×

Der Überraschungs-Znacht kommt an, ist jedoch verbesserungsfähig

Seit vier Monaten wird in Graubünden mit der App «Too good to go» gegen Lebensmittelverschwendung gekämpft. Die Meinungen über die App sind verschieden.

26.07.19 - 04:30 Uhr
Wirtschaft
Seit rund einem Jahr ist das Unternehmen «Too good to go» auch in der Schweiz tätig.
Seit rund einem Jahr ist das Unternehmen «Too good to go» auch in der Schweiz tätig.
PRESSEBILD

Mit dieser App werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Gastronomen müssen dank «Too good to go» weniger Essen in den Abfall werfen und das Essen kann über die App für entweder 5.90 oder 6.90 Franken verkauft werden. Das Konzept klingt gut, doch wie sieht es mit der Nachfrage in Graubünden aus?

«Das Angebot wird genutzt»

Der Küchenchef des Restaurants «B12» in Chur, Marko Molle, ist von «Too good to go» überzeugt. «Die Nachfrage ist gross. Unsere Portionen sind sehr schnell ausverkauft, meist schon am Vorabend. Wenn wir kurzfristig noch mehr Portionen haben, bieten wir diese am selben Tag auf der App an. Diese gehen von Tag zu Tag unterschiedlich gut weg.» Es gebe auch Wiederholungstäter, welche immer wieder im gleichen Restaurant bestellen.

Sehr viel Lebensmittelabfall hätte das «B12» schon vor der App nicht gehabt. «Es ist schwierig zu sagen, ob sich der Essensabfall wirklich minimiert hat. Das ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Da wir täglich frisch kochen, haben wir einen Erfahrungswert, auf welchen wir uns stützen können», sagt der Küchenchef des Churer Restaurants.

«Eine halbe Kiste weniger im Abfall»

Die App hat sich innerhalb des Kantons ausgebreitet. Auch in Ilanz und Schluein gibt es das Angebot, unter anderen in der «Bäckerei Caduff». Frau Coray von der Filiale in Schluein ist positiv auf das Angebot zu sprechen. «Die Nachfrage in Ilanz ist gut. In Schluein könnte sie noch besser sein. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man für diese App keinen grossen Weg auf sich nehmen will. Es macht ja auch Sinn, wenig Benzin zu verbrauchen, um das Essen abzuholen.»  

Gerade unter Schülern und jungen Leuten sei das Angebot beliebt. Man spare immerhin einen Drittel des Originalpreises. Und in der Bäckerei lande jeden Tag rund eine halbe Kiste weniger Essen im Abfall. Man dürfe aber nicht heikel sein, betont Coray. Oft gebe es nur Süsses, manchmal bekomme man nur Sandwiches oder normales Brot.

Die App sei ausserdem für die Anbieter sehr einfach zu bedienen. Es sei ein grosser Vorteil, wenn die Gäste die Produkte selber abholen würden. So entstehe keinen grossen Aufwand für sie als Bäckerei.

«Die Gäste sind anspruchsvoll»

Kritischer gegenüber der App steht Linus Caduff, Gastgeber im «Café Zschaler» in Chur. Die Idee der App sei zwar seiner Meinung nach gut, die Umsetzung lasse aber noch zu wünschen übrig. Zum einen seien die Gäste anspruchsvoll. «Die Gäste können natürlich kein 5-Gang-Menü erwarten. Manchmal kommen halt ein Stück Kuchen und ein Stück Braten im gleichen Paket.» Laut Caduff seien die Vorstellungen der Leute hochgesteckt.

Der zweite Punkt sei die Verpackung des Menüs. Laut Caduff sollte es selbstverständlich sein, das Geschirr für das Menü selbst mitzunehmen. «Es macht für mich keinen Sinn, das Essen vor dem Abfall zu retten, aber das Menü in Wegwerfschalen zu verkaufen.» Dieses Einsehen sei aber bei vielen Gästen noch nicht so weit. Es sei wichtig, die Leute zu sensibilisieren, ihr eigenes Geschirr mitzubringen.

Mitarbeiter zuerst

Bei einem Punkt sind sich alle drei Gastronomen einig. Zuerst sollten die Mitarbeiter die Möglichkeit bekommen, das restliche Essen mitzunehmen. «Viele seien dankbar, wenn sie das Essen gratis mitnehmen können», sagt Caduff.

Durch längerfristige Planung können auch viele Abfälle vorgebeugt werden, sagt Molle vom «B12». Wenn die Mitarbeiter Essen mitnehmen und einige Essensresten verwertet werden können, bleibe oft gar nicht viel für «Too good to go» übrig, so die drei Gastronomen.

Anna Nüesch ist freie Mitarbeiterin und arbeitet neben ihrem Multimedia-Production-Studium bei der Südostschweiz in den Redaktionen von Online/Zeitung und TV. Zuvor hatte sie ein Praktikum bei diesen Kanälen absolviert. Mehr Infos

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu Wirtschaft MEHR