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«Wir haben jetzt schon eher zu wenig Personal»

Es ist ein hehrer Wunsch: «Wir sollten mehr an die Pflegekräfte denken, wenn wir die Krankenkassenprämien bezahlen», sagt Peter Werder der Direktor vom Spital Linth. Nicht sein einziger Wunsch.

Fabio
Wyss
27.12.21 - 20:22 Uhr
Wirtschaft
Will mit dem Spital Linth erste Wahl sein: Spitaldirektor Peter Werder.
Will mit dem Spital Linth erste Wahl sein: Spitaldirektor Peter Werder.
Bild Markus Timo Rüegg

Als Spitaldirektor gibt es Einfacheres als eine Pandemie. Peter Werder findet Ausgleich in der Musik. Doch der Leiter und Mitgründer des Zurich Gospel Choir muss auch da unten durch: Sämtliche Weihnachtsauftritte fielen Corona zum Opfer. Immerhin gibt es aus dem Spital Linth aus Uznach neben schwierigen Themen wie Impfobligatorien, Kündigungen und der angespannten Finanzlage auch erfreuliche Meldungen.

Peter Werder, es ist Ende Jahr und die Spitäler sind wieder voll – hätten Sie sich das vor einem Jahr vorstellen können?

PETER WERDER: Die Antwort fällt aus der Perspektive vom Spital Linth zweigeteilt aus: Zum einen haben wir viel Aufwand betrieben, damit wir wieder mehr Patienten und Patientinnen behandeln können. Das ist eingetreten und das freut uns sehr. Bezogen auf die Pandemie sieht es anders aus. Wir behandeln zwar nicht gleich viele Covid-Patienten wie andere Spitäler, dennoch trifft uns die Pandemie massiv.

Wie viele Covid-Patienten behandelt aktuell Ihr Spital?

Wir behandeln seit November im Schnitt wieder etwa zehn Patientinnen und Patienten mit Covid. Wir prüfen täglich unser Operationsprogramm und achten darauf, genug Kapazität bei den Betten und beim Personal zu haben. Wenn es eng wird, müssen auch wir Operationen verschieben.

Diese Situation für das Schweizer Gesundheitswesen hat sich lange abgezeichnet. Anstatt wirkungsvolle Massnahmen zu ergreifen, haben sich aber Bund und Kantone auch heuer wieder zu lange den Ball zugeworfen. Teilen Sie als FDP-Politiker den Eindruck?

Wenn es eng wird – also hohe Fallzahlen, starke Spitalauslastung –, dann wünschen sich Kantone in der Tendenz ein einheitliches Vorgehen. Also Vorgaben vom Bund. Wenn es eher in Richtung Normalbetrieb geht, ist es wichtig, dass die Kantone entscheiden können. Da sie unterschiedliche Ausgangslagen haben. Das ist wichtig, denn das Gesundheitswesen findet auf Ebene der Kantone statt – das ist gesetzlich geregelt.

Dennoch schauten Bund und Kantone der anrollenden Welle lange Zeit zu.

Das liegt aber nicht an einem Hin und Her zwischen Bund und Kantonen. Vielmehr war es generell schwierig, richtige Massnahmen zu treffen. Die Entscheide sind in den letzten Monaten anspruchsvoller geworden.

Wieso?

Es ist jetzt eine neue Virusvariante hinzugekommen. Davor wichen die Spitalauslastungen und das Infektionsgeschehen kantonal stark voneinander ab.

Das spricht dafür, dass St. Gallen mit seiner hohen Inzidenz viel eher selber Massnahmen hätte ergreifen sollen.

Im Frühling und im Winter letzten Jahres sah man, dass die Fallzahlen gesunken sind, bevor der Lockdown in Kraft trat. Harte Massnahmen haben darum vermutlich eine Signalwirkung für die Bevölkerung. Die Frage ist nur: Was für Massnahmen? Wirken Restriktionen in Restaurants oder lösen diese vor allem einen Kollateralschaden aus? 

Klar ist: Zu späte Massnahmen führen zu Mehrarbeit für das Gesundheitspersonal. Müsste nach eineinhalb Jahren Pandemie nicht sorgsamer mit diesem systemrelevanten Beruf umgegangen werden?

Zu spät gekommen ist die dritte Impfung. Viele Probleme hätten mit einer frühen Auffrischimpfung beim Gesundheitswesen verhindert werden können. Um das vorherzusehen, muss man nicht Raketenwissenschaftler sein. Aber statt die dritte Impfung im Herbst zu vollziehen, leistete sich der Bund eine Zulassungsfolklore. Ob andere Massnahmen zu spät sind, ist schwierig zu beurteilen.

Inwiefern?

Ich sehe das in der Spitalführung. Zum Beispiel bei der Absage des Weihnachtsessens: Egal, was man entscheidet – eine Gruppe ist enttäuscht und die andere hätte sich schon viel früher andere Massnahmen erlaubt. Und ich erlaube mir jetzt eine Medienkritik …

… nur zu.

Medien sind genau in der Situation, dass sie Entscheide in der Pandemie von aussen betrachten. Von der Aussenlinie wird reingepfiffen. Verantwortung muss aber keine übernommen werden. Die Folgen, die Entscheide nach sich ziehen, sind von aussen nur schwer abschätzbar. Darum halte ich mich zurück mit Kritik an Bund und Kantonen – mit der Ausnahme Auffrischimpfung. Ganz generell habe ich riesigen Respekt vor Leuten, die seit über eineinhalb Jahren solche Entscheide treffen müssen.

Sie sind selber politisch aktiv. Würde Sie ein solches Exekutivamt in einer so turbulenten Phase reizen?

Ich bin sehr happy hier in Uznach (lacht). Ich suche momentan nichts anderes und schon gar nicht in der Politik. Was klar ist: Niemand hat sich die jetzige Situation ausgesucht. Und alle machen Fehler. Seien es Politiker, aber auch ich als Spitaldirektor. Was logisch ist, denn niemand war auf diese Zeit vorbereitet.

In diese Zeit ist auch die Pflegeinitiative gefallen, die letzten Herbst deutlich angenommen wurde. War das ein grosses Thema in Uznach?

Am Rande. Vereinzelte Mitarbeitende in der Pflege steckten sich einen Button an und nahmen so Stellung. Dazu war es sicherlich ein Thema in der Cafeteria. Das Anliegen kann ich natürlich sehr gut verstehen.

Aber?

Ich hätte mich gefreut, wenn der Gegenvorschlag angenommen worden wäre. Dieser hätte schneller gewirkt. Nun müssen wir noch zwei bis drei Jahre länger warten. Dass die Stärkung des Pflegeberufs nun in der Verfassung steht, bedeutet vor allem eine grosse Wertschätzung für die Pflege. Faktisch ändert sich aber relativ wenig.

Glauben Sie, die grossen Hoffnungen, die mit der Initiative verbunden sind, werden erfüllt?

(überlegt) Bis die Massnahmen in der Ausbildung wirken, dauert das seine Zeit. Gleichzeitig gibt es jetzt aber Abgänge aus dem Beruf. Das bedaure ich sehr.

Welche Gründe werden bei einer Kündigung genannt?

Was mir auffällt: Kündigungen gibt es in allen Spitälern. Das ist also weniger das Problem eines einzelnen Spitals, sondern der gesamten Branche. Ich denke, die Entlöhnung ist dabei nur ein Grund unter vielen. Vielmehr hat es mit den Arbeitsbedingungen und -modellen zu tun. Das Gesundheitswesen befindet sich in einem Spannungsfeld: Wie viel Flexibilität kann von Arbeitnehmenden für welchen Lohn erwartet werden? Und natürlich haben wir sehr hohe Ansprüche. Pro 100 000 Einwohner hat die Schweiz deutlich mehr Pflegeangehörige als etwa Deutschland.

Die Schweiz leistet sich das zweitteuerste Gesundheitswesen der Welt …

… und gehört auch puncto Qualität zu den Top 3. Weniger gut sieht es aber aus, wenn man die Kosten und Lebenserwartung ins Verhältnis setzt. Da belegt die Schweiz noch Rang 14. Wir geben also für unsere Lebenserwartung sehr viel mehr Geld aus als andere Länder, selbst wenn man es mit der Kaufkraft bereinigt. Die Spitäler schwimmen aber nicht im Geld. Gerne würden wir mehr bezahlen, wir haben das Geld gar nicht. Wer soll das finanzieren?

… die Bevölkerung, welche sich über hohe Krankenkassenprämien beschwert.

Ich denke, diese Zusammenhänge sind sich viele nicht bewusst. Wir sollten mehr an die Pflegekräfte denken, wenn wir die Krankenkassenprämien bezahlen. Wir zahlen zwar viel Geld, aber es ist richtig investiert. Und vielleicht kann man so eher lächeln bei der Überweisung des Geldbetrags. Was aber nicht geht, ist, über die hohen Prämien zu fluchen und gleichzeitig die beste Pflege erwarten.

Die Pandemie schafft neue Erwartungen an das Pflegepersonal – zum Beispiel bezüglich Impfstatus.

Sicherlich lassen sich im Gesundheitswesen deutlich mehr Personen impfen als im Durchschnitt der Bevölkerung – insbesondere bei der Ärzteschaft. Aber ja, es gibt natürlich Vereinzelte in einem Spital, die sich nicht impfen lassen wollen.

Obschon Spitalangestellte klar vor Augen geführt bekommen, wie ungeimpfte Patienten unter dem Virus leiden. Wie kann man sich da der Impfung verweigern?

Nun, die Frage könnte auch lauten: Wieso rauchen Leute, die im Spital arbeiten? Ich möchte mich da übrigens nicht rausnehmen, ich bin selber Gelegenheitsraucher. Es gibt einfach ein paar Leute, die sich nicht impfen lassen wollen. Egal, ob sie auf einer Notfallstation, einer Zeitungsredaktion oder einer Verwaltung arbeiten. Über die Gründe will ich gar nicht spekulieren. Ich respektiere diese, auch wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Aber wir haben nun mal keinen Impfzwang in der Schweiz.

Ein Obligatorium wird aber zum Thema, da der ungeimpfte Teil der Bevölkerung die Intensivstationen überlastet.

Ganz allgemein bin ich überrascht, wie viele Leute sich nicht impfen lassen. Vor einem Jahr dachte ich, dass die Bevölkerung aus Freude und Dankbarkeit bei den Impfzentren die Bude einrennen würde. Meine persönliche und politische Haltung ist ganz klar: In einem liberalen Staat lässt man sich in einer Pandemie freiwillig impfen, damit es keinen Impfzwang braucht. Die Impfung liegt in der Eigenverantwortung von Bürgerinnen und Bürgern. Diese Eigenverantwortung kann man aber nicht mehr wahrnehmen, wenn man auf der Intensivstation liegt. Das Impfen schützt so eben genau diese Eigenverantwortung, indem es das Risiko der Erkrankung reduziert.

Dennoch lässt sich ein Drittel der Bevölkerung nicht impfen.

Das sind nicht alles Impfgegner, darunter sind auch Kinder und Genesene. Sie können oder müssen sich nicht impfen lassen. Alle, die können, sollen das aber tun. Sonst müssen wir viele unangenehme Diskussionen über die Triage führen. Einige Fachverbände der Medizin, unter anderem der Onkologie, forderten jüngst eine Anpassung der Triagekriterien, damit Krebskranke eine angemessene Behandlung erhalten. Der Impfstatus solle, so die Forderung, zum Triagekriterium werden. Das ist ein moralisches Dilemma. 

Wie meinen Sie das?

Unser Krankenversicherungsgesetz steht unter dem Solidaritätsprinzip. Wir bezahlen Prämien, die nicht risikobasiert sind. Egal, ob Alt oder Jung, ob Raucher oder Übergewichtige – das hat gemäss Gesetz keinen Einfluss auf die Krankenversicherung und die zu erwartende Behandlung. Wenn wir also die Ungeimpften strikt unter dem Aspekt der Fahrlässigkeit triagieren, müssen wir auch die Raucher triagieren.

Jetzt befinden wir uns aber in der Ausnahmesituation Pandemie. Und Raucher bringen unser Gesundheitswesen nicht an den Anschlag.

Das ist genau das Dilemma. Darum müssen wir Anreize für eine Impfung weiter erhöhen.

Das Epidemiengesetz erlaubt ein Impfobligatorium im Gesundheitswesen. Wie würde sich diese Massnahme auswirken?

Ein harter Kern wird sich auch dann nicht impfen lassen. Also führt das zu Kündigungen. Im Spital in Mulhouse in Frankreich mussten deshalb 120 Personen entlassen werden, der Spitalbetrieb wurde reduziert. Ich bezweifle stark, dass das die Lösung ist. Wir haben jetzt schon eher zu wenig Personal. Soll lieber ein ungeimpfter Arzt einen Patienten behandeln oder gar keiner?

In vielen Gesundheitsinstitutionen muss sich ungeimpftes Personal regelmässig testen lassen. Wie sieht das im Spital Linth aus? Halten Sie das für eine Alternative zu einem Impfobligatorium?

Wir testen zurzeit ungeimpfte Mitarbeitende nicht durch, evaluieren die Situation aber laufend. Sicherlich ist das langfristig keine Alternative zur Impfung.

Kommen wir zu positiveren Themen. Was war 2021 Ihr Highlight als Direktor vom Spital Linth?

Darf ich zwei nennen?

Natürlich.

Der Rohbau, der abgeschlossen ist. Und, dass uns wieder so viele Patientinnen und Patienten zugewiesen wurden.

Zählt das Spital Linth bereits wieder so viele Patientinnen und Patienten wie vor dem Umbau?

Noch nicht ganz. Dazu muss gesagt werden: 2019 war ein Tiefpunkt vor allem wegen der baulichen Massnahmen. 2020 war auch nicht gut, diesmal wegen Corona. Nun geht es aufwärts, wir sind in etwa auf dem Niveau des Jahres 2018. Im März werden zum Beispiel die neuen Privat- und Halbprivatzimmer fertiggestellt. Das verzögerte sich leider, weil gewisse Materialien wegen Corona nicht geliefert werden konnten. Aber die Nachfrage zeigt jetzt schon deutlich nach oben. Das beweist, dass es unser Spital braucht.

Welcher Einfluss hat die anstehende Schliessung des Spitals Wattwil darauf?

Das spüren wir. Das Angebot in Wattwil ist schon recht heruntergefahren worden. Viele aus dem Toggenburg kommen nun entweder zu uns oder gehen nach Wil. Wobei das nicht nur am Umbau liegt. Zum Beispiel hat unsere neue Chefärztin der Frauenklinik, Stefanie Huggle, eine gewaltige Strahlkraft. Das zeigt sich bei der steigenden Anzahl Geburten. Aber klar, frische und schöne Räume haben einen grossen Einfluss darauf, welches Spital ausgewählt wird. Gerade bei einer Geburt – dem «einzig freiwilligen Grund», um in ein Spital zu gehen.

Gibt es denn schon Tendenzen, wie das 2021 finanziell ausfällt?

Das ist aufgrund der Abschreibungen und der komplexen Einflüsse der Pandemie derzeit noch schwierig zu sagen. Aufgrund der Fallzahlen wird das Defizit nicht mehr so hoch sein wie letztes Jahr. Nur schon wegen des Coronaeffekts, der nicht mehr so schlimm ausfällt. Der Lockdown im Frühling 2020 kostete enorm viel Geld. Die einen Arbeitnehmenden machten Minusstunden, die anderen Überstunden.

Das hat das Defizit damals verdoppelt.

Von den knapp 13 Millionen Franken Verlust sind wohl 6 oder 7 Millionen auf Corona zuzuschreiben. Aber die Bremsspur Corona zieht sich beispielsweise bei der Inneren Medizin bis in den Mai des laufenden Jahres. Eine Prognose, wie viel das ausmacht, ist aber noch nicht möglich.

Um künftig finanzielle Ziele zu erreichen, müssen Sie mehr Patientinnen und Patienten aus Rapperswil-Jona nach Uznach locken. Aktuell werden diese von ihren Hausärzten teils in den Kanton Zürich verwiesen. Wie wollen Sie das ändern?

(überlegt und lacht) Im Interview steht nun sicher in Klammer: lacht. Nun – wie wir das ändern wollen? Wir müssen einfach besser sein als die anderen. Das Zuweisen ist der freie Entscheid von jedem Arzt, Patienten und Patientinnen dürfen ihr Spital selber wählen. Sie brauchen die beste medizinische Versorgung. Wir müssen so gut werden, dass wir die erste Wahl sind.

Zur Person
Familienvater, Geschäftsleitungsmitglied der FDP im Kanton Aargau, musikalischer Leiter eines Gospelchors und vor allem Direktor vom Spital Linth
: Peter Werder (47) arbeitet seit bald zwei Jahren in Uznach. Davor war er für die Privatklinikgruppe Hirslanden in der Unternehmenskommunikation tätig und amtete zuletzt als Direktor der Hirslanden-Klinik in Schaffhausen. Werder studierte Publizistik, Musikwissenschaften und Philosophie. In Philosophie doktorierte Werder. Zudem absolvierte er an der Universität St. Gallen erfolgreich das Executive MBA in Generalmanagement mit der Masterarbeit «Zentralisierung und Standardisierung bei Spitälern». (wyf)

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