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Die Armut wächst rasant

So stark wie in Chur nimmt die Zahl der Sozialhilfebezüger in kaum einer anderen Schweizer Stadt zu. Laut der Stadt gibt es dafür allerdings nachvollziehbare Gründe.

Olivier
Berger
08.11.17 - 04:30 Uhr
Wirtschaft
So stark wie in Chur nimmt die Zahl der Sozialhilfebezüger in kaum einer anderen Schweizer Stadt zu.
So stark wie in Chur nimmt die Zahl der Sozialhilfebezüger in kaum einer anderen Schweizer Stadt zu.
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Ein aktueller Bericht bringt es an den Tag: Seit dem Jahr 2010 ist die Zahl jener Personen, welche Sozialhilfe beziehen, in Chur um satte 36 Prozent gestiegen. Allein zwischen 2015 und 2016 nahm sie um zehn Prozent zu, wie die Studie der Berner Fachhochschule und der «Städteinitiative Sozialpolitik» belegt – beide Zahlen sind im Vergleich mit 13 weiteren untersuchten Städten Spitzenwerte.

Es trifft nicht alle gleich

Vor allem drei gesellschaftliche Gruppen seien in Chur häufiger als anderswo von Armut betroffen und auf Sozialhilfe angewiesen, sagt Thomas Roffler, Leiter der Sozialen Dienste der Stadt: einerseits Kinder, Jugendliche, Alleinerziehende und Geschiedene, andererseits aber auch Arbeitslose aus der Industrie sowie Ausländerinnen und Ausländer mit unzureichender Ausbildung und damit wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Augenfällig ist, dass das Armutsrisiko für Alleinerziehende und ihre Familien in Chur auch national gesehen am höchsten ist: 21,5 Prozent von ihnen sind auf Sozialhilfe angewiesen. Dass ihre Zahl in der Stadt gerade in den vergangenen sieben Jahren stark gestiegen ist, könnte laut Roffler kein Zufall sein. «Das hat mit dem gegenüber den ländlichen Gebieten deutlich grösseren Angebot an familienergänzender Betreuung zu tun», glaubt er. Alleinerziehende dürften häufiger in die Stadt ziehen, weil sie hier die notwendigen Strukturen fänden, um Arbeit und Familie zu vereinbaren.

«Trotz einer starken Zunahme sind wir immer noch im Schweizer Schnitt.»

Quote und Kosten bleiben tief

Der städtische Sozialdirektor, Stadtrat Patrik Degiacomi, sieht die zunehmende Familienarmut mit einiger Besorgnis. «Wir federn heute ein strukturelles Armutsrisiko über die Sozialhilfe ab, die eigentlich nicht dafür gedacht ist», sagt er. Ob der politische Wille auf kantonaler Ebene da sei, die Bedingungen für Alleinerziehende zu verbessern, bezweifle er aber eher.

Allerdings betont Degiacomi auch, dass die Sozialhilfequote in Chur mit 3,2 Prozent zwar deutlich über dem kantonalen Durchschnitt von 1,3 Prozent liegt, aber trotzdem weiterhin tief ist. «Trotz einer starken Zunahme sind wir immer noch im Schweizer Schnitt.»

Bisher haben die gestiegenen Zahlen kaum finanzielle Auswirkungen. «Das liegt daran, dass die durchschnittlichen Kosten pro Fall in den letzten Jahren gesenkt werden konnten, sagt Degiacomi.» Deutlich höhere Ausgaben würden für 2018 nicht budgetiert.

Olivier Berger wuchs in Fribourg, dem Zürcher Oberland und Liechtenstein auf. Seit rund 30 Jahren arbeitet er für die Medien in der Region, aktuell als stellvertretender Chefredaktor Online/Zeitung. Daneben moderiert er mehrmals jährlich die TV-Sendung «Südostschweiz Standpunkte». Mehr Infos

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