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Nutzlose Operationen am Meniskus kosten etliche Millionen

Laut einer Untersuchung der Universität Zürich sind viele Meniskusoperationen überflüssig. Ärzte aus dem Linthgebiet bestreiten, dass sie Patienten leichtfertig auf den OP-Tisch ziehen. Auch sie denken aber, dass es sinnlose Eingriffe gibt.

Christine
Schibschid
Montag, 04. September 2017, 05:50 Uhr Studienergebnis
Michael Kleine erklärt anhand eines Kniemodells einen Meniskusschaden.
CHRISTINE SCHIBSCHID

In der Schweiz werden jedes Jahr Millionen Franken für unnötige Knieoperationen zum Fenster hinausgeworfen. Das legt eine Untersuchung von Forschern der Universität Zürich nahe. Die Autoren kritisieren, dass das Gesundheitssystem finanzielle Anreize zur Durchführung überflüssiger Operationen setzt (siehe Infokasten).

Dass Operationen bei verschleissbedingten Meniskusschäden oft nutzlos sind, sehen auch Ärzte aus dem Linthgebiet so. «Einen grossen Prozentsatz der Meniskusverletzungen im Alter muss man nicht operieren», sagt etwa Dirk Lehnen, Fachbereichsleiter Orthopädie am Spital Linth in Uznach.

Michael Kleine, Kniespezialist in der Rosenklinik in Rapperswil-Jona, sieht es ähnlich: «Das ist nichts Neues. Wir Orthopäden achten seit Jahren darauf, dass wir solche Leute rausfiltern und nicht operieren.» Auch die Kollegen in seinem Umfeld arbeiteten nach diesen Grundsätzen, sagt Kleine. «Es gibt sicher schwarze Schafe, aber wenn man seriös arbeitet, sollte klar sein, dass man nicht direkt eine Operation empfiehlt.»

Beide Ärzte geben an, dass sie Patienten mit verschleissbedingten Meniskusschäden zunächst zu einer Behandlung ohne Operation raten. Wenn die Betroffenen damit aber keine Erfolge erzielen, kann es doch zu einer Operation kommen. «Das sollte weiterhin möglich sein», fordert Kleine. Bei vielen Patienten trete nach der Operation eine deutliche Besserung ein. «Eine Knieprothese sollte erst als letzte Möglichkeit in Erwägung gezogen werden.»

Länger sportlich aktiv sein

Kleine begrüsst, dass nun auch in der Schweiz Daten zu verschleissbedingten Meniskusschäden ausgewertet wurden. Er hält es aber für möglich, dass unter den vermeintlich verschleissbedingten Schäden in der Untersuchung auch verschleppte Unfallfolgen sind.

Beide Ärzte erwähnen, dass es sich sicherlich auch auf die Zahl der Meniskusoperationen auswirke, dass ältere Patienten immer länger sportlich aktiv sein wollen. «Die Ansprüche der ab 40-Jährigen, die kommen und verschleissbedingte Schäden haben, werden immer höher», sagt Kleine. Wenn eine konservative Behandlung nichts bringe und der Patient eine OP wünsche, müsse man dem möglicherweise nachkommen.

«Das sollte mit viel Bedacht erfolgen, es bringt aber auch nichts, wenn der Patient einfach zum nächsten Arzt geht.» Ähnlich handhabt es Lehnen. «Eine Garantie, dass eine OP hilft, kann man aber nie geben», sagt er. Lehnen beobachtet auch: «Die Leute sind zunehmend weniger bereit, abzuwarten.» Ein 70-Jähriger Bergsportler mit Meniskusriss wolle sein Knie oft nicht sechs Wochen schonen. Manche Patienten würden denken, dass sie nach einer Operation schneller wieder fit wären. «Das ist aber nicht gesagt», so Lehnen.

Kritik an Zahlen

Die Forscher aus Zürich kritisieren in ihrer Untersuchung auch: «Die Anreize für die Patienten, eine konservative Therapie zu machen und auf eine Operation zu verzichten, sind begrenzt.» Dafür, dass die Zahl der Operationen zwischen 2012 und 2015 kaum gesunken ist, liefert Kleine einen weiteren Erklärungsansatz: «Wir waren schon 2012 eher zurückhaltend, was Arthroskopien bei degenerativ veränderten Kniegelenken angeht. Der untersuchte Zeitraum scheint mir nicht lang genug.» Noch vor zehn bis 15 Jahren habe es einen regelrechten Arthroskopie-Hype gegeben. «Damals wurde mehr operiert, genaue Zahlen habe ich aber nicht», sagt Kleine.

Die Forscher begründen die Wahl ihres Untersuchungszeitraumes mit der begrenzten Verfügbarkeit von Daten.

Ärzte müssen gut behandeln

Dass Kliniken gewinnorientiert arbeiten müssen, bestreiten beide Mediziner nicht. «Das bedeutet aber nicht, dass wir unnötige Operationen durchführen», sagt Lehnen. Er unterstreicht, dass Ärzte ethisch und glaubwürdig entscheiden müssen.

«Wenn eine OP nichts bringt und Patienten unzufrieden sind, hilft uns das nicht», sagt Kleine. Ähnlich äussert sich Lehnen: «Wir sind alle bemüht, unsere Patienten korrekt und zufriedenstellend zu behandeln. Viele von uns leben auch in der Region und möchten umso mehr ein gutes Renommee für sich und die Klinik erreichen.»

Für unfehlbar hält Lehnen die Branche aber nicht: «Manche Einrichtungen lassen sich vermutlich dazu hinreissen, die Entscheidung früher zu fällen, ob sie noch abwarten können oder gleich operieren.»

Nicht gezwungen zu operieren

Beide Ärzte geben an, dass es keine direkten Auswirkungen auf ihr Konto habe, wie viele Patienten sie operieren. Sie sind fest angestellt und bekommen Fixgehälter. «Ich habe keinen Vorteil, wenn ich einem Patienten zu einer OP rate», sagt Kleine. «Niemand im Spital Linth ist getrieben, einen Patienten auf den OP-Tisch zu ziehen», meint auch Lehnen.

Als Departementsleiter sei er allerdings auch für das wirtschaftliche Ergebnis der Abteilung verantwortlich. «Mehreinnahmen zusatzversicherter Patienten werden durch die Spitalleitung fair im Kollektiv verteilt, sodass hier ebenfalls kein Druck entsteht, diese Patienten bevorzugt zu operieren», sagt Lehnen.

Studienautor Thomas Rosemann ist der Meinung, dass es auch in Kliniken finanzielle Anreize für Operationen gibt. Bei niedergelassenen Ärzten verschärfe sich das Problem möglicherweise noch. «Sie sind freie Unternehmer», so Rosemann. Es sei schwierig, neue Erkenntnisse in der Praxis zu verankern, wenn dem finanzielle Anreize entgegenstünden.

Die beiden befragten Knieexperten finden, dass die Zürcher Forscher pauschalisieren. Sie würden viele Fälle über einen Kamm scheren. Völlig aus der Luft gegriffen ist die These der Forscher aber offenbar nicht: «Es gibt Leute mit Meniskusriss, die unnötig operiert werden», sagt Lehnen. Kleine pflichtet ihm bei: «Es gibt Eingriffe, die man hinterfragen kann und sollte.»

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