Gesellschaft und Mythen-Unternehmung entstand 1886 eine neue Hütte mit Wirtschaft und Übernachtungsmöglichkeiten. Diese «wilde Ehe» hatte nach der Revision des Schweizer Aktienrechts 1936 ein Ende. Der Verein der Mythenfreunde war von nun an für den Weg und Betrieb des Gipfelhauses verantwortlich.

Probleme mit der Mythen-Seilbahn

Um dem ständig wachsenden Ansturm von Wanderern gerecht zu werden, wurde 1954 eine Transportseilbahn auf den Gipfel erstellt. Blitzschläge und Witterungseinflüsse zerstörten die Anlage, sodass diese in den späten 1960er-Jahren abgerissen wurde. Als dann 1967 erstmals Heli-Transportflüge stattfanden, hatten auch die vormaligen Mythenträger Josef und Franz Schatt endgültig ausgedient.

Totenplangg umgangen

Im Verlaufe der Jahre verbesserte der Verein der Mythenfreunde den Weg zum Gipfel mehrmals und sanierte auch das Mythenhaus des Öfteren. Besondere Erwähnung verdient dabei die Werkgruppe, welche jedes Jahr den Bergweg sichert und Verbesserungsarbeiten ausführt. Eine wichtige Entscheidung fiel 1982. Es wurde beschlossen, die Totenplangg zu umgehen, dies nachdem seit 1907 total 15 tödliche Abstürze erfolgten. Die Wegverlegung führte der Schwyzer Kleinunternehmer Xaver Schuler (heutiger «Alpstubli»-Stoos-Wirt) aus.

Im Verlaufe der Jahre wurde der Grosse Mythen zum eigentlichen Wanderberg. Jährlich «bestürmen» gegen 30 000 Personen den Aussichtsgipfel. Man schätzt, dass in den vergangenen 150 Jahren schon 1,5 Mio. Menschen auf dem Gipfel das einmalige Bergpanorama rundum genossen.

1991: Neues Mythenhaus

Gerade rechzeitig auf das Jubiläum der 750-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft liessen die Mythenfreunde das bestehende Mythenhaus abbrechen und erstellten einen zweckmässigen Neubau – und das dank den vielen Frondienststunden – für nur 500 000 Franken. Das dritte Haus in der Geschichte der Mythenfreunde hat inzwischen schon 22 Jahre Wind und Wetter getrotzt.

Präsidenten Mythengesellschaft/Verein: Ing. Anton Bettschart (er war der eigentlich Promotor des Vereins oder der damaligen Gesellschaft), Josef Bettschart (SAC, gest. 1900), Hermann Hediger bis 1908, Theodor Reichlin, Kaspar Weber, Dominik Weber 1937, Pius Weber ca. 1960, Oskar Trutmann sen., Walter Lacher, Oskar Trutmann jun. (20 Jahre Präsident, verstorben 2006 im Amt), Hans Reichmuth-Flecklin, seit 2006

Die Pächter auf dem Grossen Mythen: 1. Pächter: Richter Josef Nauer, Rickenbach, Alois Suter, Josef Küttel (Krieg), Wilhelm Messmer, Alfred Fritsche, Martin von Euw, Albert Klein (30 Jahre), Xaver Fischer, Burkhard Eggenberger, genannt Eggi

Personen des 1. Vorstandes: Commandant Anton Weber, Landammann Styger, Ingenieur Anton Bettschart, Salzdirektor Schuler, Gemeinderat Josef Nauer

Namen des aktuellen Vorstandes: Hans Reichmuth-Flecklin, Präsident, Josef Letter, Vize, Stephan Trutmann, Kassier, Trudi Reichmuth, Aktuarin, Jürg Lacher, Wegchef, Hansjörg Anderrüthi, Hüttenchef, Wisi Müller, Beisitz, Wädi Arnold, Vertreter SAC

Mit dem Präsidenten des Vereins der Mythenfreunde, Hans Reichmuth, sprach Ernst Immoos

Was ist denn am Grossen Mythen so speziell?

«Der Grosse Mythen ist eine alleinstehende, markante und formschöne Fels-pyramide mit überragender Ausstrahlungskraft und grandioser Aussicht. Er übt eine Art Magie aus. Wer ihn einmal gesehen, kennt ihn immer. Kurz gesagt, er lässt die Herzen höher schlagen und vermittelt ein Gefühl von Heimat.»

Wie viele Mitglieder zählt der Verein aktuell. Kann da jeder Interessierte Mitglied werden?

«590 Mitglieder. Für den Unterhalt von Hütte und Weg sind wir auf eine breite Mitgliederbasis angewiesen. Der Jahresbeitrag beträgt lediglich 20 Franken, ansonsten entstehen keine Verpflichtungen.» (Interessenten melden sich unter mythenfreunde@bluewin.ch)

Wie viele Stunden investiert die Werkgruppe der Mythenfreunde jedes Jahr, um den Weg in gutem Zustand zu halten?

«Etwa 150–200 Stunden sind es jährlich für den ordentlichen Unterhalt. Jede Stunde wird freiwillig und ohne jegliche Bezahlung geleistet, was ja heute auch nicht mehr ganz selbstverständlich ist.»

Wie viele Personen sind in der Werkgruppe tätig, wer ist aktuell der Chef, wer stand der Gruppe am längsten vor?

«In der Weggruppe sind acht bis zehn Personen. Aktueller Wegchef ist Jürg Lacher. Er übernahm das Amt von Kari Bamert. Vor ihm war Willy Auf der Maur Wegchef. Weiter zurückliegend waren die Chargen vermutlich nicht in dieser Art zugeteilt.»

Der Mythenweg ist in den letzten Jahren ständig verbessert und gepflegt worden, fährt man in ein paar Jahren mit dem Motorrad hoch?

«Auf gar keinen Fall. Der Weg wird nur unterhalten, nicht weiter ausgebaut. Er soll ein Bergweg bleiben, und zwar mit allem, was dazu gehört.»

Was sind Ihre Anliegen an die Mythen-Berggänger?

«Sie sollen nicht ‹juveln und hasten›, sich die nötige Zeit nehmen und es richtig geniessen. Genuss und Freude ist das Wichtigste, und wenn es ihnen gefällt, warum nicht anschliessend dem Verein der Mythenfreunde beitreten?»

Was für Sanierungsarbeiten stehen in den kommenden Jahren am Weg und dem Gipfelhaus an?

«Es sind jährlich grosse Anstrengungen nötig, um Weg und Hütte in Ordnung zu halten. Der Unterhalt wird sanft erfolgen. Problemzone ist im Moment zwischen Kurve 36 und 41, also auf der Nordseite, wo die Wegsohle ab und zu bröckelt.»

Ist es überhaupt möglich, den Weg- und Gebäudeunterhalt aus den Mitgliederbeiträgen zu sichern, oder wird da noch viel Frondienst geleistet?

«Alle Arbeiten werden in Frondienst erledigt, so weit nicht Spezialisten erfolderlich sind. Der Unterhalt verschlingt jährlich 20 000 Franken. 10 000 Franken sind Mietzinseinnahmen, und 10 000 Franken sind Mitgliederbeiträge. Wir benötigen also 500 Mitglieder à 20 Franken, das ist bei einem älter werdenden Mitgliederstamm die grosse Herausforderung.»

Der Verein der Mythenfreunde ist nun 150 Jahre alt geworden. Fährt beim 200-Jahr-Jubiläum gar eine Bahn auf den 1899 Meter hoch gelegenen Gipfel?

«Niemals. Unser unumstösslicher Grundsatz lautet: keine weiteren Ausbauten und keine Mechanisierung. Der Mythen soll ein richtiger Berg sein und in seiner Urtümlichkeit und Einzigartigkeit erhalten bleiben.»

Vorerst wird aber das 150-jährige Bestehen gefeiert. Was können da die Mitglieder im MythenForum am 12. April erwarten?

«Es soll ein gemütlicher Abend mit buntem Unterhaltungsprogramm werden. Der offizielle Teil wird möglichst kurz gehalten, ein kurzweiliger Hock im Rahmen von Gleichgesinnten also.»

n Auf den alten Mythen-Postkarten betrug die Höhe des Grossen Mythen noch 1903 Meter. Inzwischen ist die Gipfelhöhe auf 1899 Meter reduziert worden. Nach den neueren Berechnungen und der Fixierung des Messpunktes durch die Landestopografie musste der Grosse Mythen «Haare» lassen.

n Der Name Mythen liefert nicht nur Strassenbezeichnungen, sondern wird auch für alles Mögliche und Unmögliche vermarktet. Es gibt aber auch wertvolle Literatur, Panoramen, Mythenführer und -bücher. Zu den begehrtesten Mythenpublikationen zählen Albert Heims Mythenpanoramen, welche in mehreren Auflagen erschienen.

n Das neueste Buch «Die Mythen – im Herzen der Schweiz» von Emil Zopfi kam auf das bevorstehende Jubiläum «150 Jahre Verein der Mythenfreunde» rechtzeitig in den Verkauf. Einer der zahlreichen Gipfelwirte war Albert Klein, der ganze 30 Saisons (1969 bis 1998) auf dem Hausberg die Besucher verpflegte. Kein anderer Wirt war länger oben und hatte insgesamt 4500 Mal den Weg unter die Füsse genommen.

n Da gab es auch noch eine Handvoll «Spinner», welche den Mythen richtiggehend vereinnahmten. Ausgelöst hat diesen Mythen-Run Peter Gujer aus Einsiedeln, der aus Freude zur Natur den Mythen seit 1971 um 3000 Mal bestieg. Dem Ibächler Coiffeur Carmine Iannitti wurde der Berg zum Verhängnis. 2003 verstarb er nach seiner 193. Besteigung an Herzversagen. Armin Schelbert (der Mensch), Inwil, ist Rekordinhaber. Der gebürtige Muotathaler stand seit 1999 2365 Mal oben. Das Ziel des 69-Jährigen: die 3000er-Grenze noch zu knacken. (ie)

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