Jugendliche haben einen eigenen Ehrlichkeits-Kodex
Zürcher Schüler betrachten Spicken und Lügen in manchen Situationen und bei manchen Lehrern als erlaubt, wie eine Studie der Universität Zürich ergab. Die Jugendlichen basierten demnach ihr Verhalten häufig auf pragmatische und soziale statt auf moralische Kriterien.
Zürcher Schüler betrachten Spicken und Lügen in manchen Situationen und bei manchen Lehrern als erlaubt, wie eine Studie der Universität Zürich ergab. Die Jugendlichen basierten demnach ihr Verhalten häufig auf pragmatische und soziale statt auf moralische Kriterien.
Zürich. – Nicht lügen, nicht spicken, Elternunterschriften nicht fälschen - Schülerinnen und Schüler wollen grundsätzlich ehrlich sein, wie die Interviewstudie der Jugendforscherin Emanuela Chiapparini vom Soziologischen Institut ergab. Je nach Schulsituation machen sie jedoch Ausnahmen und wenden einen eigenen, eher unkonventionellen Ehrlichkeits-Kodex an.
Insbesondere in realen Dilemmasituationen würden Jugendliche nicht nach moralischen Kriterien entscheiden, wie die Universität Zürich am Donnerstag in einer Mitteilung schrieb. Vielmehr orientieren sie sich an pragmatischen und sozialen Ehrlichkeitsregeln, die sie selbst oder im Kollegenkreis bilden.
Lügen für soziale Anerkennung
Ein Fallbeispiel: Ein einzelner Schüler nimmt die Schuld für ein Vergehen auf sich, um die Klasse vor Strafe zu schützen, obwohl er unschuldig ist. Er muss dann zwar nachsitzen, erhält aber Aufmerksamkeit und Ansehen von den Mitschülern.
Ein anderer Fall betrifft fehlende Kontrolle, etwa von Hausaufgaben oder bei Prüfungen. Beschäftigt sich der Lehrer während einer Klassenarbeit anderweitig, wird gespickt. «Wenn die Lehrerin nicht schaut, ist sie selber schuld», ist laut Chiapparini die von Schülern generierte Ehrlichkeitsregel. Gleichzeitig verliere die Lehrperson als Orientierungspunkt an Bedeutung.
«In solchen Fällen beurteilen es die Jugendlichen als legitim, bei Prüfungen zu spicken, Informationen vorzuenthalten oder Elternunterschriften selber zu setzen», zitiert die Mitteilung Chiapparini.
Verarbeitung des Schulalltags
Aus den Studienergebnissen schliesst Chiapparini, dass es den Jugendlichen, wenn sie unehrlich sind, weniger darum geht, moralische Normen zu verweigern. Ihr Verhalten stellt vielmehr eine produktive Verarbeitung des schulischen Alltages dar, der von institutionellen Regeln geprägt ist. Die Schüler wägen drohende Sanktionen ab und verhalten sich aufgrund ihrer Erfahrungen gezielt unehrlich.
Die Jugendforscherin der Universität Zürich hat die Tugend aus Sicht von Schülerinnen und Schüler untersucht. Dazu führte sie 31 Tiefeninterviews mit 14- bis 15-Jährigen der dritten Oberstufe im Kanton Zürich durch. Aus den Berichten und Erzählungen rekonstruierte sie die klar ausgedrückten und stillschweigend angenommenen Ehrlichkeitsregeln der Jugendlichen. (sda)
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