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Die Mafia existiert - auch in Graubünden

Der bekannte Tessiner Mafiajäger Paolo Bernasconi warnt die lokalen Behörden, nicht die Augen vor dem organisierten Verbrechen zu verschliessen. Sonst könne es zu einem brutalen Erwachen kommen.

Südostschweiz
Samstag, 09. November 2019, 04:30 Uhr Ein Mafiaexperte erzählt
Vorgeführt: In Mailand wurde in den 80er-Jahren vielen Paten der Prozess gemacht.
KEYSTONE

von Simon Lechmann und Pierina Hassler

«Im Raum steht der Verdacht auf Geldwäsche und Verbindungen zur Mafia.» Diese Aussage ist knapp zwei Jahre alt und stammt von der örtlichen Polizei im Misox. Das Tal beherbergte damals 1600 Firmen, aber nur 8300 Einwohner. Diese aussergewöhnlichen Zahlen lassen sich dann so lesen: Auf fünf Misoxer kommt ein Unternehmen. Noch abstruser wirds dann, wenn man dieselbe Rechnung mit dem Dorf Grono macht: Auf 1000 Einwohner kommen rund 500 registrierte Firmen. Ein Schelm, wer solche Verhältnisse für bare Münze nimmt. 

Mehr Schein als Sein, mehr Briefkasten denn Firma. Aber Briefkastenfirmen sind in Graubünden nicht per se illegal, das Missbrauchspotenzial ist entsprechend gross. Und schon sind wir mittendrin im schmutzigen Geschäft um dreckiges Geld. Denn da, wo dieses gewaschen wird, ist auch das organisierte Verbrechen nicht weit weg. Und deshalb liegen die örtlichen Polizisten im Misox mit ihrem Verdacht von Geldwäscherei und Spuren zur Mafia wohl goldrichtig.


Ansiedlung unerwünscht

Wenn es um Graubünden und das organisierte Verbrechen geht, spricht der bekannte Tessiner Mafiaexperte Paolo Bernasconi Klartext. «Es ist bekannt, dass Briefkastenfirmen der Geldwäscherei dienen», sagt er. Der ehemalige Staatsanwalt und Strafrechtsprofessor geht sogar noch einen Schritt weiter: «Seit gut einem Jahrzehnt spricht man von der sogenannten Quarta Mafia.» Das seien Organisationen, die ausserhalb Italiens operieren würden. Die organisierte Kriminalität habe sich von Süditalien in den Norden verschoben. «Und von der Lombardei, Veneto und Piemont über die Grenze ins Tessin und nach Graubünden.» 

Wenn man über die organisierte Kriminalität rede, müsse man immer eine grosse Dunkelziffer berücksichtigen, sagt Bernasconi. Deshalb könne er zwar keine exakten Zahlen zu Graubünden liefern. Aber im Tessin und in Graubünden würden sich Hunderte Mafiamitglieder aufhalten. Typischerweise würde die Mafia eben «unterirdisch» operieren. Umso wichtiger sei eine starke Kontrolle. «Aber ich bin sehr besorgt und beunruhigt über die Tatsache, dass unsere Abwehr gegen die kriminellen Organisationen zu schwach ist.» Das erleichtere die Infiltration durch die Mafia auf Schweizer Boden. «Graubünden und das Tessin als Grenzkantone mit inbegriffen», so Bernasconi. 

Wie einfach es für die Mafia ist, Graubünden über die Misoxer Briefkastenfirmen zu infiltrieren, beweist eine Aussage des damaligen Volkswirtschaftsdirektors Jon Domenic Parolini. Der Kanton sei sich der Entwicklung im Misox bewusst, sagte er am 22.  November 2017 im «Tages-Anzeiger». Aber Briefkastenfirmen seien völlig legal. Es gebe einzelne Firmen mit kriminellem Hintergrund, um die sich die Polizei kümmere. Beim grossen Rest sei die Ansiedlung zwar nicht erwünscht, könne aber nicht verhindert werden.

Um die schwarzen Schafe zu finden, braucht es Spezialisten. Aber genau dort liegt der Hund begraben. «Ich befasse mich seit 50 Jahren mit der organisierten Kriminalität», sagt Bernasconi. «In dieser Zeit haben Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden grosse Fortschritte gemacht. Aber die Banden sind eben noch viel cleverer.» Deswegen sei die Mafia den Schweizer Behörden immer einen Schritt voraus. Das organisierte Verbrechen habe sich gewandelt. «Die kommen nicht mit einem Sack voll Geld in die Schweiz, um es loszuwerden.» Alles funktioniere viel raffinierter. «Man spricht von den sogenannten Coletto Bianco, den weissen Kragen», erklärt Bernasconi. Damit seien Leute gemeint, die in der Masse untertauchen würden, quasi unsichtbar seien. Umso schwieriger, die Mitglieder auffliegen zu lassen. 


Eine Frage der Ressourcen

Der ehemalige Staatsanwalt fragt deshalb: «Verfügen wir bei der Polizei und bei der Staatsanwaltschaft überhaupt über Personen, die sich in der Mafiaszene auskennen? Wäre ein Staatsanwalt spontan auf eine Ver-
nehmung mit Mafia-Leuten vorbereitet?» Bernasconi verneint beides und sagt: «Natürlich ist das auch eine Frage der Ressourcen. Trotzdem müssten ausgewählte Leute nach Amerika oder Deutschland geschickt werden, um zu lernen, wie man Mafiamitglieder vernimmt.» 


Verstärkte Massnahmen

Dass das organisierte Verbrechen für die Schweiz eine Gefahr ist, bestätigt auch Anne-Florence Débois vom Bundesamt für Polizei Fedpol. «Es ist überall in der Schweiz, nicht nur im Tessin, sondern auch in Graubünden oder im Kanton 
St.  Gallen», so Débois. Stark präsent sei die Ndrangheta, die den Kokainhandel kontrolliere. «Verschiedene Hinweise deuten darauf hin, dass sie den europäischen Markt organisiert und dominiert.» 

Man habe die Stärke der italienischen Mafia lange unterschätzt, gibt Débois zu. Das unauffällige und diskrete Vorgehen sowie der komplexe Aufbau dieser Gruppen hätten dazu beigetragen, dass die Aktivitäten lange nicht mit mafiösen Organisationen in Verbindung gebracht wurden, sagte Fedpol-Chefin Nicoletta della Valle im September zum Schweizer Fernsehen. Fedpol verstärkt nun aber den Kampf gegen die Mafia und hat bereits Massnahmen ergriffen. 

Ab Ende Jahr sollen sich verschiedene Behörden von Kantonen und Bund regelmässig treffen, um sich auszutauschen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. «Es ist entscheidend zu erkennen, wenn ein kantonaler Fall Bezug zum organisierten Verbrechen hat», sagt Débois. Auf eine solche Zusammenarbeit hat Bernasconi lange gewartet. Und die Bündner Behörden wie Staatsanwaltschaft und Polizei sind gefordert im Kampf gegen die Mafia.

Die verschiedenen Organisationen der italienischen Mafia:

Die Mafia ist die ursprüngliche Bezeichnung für einen streng hierarchischen Geheimbund, der seine Macht durch Erpressung, Gewalt und politische Einflussnahme festigte. Die Mafia hat ihre Wurzeln im Sizilien des 19.  Jahrhunderts. Heute bezeichnet man die sizilianische Mafia auch als Cosa Nostra

Die sizilianische Camorra gehört zu den grössten kriminellen Organisationen in Europa. Sie ist in familiär organisierten Clans aufgeteilt. In Neapel und Umgebung ist die Camorra noch immer die grösste Arbeitgeberin, und die Region entzieht sich fast vollständig der staatlichen Kontrolle.

Die Sacra corona unita oder auch Mafia pugliese oder SCU operiert von Apulien aus. Die Organisation verfügt über gute Verbindungen zur organisierten Kriminalität in Kolumbien und Albanien. Die Corona unita steht vor allem für Zwangsprostitution und Drogenhandel.

Die Ndrangheta ist die Vereinigung der kalabrischen Mafia, deren Aktionsradius ganz Europa, Nord- und Südamerika sowie Russland und Australien umfasst. Mit rund 54 Milliarden Euro Jahresumsatz (2013) gilt sie seit Mitte der 1990er-Jahre als mächtigste Mafia-Organisation Europas. Auch diese Organisation besteht aus Familienclans.

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