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«Ohne Freiwillige würden die Kosten explodieren»

«Ohne Freiwillige würden die Kosten explodieren»

Andreas Notz leitet das Alters- und Pflegeheim Kaltbrunn. Er spricht über Unterschiede zum 
Pflegezentrum Linthgebiet, den Fachkräftemangel und veränderte Anforderungen an die Heime.

vor 2 Jahren in
Wirtschaft
Andreas Notz ist als Quereinsteiger in die Pflegebranche gekommen.
DANIEL GRAF

Der Abgang von Jürg Heer im Pflegezentrum Linthgebiet (PZL, Ausgabe vom 1. Oktober) kommt für Andreas Notz, Heimleiter im Alters- und Pflegeheim Kaltbrunn, nicht gänzlich überraschend. Im Interview spricht er über die Herausforderungen in der Pflege, den unschätzbaren Wert der Freiwilligenarbeit und seine Mitarbeiter als wichtigste Ressource. 


Andreas Notz, was sind die Chancen und Herausforderungen in der Langzeitpflege? 
In der Langzeitpflege hat man die Chance, wirklich auf die Menschen einzugehen und sie auch zu fragen, wie sie sich den Aufenthalt vorstellen. Demgegenüber ähneln die Kurzzeit- und Übergangspflege eher einem Spitalaufenthalt. Von daher ist, mit einer Ausrichtung auf Kurzzeit- und Übergangspflege, die Nähe des PZL zum Spital sicherlich von Vorteil. 

Welche weiteren Unterschiede zwischen dem PZL und dem Heim in Kaltbrunn gibt es? 
Der wichtigste Unterschied ist, dass unser Auftraggeber und Kontrollorgan die Gemeinde Kaltbrunn ist, während hinter dem PZL sieben Gemeinden stehen. Es ist klar, dass es so schwieriger ist, Einigkeit und eine gemeinsame Stossrichtung zu entwickeln. Anspruchsvoll in der Strategieentwicklung ist auch, sowohl für das Alters- und Pflegeheim Kaltbrunn, wie auch für das PZL zu arbeiten.  

«Die Menschen machen das ganze Leben und Sein im Heim aus.»



Gibt es eine Konkurrenzsituation?
Mir ist Konkurrenzdenken unter den Heimen völlig fremd. Das liegt aber auch an unserer komfortablen Situation, alle Zimmer immer belegen zu können. So konnte ich auch schon diverse Male Interessenten an das PZL verweisen, weil da gerade Betten frei waren. Oder wir konnten eine Person, die gefährdet war, wegzulaufen, an ein Zentrum verweisen, wo es eine geschlossene Asbteilung hat. 

Der Bedarf nach Pflegeplätzen wird ja auch immer grösser, ein «Kampf um Kunden» ist folglich gar nicht nötig? 
Das stimmt, obwohl die Prognosen mit Vorsicht zu geniessen sind. Ich glaube nicht, dass es in der Region in Zukunft so viele zusätzliche Plätze brauchen wird, wie beispielsweise jüngst in einer Studie der Credit Suisse gerade wieder prognostiziert wurde. Es wird vielerorts ausgebaut, doch dass die Menschen immer länger zu Hause bleiben wollen und oft versterben, bevor sie überhaupt je in einem Heim waren, wird in diesen Prognosen vernachlässigt. 

Sind die anderen PZ auch ständig voll ausgelastet?
Wir dürfen mit stolz behaupten, dass es bei uns gut läuft, weil wir einen guten Ruf geniessen – sowohl bei Mitarbeitern, als auch bei Bewohnern und deren Angehörigen. Das spricht sich herum. Vom PZL unter der Leitung von Jürg Heer weiss ich, dass er teilweise etwas Mühe hatte mit der Auslastung. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass das PZL viele Zweibettzimmer hat, was heute und in der Zukunft immer weniger gefragt ist. 

Also tut das PZL gut daran, jetzt eine Neuausrichtung vorzunehmen?
Ich denke schon, insbesondere, wenn es tatsächlich Spannungen mit dem Personal gegeben hat. Das Personal ist in einem Pflegezentrum die wichtigste Ressource. 

Hat das PZL die Professionalisierung verschlafen? 
Das würde ich so nicht sagen. Aber mit der neuen Pflegefinanzierung ab 2011 prallten einfach zwei Dinge aufeinander: Geld und Menschen. Darauf waren viele Heime, die zuvor beispielsweise oft von einem Ehepaar in einem familiären Rahmen geführt wurden, nicht vorbereitet. Die Menschen machen das ganze Leben und Sein in einem Pflegeheim aus. Deshalb investieren wir auch 80 Prozent des Geldes in Lohnkosten. 

Und auf der anderen Seite müssen die Finanzen stimmen …?
Klar, da herrscht der Druck, dass das Zentrum rentabel sein muss. Das ist nicht immer einfach, speziell bei unserer Grösse (37 Einzelzimmer, eine Pflegewohnung, Ausbau läuft, die Red.). Ein Beispiel: Wir arbeiten mit dem Betriebssystem Lobos, das kostet 55 000 Franken – unabhängig davon, ob 120 Bewohner bezahlen oder 38. 

Wie würden sich die Kosten ohne Freiwilligenarbeit entwickeln?
Sie würden regelrecht explodieren, keine Frage. Die Freiwilligenarbeit ist ein extrem wichtiger Pfeiler eines Alters- und Pflegeheims. Es würden viele Einrichtungen zusammenbrechen, wen es keine Freiwilligen geben würde – auch das Gesundheitswesen wäre massiv betroffen. Wenn wir sämtliche Freiwilligen hier bezahlen müssten, würde das unsere Budgets massiv in die Höhe treiben.

Gibt es denn ausreichend Freiwillige? 
Zurzeit können wir uns nicht beklagen. Doch man muss schon sehen: Die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit nimmt überall ab. Viele Freiwillige kommen aus kirchlichen Organisationen, die teilweise ebenfalls mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen haben. 

Freiwillige können ausserdem keine Spezialisten ersetzen …
Das ist richtig. Dazu kommt, dass die Krankheitsbilder aufgrund von gesellschaftlichen Phänomenen wie Leistungsdruck, Stress oder der Auswechselbarkeit von Arbeitskräften sich immer mehr hin zu psychischen Erkrankungen verschieben. Früher war Arbeit viel körperbezogen als heute – deshalb waren auch die Beschwerden der älteren Leute eher körperlicher Natur. Und Menschen mit körperlichen Beschwerden können eher von Freiwilligen betreut werden, als psychisch erkrankte Menschen.

«Sie tun gut daran, jetzt eine neue Strategie auszuarbeiten.» 


Damit sind wir beim Fachkräftemangel …
Das ist ein grosses Thema, ja. Wenn der Ausbau abgeschlossen ist, werden wir eine Demenzabteilung haben und dafür Personal brauchen. Der Kanton schreibt vor, wie viele Fach- und Hilfskräfte wir anstellen müssen, je nach Zusammensetzung unserer Bewohner. 

Die Fachkräfte zu rekrutieren dürfte schwierig sein?
Bis letztes Jahr hatten wir überhaupt keine Mühe, ganz im Gegenteil, wir konnten die Fachkräfte teils gar aus Kaltbrunn rekrutieren oder zumindest aus der näheren Umgebung. Jetzt habe ich aber doch eine Stelle schon länger ausgeschrieben, auf der eigenen Homepage wie auch auf sozjobs.ch. Da bewegt sich im Moment gerade sehr wenig. 

Und bei den Pensionierungen? 
Die kommen erschwerend hinzu. In den nächsten fünf Jahren müssen wir mit vielen altersbedingten Austritten von Fachkräften rechnen. Ob das kompensiert werden kann, ist zurzeit noch sehr fraglich. Was die Rekrutierung für uns auch nicht gerade erleichtert, ist die Tatsache, dass Fachkräfte schon in Meilen rund 1000 Franken mehr Lohn erhalten, als hier im Linthgebiet.  

Zur Person
Andreas Notz ist 61-jährig und leitet seit vier Jahren das Pflegezentrum Kaltbrunn. Er tut dies als Quereinsteiger: Bis 2009 war er als Verkaufsleiter im Detailhandel angestellt. Ab 2010 war er Heimleiter in der Langzeitpflege und von Januar 2011 bis Juni 2012 absolvierte er berufsbegleitend die Heimleiter-Ausbildung. 

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