×

«Wenn 'Chrigel' in einem Jahr eine Hierarchie aufbaut, wäre das sensationell»

Arno Del Curto (Davos) und Christian «Chrigel» Weber (Lakers) sind zwei von nur drei Schweizer NLA-Eishockey-Coaches. Die «Südostschweiz» lud sie zum Interview auf «neutralem» Terrain in Schiers vor dem heutigen Saisonstart.

Südostschweiz
10.09.10 - 02:00 Uhr

Mit Arno Del Curto und Christian Weber sprachen Hansruedi Camenisch und Kristian Kapp

Die Saison beginnt, bei den Fans kribbelts, auch die Spieler sind froh, dass es losgeht. Was geht in Ihnen als Trainer vor?

Arno Del Curto: Es ist ähnlich wie bei den Fans. Andererseits, beim HC Davos weisst du, wenn du schon so lange dabei bist, dass der Start nicht so viel zählt. Er zählt höchstens deshalb, weil du verhindern willst, dass du schon zu Saisonbeginn ins Strudeln kommst. Was in Davos zählt, sind die Playoffs und der Spengler Cup, aber auch wir sind vor unliebsamen Überraschungen nicht gefeit.Christian Weber: Ich bin froh, dass es losgeht nach sechs Wochen Vorbereitung. Im Gegensatz zu Davos haben wir keinen Spengler Cup. Rapperswil verpasste zudem in den letzten zwei Jahren die Playoffs. Also sieht es für uns zum Saisonstart schon etwas anders aus. Wir müssen bereit sein. Wir müssen schon zu Beginn die Punkte holen, da wir nicht einer der grossen Vereine sind. Die «Grossen» haben eine ganz andere Saisonvorbereitung als wir. Sie werden ab Anfang Jahr, wenn es für sie so richtig losgeht, in Topverfassung sein. Darum zählt für uns von Beginn weg jeder Punkt, um am Ende in die Playoffs zu kommen.

An der Bande sieht man die Trainer mal strahlend, mal wild gestikulierend, leidend und, so scheint es oft, dem Herzinfarkt nahe. Ist das Leben des Coaches ungesund?

Weber: Du bist emotional immer sehr geladen. Für den Ausgleich gehe ich sehr viel joggen, um alles abbauen und danach wieder aufladen zu können. Wenn ich im physischen Bereich nichts mache, dann kommts nicht gut. Ich hatte vor Jahren einmal eine dreimonatige Phase, als ich krank war und nichts machen konnte; ich war unglaublich down. Es war hart, da wieder «raufzukommen.»Del Curto: Mein Gestikulieren und meine emotionalen Ausbrüche geschehen rein deshalb, um den Spielern zu helfen. In dieser Beziehung bin ich Perfektionist. Wenn es nicht läuft, nützt es nichts, wenn du Däumchen drehst. Dann musst du gewisse Rezepte finden. Ich bin nur emotional, weil ich das sehen will, was ich will und basta. Ich weiss aber, dass man nicht immer gewinnen kann. Mir ist sehr bewusst, dass es auch mir einmal schlecht ergehen kann.

Haben Sie in dem Fall eine Hülle nach aussen? Können Sie also nach den Spielen heimgehen und ruhig schlafen?

Del Curto: Nein, das ist keine Hülle, ich bin so. Schlafen kann ich aber dennoch nicht gut. Wenn du dich dermassen aufputschst und du emotional so dabei bist, dann brauchst du auch Zeit, um wieder runterzukommen. Aber das macht nichts. Dann mache ich halt irgendwas in der Nacht und schlafe dafür am Tag nach einem Match. Mittlerweile versuche ich es aber auch mal mit homöopathischen Mitteln, einem Tee, manchmal einem Gläschen Rotwein oder dann mache ich einen Spaziergang. Dann gehts schon irgendwie.

Schläft Christian Weber besser nach den Spielen?

Weber: Nein. Wenn du emotional so hoch oben bist, kannst du nicht den Knopf drücken, heimgehen und schlafen. Lesen, Laufen oder ein Glas Rotwein können helfen. Und manchmal schläfst du halt nur zwei, drei Stunden. Aber das gehört zu unserem Job, er ist mit so vielen Emotionen verbunden. Alle zeigen es vielleicht auf ihre eigene Weise, aber alles in allem ist die Arbeit sehr aufreibend.

Emotionen reichen nicht, ein Trainer muss auch Leidenschaft haben. Muss diese angeboren sein oder kann man sie lernen?

Weber: Angeboren, ganz klar. Ich spreche da wohl für Arno und für mich: Wir beide sind zwei Hockeyfanatiker, leben 24 Stunden am Tag für den Sport und würden alles dafür machen.

«Damals konnte Chrigel von mir nichts lernen»

Sie haben Arno Del Curto bereits als Spieler erlebt, von 1991 bis 1992 bei den ZSC Lions und 1996 in Davos. Was konnten Sie damals für Ihre persönliche Trainerlaufbahn von Del Curto lernen?

Del Curto: Da muss ich zuerst antworten. Für seine Trainerlaufbahn konnte Christian damals nicht viel von mir lernen. Es ist schon ein Unterschied, wie ich damals war als Trainer und wie ich heute bin. Aus heutiger Optik habe ich damals manches falsch gemacht. Vor allem was das Führungstechnische angeht, liegen nicht nur Welten, sondern 700 Milliarden Welten dazwischen, wie ich damals war und wie ich heute bin. Zudem war «Chrigel» schon als Spieler einer, der das Eishockey spürte, das Spiel lesen konnte, also einer von der Sorte, von der es nicht viele gibt. Wenn einer das kann und nachher Trainer wird, ist das eine gute Voraussetzung.Weber: Ich muss noch hinfügen, dass bereits der Arno Del Curto in Zürich und jener nachher in Davos verschiedene Trainer waren. Die ganze Philosophie hatte sich geändert. In Zürich mussten wir im Spielaufbau 700-mal Anlauf nehmen, bevor wir aufs Tor ziehen durften, vier Jahre später in Davos gab es nur eins: Puck Richtung Tor. Aber das ist normal. Jeder Trainer entwickelt sich weiter. Auch ich bin heute ganz anders, als ich noch vor elf Jahren bei meinem ersten Trainerjob bei GC in Zürich war.

Was sind die markantesten Änderungen zwischen damals und heute?

Del Curto: Bei mir kann man es so formulieren. Geben Sie mir heute die 20 grössten Problemspieler der Welt – kein Problem. Du musst Tricks auf Lager haben, brauchst Ausstrahlung, die nötigen Worte und Gestiken. Du musst derart überzeugend wirken, dass es völlig egal ist, wer vor dir steht. Es geht nur um eines: Fortschritt, besser werden, Spieler weiterbringen. Davon profitieren die Spieler, profitiert die Mannschaft, profitieren der Klub und die Donatoren, profitiere ich. Ich habe den Plausch, wenn ich sehe, dass die Mannschaft auf hohem Niveau arbeitet und jeder für den anderen alles gibt. Das alles bekommst du aber nur hin, wenn du nie als Zweifler daherkommst.

Also zweifeln Sie nie?

Del Curto: Nein. Das heisst aber nicht, dass du nichts wagst. Du musst als Trainer unbedingt Sachen wagen. Und wenn du siehst, es geht nicht, dann korrigierst du. Als Trainer bist du ein Tüftler. Erfinden kannst du das Eishockey nicht mehr. Aber du kannst Einzelsachen verbessern.

Zum Beispiel?

Del Curto: Als Spieler hast du den Puck in einem Match vielleicht drei Minuten. Ein Viertlinienspieler hat ihn vielleicht zehn Sekunden. Also kannst du beim Spiel ohne Scheibe und bei den Skills noch ganz viel herausholen. Natürlich lebt jeder Trainer seine Philosophie: Meine ist es, alles noch schneller zu machen.Weber: Da sind wir ähnlich. Auch für mich heisst es: so schnell wie möglich, alles in Bewegung, gradlinig, athletisch. Das fängt für mich aber nicht erst im August, sondern schon im Sommertraining an. Wir mussten in Rapperswil zehn neue Spieler integrieren – und da war der Sommer umso wichtiger. Ich will jetzt Spieler sehen, die physisch bereit sind. Ich erwarte diesbezüglich sehr viel. Ich habe von Spielern gehört, das sei ja unglaublich gewesen, wie viel wir trainiert hätten. Ich sagte, dass es das sei, was ich wolle. Das ist mein Stil, den ziehen wir durch. Und wie es Arno sagte: Du kannst nicht zweifeln, sondern musst vor die Spieler treten und sie so überzeugen, dass sie gar keine Möglichkeit haben, überhaupt etwas gegen deinen Stil einzuwenden.

«Die Hierarchie fehlte zuletzt in Rapperswil»

Ist diese stete Weiterentwicklung einer der Gründe, dass Sie, Arno Del Curto, bereits in Ihre 15. Saison in Davos steigen?

Del Curto: Es ist der Hauptgrund. Die Mannschaft kennt mich bereits, sie weiss, dass ich immer jedes Jahr etwas Neues einbringe. Das musst du unbedingt machen. «Chrigel» muss das noch nicht, da er noch nicht so lange in Rapperswil ist.

Rapperswil hat zehn neue Spieler, Davos nur drei. Macht das alles etwas einfacher?

Del Curto: Wir hatten letzte Saison ja eine ähnliche Situation und holten mit einer stark veränderten Mannschaft vier Punkte mehr als ein Jahr zuvor im Meisterjahr. Wir spielten sogar bessere Spiele, in den Playoffs wurde die Spielerdecke nach Verletzungen aber einfach zu dünn. Deswegen ist es nicht meine Meinung, auch wenn es seit Jahren im Eishockey heisst, dass viele Veränderungen schlecht sind. Auch was Rapperswil angeht: Ich bin todsicher, dass jetzt mit «Chrigel» eine glasklare Steigerung folgen wird im Vergleich zu den letzten Jahren.

Und was erwartet Christian Weber vom HCD?

Weber: Es war eigentlich in den letzten Jahren immer so, dass, wenn der HC Davos einen schlechten Saisonabschluss hatte, er im nächsten Jahr Meister wurde. Ich erwarte Davos ganz weit vorne.Del Curto: Trotz unserer Verletzungssorgen?Weber: Wie du es vorher gesagt hast: Für Davos zählt es erst am Schluss. Wenn alles normal läuft, kommt ihr in die Playoffs. Ob ihr Vierte, Siebte oder Achte seid, spielt für mich keine grosse Rolle. Und wenn in den Playoffs wieder alle gesund sind, sehe ich Davos als sehr gefährlichen Titelanwärter. Dass man gesunde Spieler braucht, gilt für uns in Rapperswil jetzt noch viel extremer, da wir nicht mehr so viele Routiniers im Team haben wie Davos. Ich habe da bekanntlich «ausgemistet» und schaute, dass wir etwas mit der Hierarchie im Team machen können. Wir haben darauf geachtet, dass die Spieler, die wir holten, jung und hungrig sind und dafür die älteren, die wir haben, in der Hierarchie oben stehen. Das war etwas, das in Rapperswil vielleicht in den letzten ein oder gar zwei Jahren fehlte: eine richtige Hierarchie im Team.

Wie wichtig ist die?

Weber: Es braucht Spieler, die führen. Schauen Sie auf den HCD. Seine Führungsspieler sind teilweise schon rund 15 Jahre dort. Es sind immer wieder die gleichen, und die Jungen können sich ihnen anpassen und persönliche Fortschritte erzielen. Aber wenn es darauf ankommt, sind es immer wieder die gleichen Spieler, die in Davos den Unterschied ausmachen und auch hinstehen, wenn es einmal nicht so läuft.Del Curto: Ein Beispiel: Captain Sandro Rizzi kehrte diesen Dienstag nach vierwöchiger Verletzungspause wieder zurück und war im Training sofort 100-prozentig präsent. Er weiss, um was es geht und was ich will. Oder Reto von Arx. Wieso ist er nach 15 Jahren immer noch auf diesem hohen Niveau? Ich kenne nicht viele Spieler, die 15 Jahre lang auf konstant hohem Niveau sind. «Chrigel» hats genau richtig gesagt: Es waren immer dieselben Spieler, die den Karren bei uns gezogen haben. Diese Typen, die vor zehn Jahren noch kritisiert wurden, dass sie meine Jünger oder was auch immer sind. Ich hatte damals stets nur ein kühles Lächeln auf den Lippen, wenn irgendwelche Leute von meinen «Jüngern» schrieben.

In Rapperswil will Christian Weber nun von Grund auf eine neue Hierarchie aufbauen ...

Del Curto: ... und das ist klar, dass das Zeit brauchen wird, da das nicht einfach ist. Sollte Rapperswil gut spielen, aber in die gefährliche Phase kommen, wenn die Spieler an die letzten zwei Jahre zurückdenken, in denen sie die Playoffs verpasst hatten, dann wird er eben diese Führungsspieler brauchen. Wenn «Chrigel» in nur einem Jahr eine neue Hierarchie aufbauen kann, dann wird man sagen müssen, dass er sensationell gearbeitet hat.

Bei Davos ist Arno Del Curto Trainer und auch eine Art Sportchef. Was ist besser? Klare Trennung oder Doppeljob?

Weber: Es braucht den Sportchef, um administrative Aufgaben zu übernehmen und mit dem Verwaltungsrat bei Preisfragen zu kommunizieren. Ich will aber nicht, dass mir der Sportchef Spieler ohne Absprache einkauft, Spieler, die ich vielleicht gar nicht will. Das kann nicht sein.Del Curto: Wenn ich einen schlechten Spieler verpflichte, muss ich ihn entweder wegtransferieren oder versuchen, ihn besser zu machen. Ich kann nicht hinstehen und sagen «Ich kann nichts dafür, der Sportchef hat ihn verpflichtet» und den Spieler links liegen lassen. So gesehen sparst du sehr viel Geld. Ich bin ja nicht der Einzige in der Liga, der so arbeitet. In Fribourg mit Serge Pelletier oder Genf mit Chris McSorley ist es ja ähnlich. Aber weil ich den Schweizerpass habe, heisst es bei mir natürlich, ich sei ein «Machtmensch», während es bei den anderen normal ist. Und: Wie sollst du als Trainer eine Hierarchie im Team aufbauen, wenn du nicht selbst wählen kannst, welche Spieler du willst? Ich tue auch nicht alles allein. An meiner Seite baue ich René Müller auf; er hilft mir jetzt schon viel.

Es ist in der Schweiz mittlerweile Usus geworden, nicht nur eigene Spieler mit auslaufenden Verträgen möglichst früh an sich binden zu wollen, sondern auch mit dem Abwerben von Spielern anderer Klubs so früh wie möglich zu beginnen. Wie stehen Sie dazu?

Del Curto: Man müsste es unterbinden.Weber: Als ich noch Spieler war, gab es eine Phase in der Meisterschaft, während der du nicht verhandeln durftest. Und wehe, es kam heraus, dann gab es Bussen. Ich habe, und das wird bei Arno auch nicht anders sein, bereits heute Mails von Spieleragenten vorliegen für Verpflichtungen für die Saison 2011/12. Das ist ja ein Riesenwitz, die nächste Saison hat ja noch nicht einmal angefangen.Del Curto: Das ist ethisch und moralisch verwerflich.Weber: Wir können nichts machen, wir sind in diesem Business drinnen, und du bist ja gezwungen, da mitzumachen. Da müsste der Verband etwas dagegen unternehmen. Aber wir diskutieren lieber über andere Sachen. Zum Beispiel darüber, ob man beim Einlaufen vor dem Spiel ein Visier tragen muss oder nicht. Das scheint wichtiger zu sein als ein neues, besseres Transferreglement. Wir wünschen uns doch alle eine spannende Eishockeymeisterschaft. Davon müsste in den Zeitungen geschrieben werden und nicht schon nach drei Runden darüber, wer in einem Jahr wohin wechselt.

Reden wir über die kommende Saison. Was erwarten Sie von der Saison 2010/ 11?

Weber: Eine sehr ausgeglichene Meisterschaft. Es ist alles noch enger zusammengerückt. Die Topvereine werden zwar vorne sein, aber ob du nach der Qualifikation Erster oder Fünfter sein wirst, wird nicht so eine grosse Rolle spielen. Und im «Strichkampf» wird es sehr eng werden bis zur 50. und letzten Runde.Del Curto: Ich sage, zehn Mannschaften sind gleich stark mit leichten Nivellierungen nach oben oder unten. Ich glaube, von den Topteams muss nur Bern überhaupt keine Angst haben, plötzlich weiter hinten klassiert zu sein. Ansonsten sind viele Überraschungen möglich. Und das ist gut für das Schweizer Eishockey.

Apropos Schweizer: Sie beide und Biels Kevin Schläpfer sind die einzigen Schweizer NLA-Trainer. Drei sind zwar so viele wie schon lange nicht mehr und dennoch sehr wenig. Gibts denn zu wenig gute einheimische Trainer?

Del Curto: Nein, es wird bald mehrere davon haben. Zu hoffen ist deshalb, dass «Chrigel» mit Rapperswil so weit wie möglich nach vorne kommt und sich Schläpfer in Biel bewähren kann, was ja sicher nicht einfach sein wird. Es wäre nämlich schlecht, wenn man die Schweizer Trainer als negative Beispiele nennen könnte. Wichtig wäre auch, wenn in der Nationalliga B von den elf Trainern acht Schweizer wären.Weber: Im Prinzip sollte die NLB eine Ausbildungsliga sein. Als ich noch bei GC in der NLB Trainer war, hatten von den elf Klubs acht Schweizer Trainer. Ich verstehe nicht, wieso sich das dermassen geändert hat. Es wären nämlich genug Schweizer Trainer vorhanden, die bereit wären, auch das Risiko auf sich zu nehmen. Es hat frühere Nationalspieler, die jetzt aufs Eishockey setzen wollen, aber diese müssten ihre Chancen auch erhalten.

Gelten denn ausländische Trainer einfach pauschal als besser?

Weber: Wir haben in der Schweiz eine sehr gute Trainerausbildung.

Aber?

Weber: (überlegt) Da muss man sehr aufpassen, was man sagt, denn sonst fühlen sich da sehr viele Leute betupft ...

«Ich habe schon heute Angebote für 2011»

Die Liga wird immer ausgeglichener, das ist Fakt. Hat eine Nivellierung nach oben oder unten stattgefunden?

Weber: Nach oben.Del Curto: Ganz klar nach oben.

Und wo steht das Schweizer Eishockey international?

Del Curto: Auch auf dem Weg nach oben. Das hat man ja bei der WM in Deutschland im letzten Mai gesehen. Wir hatten rund 20 Absagen von Spielern, und dennoch waren wir dabei. Das wäre vor 15 Jahren nicht möglich gewesen. Ohne die 20 besten wäre es damals zum Debakel gekommen. Auch wenn nach ganz oben noch viel fehlt, sind wir näher gekommen. Die Ausbildung in den Klubs ist besser geworden, die Trainer machen einen guten Job. Aber es müsste noch mehr investiert werden in die Ausbildung, auch was das Finanzielle angeht. Dann könnte man von den jungen Spielern mehr verlangen, sie mehr antreiben. Und um nochmals auf die Meisterschaft zurückzukommen: Ich höre das immer wieder, auch von Ausländern, Schweden beispielsweise. Spieler, Trainer oder Agenten. Sie alle sagen, dass unsere Meisterschaft klar besser sei als ihre. Sie sagen, wir spielten intensiver, schneller, und das Tempo sei höher. Ich glaube, was uns noch fehlt, sind die Skills sowie Schusspräzision und Schusshärte.

Es heisst ja pauschal immer, die Schweiz habe keine Spieler, die Tore schiessen. Ist das einfach eine Phrase oder ist das wirklich ein Hauptproblem?

Del Curto: Wahrscheinlich wurde früher in der Ausbildung zu wenig Wert auf den Abschluss gelegt, und der Wechsel setzt erst jetzt ein. Und das Lernen diesbezüglich fängt ja schon viel früher an. In Kanada schiessen die Kids Tausende von Pucks täglich auf eine Torwand zuhause vor der Garage. So etwas machen wir hier weniger oder gar nicht.Weber: Ich sage, die Schweizer schiessen sehr gut. Aber sie schiessen zu spät. Ich habe auch bei uns einen Spieler mit einem sensationellen Schuss. Aber er schiesst nicht, selbst im Training nicht und macht lieber noch Schlaufen und Tricks. Diesbezüglich hat die Schweiz ein Riesenmanko.Del Curto: Aber man muss schon festhalten, dass sich unser Eishockey zeigen lassen kann. Wir sind langsam reif, dass wir ab und zu an den Turnieren den Halbfinal erreichen können.Weber: Oder sagen wir, es muss das Ziel sein. Wenn ich mit meinen Bekannten in Kanada rede, hat sich das Ansehen des Schweizer Eishockeys schon verändert durch die letzten kleinen Erfolge an der WM oder an den Olympischen Spielen. Umso mehr hoffe ich, dass sich bald ein Schweizer Stürmer in der NHL durchsetzt.Del Curto: Das hat nur mit unserer Mentalität zu tun, nichts mit dem Können. Nehmen wir Michel Riesen. Was der für Tricks draufhatte und wahrscheinlich immer noch hat. Da traute ich meinen Augen jeweils kaum, wie gut er ist. Aber bei ihm war in Nordamerika das Mentale das Problem. Er hatte Heimweh.Weber: Nur das Mentale! Aber die heutige Generation ist anders. Die haben alle nur ein Ziel: die NHL. Dank den Goalies oder den Verteidigern Mark Streit oder Severin Blindenbacher und Luca Sbisa sind wir etablierter in Nordamerika.Del Curto: Riesen war zehn oder 15 Jahre zu früh. Heute unter diesen anderen Voraussetzungen würde er einige überraschen, da bin ich sicher. Es gibt nicht viele, die sein Können haben.

Zum Schluss noch was anderes: Was halten Sie von der auf die neue Saison eingeführten Regel, dass die Toleranzgrenze bei fliegenden Wechseln nur noch 1,5 Meter von der Bande entfernt ist? Da sind Sie als Trainer gefordert.

Del Curto: So lange kein Vorteil aus einem fliegenden Wechsel für das Team entsteht, müsste man doch keine Strafe geben.

Aber kann denn der Schiedsrichter das überhaupt in jeder Situation unterscheiden?

Del Curto: Das weiss ich nicht. Ich glaube aber gar nicht, dass die Schiedsrichter hier hauptverantwortlich sind. Die Order kommt vermutlich von oben.

«Besseres Hockey, nur darum sollte es gehen»

Werden bei uns also zu viele Strafen gepfiffen?

Del Curto: Ich habe letzte Saison über 100 NHL-Spiele live am Fernseher geschaut. Ich habe dabei nur ein 5-gegen-3-Powerplay gesehen. Bei uns gibts schon oft nach zwei Spielminuten diese doppelten Überzahlsituationen. Wie willst du ein Spiel danach leiten, wenn du so anfängst?

Der HC Davos hat letzte Saison über 20 Strafen wegen unkorrekten Spielerwechsels erhalten. Das war Ligarekord.

Del Curto: Ja, aber 18 dieser 20 Fälle waren eben solche, in denen es zu keiner Bevorteilung für unser Team kam. Und ich weiss, diese Saison werden wir nicht 20, sondern 40 solche Strafen bekommen. Mich stört das nicht, wir haben den Plausch im Unterzahlspiel ... Doch sind immer mehr Strafen förderlich, um noch mehr Zuschauer in die Stadien zubringen, den Sport noch weiterzubringen oder noch mehr Sponsoren zu finden, die in das Eishockey investieren? Ich sage Nein.Weber: Ich bin nicht mit allem einverstanden. Ich finde diese 1,5-Meter-Regel gut. Aber man müsste diese Zone auf dem Eis markieren, da es sonst nur zu endlosen Diskussionen führen wird. Wenn so eine Strafe zwei Minuten vor Schluss beim Stand von 3:3 gepfiffen wird und ich das Spiel deswegen verliere, dann drehe ich durch. Da dreht jeder Trainer durch. Das wird in den ersten Spielen für die meisten Diskussionen sorgen, und das ist nicht gut.Del Curto: Es müsste einfach immer nur darum gehen, ob unser Eishockey besser wird oder nicht. Besser wird es auch nicht, wenn bei uns Spieler, die gecheckt werden, sich kurz vorher abdrehen und dann in die Bande fliegen. In der NHL kannst du dich nicht abdrehen vor einem Check, sonst bist du schwer verletzt. Du musst bei Checks dagegenhalten. Bei uns gibts Spieler, die das nicht machen. Sie drehen sich ab, und nachher gibts ein Riesentheater wegen des Checkenden. Haben Sie denn das Gefühl, dass einer, der im Begriff ist, einen Check auszuführen, einen halben Meter vor dem Gegner noch die Richtung ändern kann, weil sich dieser abdreht? Es sieht dann brutal aus, aber man muss auch auf die Rolle des sich Abdrehenden schauen. Und wenn wir das nicht korrigieren, werden wir nie lernen, bei Checks dagegenzuhalten.

Die Schiedsrichter haben die Weisung, diese Saison gegen Trainer, die in der Drittelspause versuchen, den Schiedsrichter durch Diskussionen zu beeinflussen, vorzugehen ...

Del Curto: Das war höchste Zeit. Bloss wurde das schon hundert Mal angekündigt und nie umgesetzt.Weber: Das ist interessant zu hören. Uns Trainer wurde das so nicht mitgeteilt ...Del Curto: Lassen wir uns überraschen. Die Suppe wird dann wahrscheinlich nicht so heiss gegessen, wie sie gekocht wurde ...

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu MEHR