Der Schädling und sein Doppelgänger
Ein kleines Tierchen lässt Obstbauern und Experten derzeit ganz genau hinschauen: Die Marmorierte Baumwanze, ein eingewanderter Schädling, ist offenbar auch im Kanton St. Gallen angekommen. Doch aufgepasst: Eine heimische Wanze sieht ihr zum Verwechseln ähnlich.
Ein kleines Tierchen lässt Obstbauern und Experten derzeit ganz genau hinschauen: Die Marmorierte Baumwanze, ein eingewanderter Schädling, ist offenbar auch im Kanton St. Gallen angekommen. Doch aufgepasst: Eine heimische Wanze sieht ihr zum Verwechseln ähnlich.
Ist sie es oder ist sie es nicht? Um das herauszufinden, brauchen selbst Experten manchmal fast eine Lupe. Denn der Unterschied offenbart sich erst, wenn man sich den Plagegeist ganz genau ansieht. So liefert etwa die Bauchseite des «Stinkkäfers» entscheidende Hinweise auf die Frage: eingeschleppter Schädling aus China oder harmlose einheimische Feldwanze?
Mit dieser Frage muss sich Obstbauer Stefan Bächli aus Jona in diesen Tagen gleich mehrfach auseinandersetzen. Wanzen in Gläsern, eingefangen von Privatpersonen auf ihren Balkonen, haben ihn auf dem Bächlihof erreicht. «Lebendbeweise» quasi von Rapperswil-Jona bis Eschenbach. Ob er sich die nicht mal genauer anschauen könne? Ob das denn nun der berüchtigte Schädling sei, der «Stinkkäfer» aus China?
«Wichtig ist, die Baumwanze von der Oberseite und der Bauchseite zu betrachten.»
Richard Hollenstein, Obstbauexperte, Flawil
Ja, sagt Bächli. In einigen Fällen handle es sich tatsächlich um die Marmorierte Baumwanze. Das daumennagelgrosse Tierchen, das mit Vorliebe über Apfel- und Birnbäume herfällt, gilt unter Experten im Obstbau als ernst zu nehmender Schädling (diese Zeitung berichtete).
Harmloser Doppelgänger
Im Nachbarkanton Zürich hat der «Stinkkäfer» dieses Jahr erstmals zu wirtschaftlich relevanten Schäden auf Obstanlagen geführt. Seit diesem Sommer läuft nun auch im Kanton St. Gallen ein Monitoring. Damit wollen Fachleute überprüfen, ob und in welchem Ausmass die Marmorierte Baumwanze auf dem Vormarsch ist.
Auf vier ausgewählten Betrieben sollen Lockstoffe die Wanzen in speziell angefertigte Fallen schleusen. Auch Richard Hollenstein, Obstbauexperte vom Landwirtschaftlichen Zentrum Flawil, hat Fotos von Wanzen zugesandt bekommen. Er betont: Wichtig sei es, die Baumwanze beidseitig zu betrachten. Denn die charakteristischen Merkmale der Marmorierten Baumwanze zeigen sich sowohl auf der Körperoberseite als auch auf der Bauchseite.
Nimmt man die Bauchseite unter die Lupe, erkennt man klare Unterschiede zur heimischen Grauen Feldwanze. Jene ist zwar lästig, aber harmlos. Typisch für die Graue Feldwanze ist auf der «Bauchseite» ein heller Dorn zwischen den Vorderbeinen, welcher bei der Marmorierten Baumwanze fehlt. Dafür hat die Wanze aus China am Bauch eine schwarze, senkrechte Linie – es ist der Rüssel, mit dem sie die reifenden Früchte ansaugt. Charakteristisch für die Marmorierte Baumwanze sind auf der Vorderansicht zudem fünf gelb-weissliche Punkte unterhalb des Halsschildes.
Doch selbst wenn jemand in seinem Privatgarten tatsächlich Marmorierte Baumwanzen vorfindet: Grund zur Panik bestehe deswegen nicht, beschwichtigt Hollenstein. Sich den Wanzen zu entledigen, empfiehlt sich trotzdem: Ein «mechanisches Abtöten von Hand» verhindere eine weitere Vermehrung im Frühling, sagt Hollenstein.
Fallen bleiben bis Mitte Monat
Noch nicht in Erscheinung getreten sind die Marmorierten Baumwanzen indes in den Fallen, die kantonsweit gezielt in die Obstbäume gehängt wurden – unter anderem auf dem Bächlihof. Im Siedlungsgebiet allerdings sind sie bereits aufgetaucht. Vermutlich sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Marmorierte Baumwanze auch auf hiesigen Obstanlagen zeige, sagt Hollenstein.
Die Fallen jedenfalls sollen wegen des anhaltend warmen Wetters noch bis Mitte November an ihren Standorten bleiben. Im Falle von Jona heisst das: zwischen den Williamsbirnen.
Hinweise auf die Marmorierte Baumwanze können an richard.hollenstein@lzsg.ch gerichtet werden.
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