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Besser leben dank Mitgefühl

Das 20. Wirtschaftsforum Südostschweiz lockte erneut zahlreiche Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft ins Churer Hallenstadion. Dort redete ihnen Anders Indset zünftig ins Gewissen.

02.09.17 - 10:45 Uhr
Wirtschaft
Wifo 2017
20. Wirtschaftsforum Südostschweiz.
YANIK BÜRKLI

Zuerst gab es tosenden Applaus für den norwegischen Wirtschaftsphilosophen Anders Indset. Danach wurde es still im Churer Hallenstadion. Der Schlusspunkt unter dem diesjährigen Wirtschaftsforum Südostschweiz hinterliess bei der versammelten Spitze der regionalen Polit- und Wirtschaftsszene einen bleibenden Eindruck.

Einige der insgesamt 352 Forumsteilnehmer gerieten ob des starken Referats des Skandinaviers offenbar ins Grübeln. Kein Wunder. Schliesslich verordnete Indset der hiesigen Elite ja tägliche Zeit zum Nachdenken – oder um es in seinen Worten zu sagen: «Tiefe Kniebeugen für die Rübe.»

«Der Mensch ist los»

Charakteristisch für unsere Zeit ist laut Indset, dass sie sich laufend verändert. Es sei eine Ära der permanenten Revolution. «Das Thema, das uns alle betrifft, ist der Wandel.» Darum sei es umso wichtiger, zwischendurch innezuhalten und zu reflektieren. «Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie es der Welt geht.» Gedanken darüber, was heutzutage auf unserem Planeten passiere. «Der Mensch ist los», mahnte er.

Und gerade in dieser immer digitaleren Zeit bestehe die Gefahr, sich selbst zu verlieren. «Der Individualismus stirbt.» Früher sei man dazu angehalten gewesen, etwas zu werden, jemand zu sein. Heute sehe das aber ganz anders aus. «Individuen gestalten ihre Identität online. Das ist heute die primäre Realität.» Das Ich, das Subjekt, geht laut Indset so verloren. Und das dürfe nicht sein. Denn sonst laufe der Mensch Gefahr «obsolet», also überflüssig zu werden.

Der Norweger, selbst erfolgreicher Unternehmer und Investor, sieht aber auch immer noch Grund zur Hoffnung. Gerade in einem Land wie der Schweiz liege viel Potenzial, die Dinge anders zu betrachten, aus den gängigen Schemata auszubrechen. Das Kapital unseres Landes bestehe in der Bildung, meinte Indset. Oder anders gesagt: «Ihr habt ja die Rohstoffe zwischen den Ohren, nicht wie andere Länder im Boden.»

Mitgefühl und Empathie

Nur so mache sich der Mensch als Quelle des Fortschritts und als Quelle der Inspiration unentbehrlich. Und Indset ist überzeugt davon, dass Menschen weiterhin gebraucht werden. Darum geht er auch nicht mit den Prognosen von Experten über die künftige Bevölkerungsentwicklung einig.

Diese prognostizieren bis Ende des laufenden Jahrhunderts für Deutschland einen Bevölkerungsrückgang von zurzeit knapp 82,7 Millionen auf nur noch 73 Millionen Einwohner. Indset behauptete, es dürften stattdessen eher 100 Millionen werden. «Wir werden nicht mit Canapés und Chardonnay an der Küste Italiens oder Griechenlands sitzen und dabei zusehen, wie Millionen Menschen ertrinken.»

Um beim globalen Wettbewerb mithalten zu können, brauche es nun mal Menschen. Und gerade in der immer vernetzteren Welt sei dies eine der entscheidenden Veränderungen im weltweiten Strukturwandel. «Die Welt ist ein globales Dorf geworden. Alle Herausforderungen, die uns heutzutage begegnen, sind globale Herausforderungen.»

Alles, was der Mensch benötigt, um diese Herausforderungen zu bewältigen, findet er laut Indset in sich selbst. «Es ist alles hier drin», sagte er auf seine Brust deutend. «Mitgefühl.» Es werde viel von Empathie gesprochen. Empathie geht laut Indset aber nicht weit genug, weil sie begrenzt ist. «Empathie spielt sich nur auf der 1:1-Ebene ab. Aber mit Menschen mitzufühlen – das ist, was uns zusammenbringt.»

Pioniere braucht die Welt

Auch Indsets Vorrednerin, Nicole Brandes, hatte in ihrem Referat den Menschen ins Zentrum gestellt. Die digitalisierte Welt fordere den Menschen heraus, meinte die Autorin und Partnerin des renommierten Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main und Wien. «Der Mensch ist ein zutiefst analoges Wesen.» Daher ermunterte die Zürcherin die Forumsteilnehmer dazu, Pioniergeist walten zu lassen und «wieder zu träumen». Schliesslich sei es nicht die Rakete gewesen, die den Menschen auf den Mond gebracht habe. Sondern sein Traum.

Hans Ebinger, der mit seinem Vortrag das Wirtschaftsforum Südostschweiz eröffnet hatte, brachte die Teilnehmer auf den neusten Stand in Sachen autonomes Fahren. Die Firma Espros Photonics AG, für die er als Geschäftsführer Vertrieb tätig ist, stellt Mikrochips her, die die Autos der Zukunft ohne menschliches Zutun sicher ans Ziel bringen sollen. Bis ins Jahr 2030 soll diese Technologie ausgereift sein.

 

Auch die 20. Auflage des Wirtschaftsforums Südostschweiz war sehr gut besucht. Unter den 352 Gästen befand sich auch die fast vollständig anwesende Bündner Regierung, angeführt von Regierungspräsidentin Barbara Janom Steiner.

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Je weniger Mitgefühl ich im Alltag (rauher, rücksichtsloser, gewissenloser) erlebe, umso mehr vernehme ich das Wort "Empathie".
Dieses Phänomen kennen wir aus dem Marketing: Schönreden soll Realitätsmängel tarnen.
Referenten sollten stattdessen erklären, woher die Kälte kommt und wie das therapierbar ist (ohne heisse Luft).

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