«Die Berichte der Sust lesen wir sehr genau»
Berge haben ihre eigenen Gesetze – und das Wetter kann schnell wechseln. Bergbahnunternehmen tragen hier eine besondere Verantwortung. Sie transportieren täglich tausende Gäste. Andreas Huber, Technischer Betriebsleiter bei Madrisa, sagt, wie professionelles Risikomanagement in der Praxis funktioniert und was andere KMU daraus lernen können.
Berge haben ihre eigenen Gesetze – und das Wetter kann schnell wechseln. Bergbahnunternehmen tragen hier eine besondere Verantwortung. Sie transportieren täglich tausende Gäste. Andreas Huber, Technischer Betriebsleiter bei Madrisa, sagt, wie professionelles Risikomanagement in der Praxis funktioniert und was andere KMU daraus lernen können.
Andreas Huber
Technischer Betriebsleiter, Madrisa Bergbahnen
Edita Truniger sprach mit Andreas Huber über Risikomanagement in einer Branche, in der täglich Tausende Menschen befördert werden – und jeder Wetterumschwung zählt.
Herr Huber, jedes Unternehmen trägt Risiken. Worin unterscheiden sich Bergbahnen von Betrieben in anderen Branchen?
Wir transportieren täglich sehr viele Menschen und tragen während der gesamten Beförderung die Verantwortung für sie. An Spitzentagen zählen wir bis zu 3000 Menschen am Berg. Auf all unseren Anlagen zusammen – Zubringer, Sessellifte, Skilifte und Förderbänder – summiert sich das in der Hochsaison auf bis zu 15'000 Fahrten pro Tag. Unsere Gäste – Anfänger bis zur erfahrenen Skifahrerin – möchten sich keine Gedanken über Sicherheit machen. Natürlich: In einem Maschinenbaubetrieb trägt der Hersteller auch die Verantwortung für die Handhabung seiner Maschine – aber bedient wird die Anlage von Mitarbeitenden, die für diese Aufgabe geschult werden.
Was ist Ihr grösstes Risiko?
Unser Hauptrisiko ist das Wetter – insbesondere Gewitter, heftiger Wind und plötzliche Wetterumschwünge. Deshalb arbeiten wir mit detaillierten Wettermodellen und Prognosen. Zusätzlich sind überall im Skigebiet Windmesser installiert, die Windrichtung und -geschwindigkeit laufend erfassen. Sämtliche Anlagen werden permanent überwacht. Steigt der Wind, reagieren wir sofort: Wir reduzieren die Geschwindigkeit, im Extremfall entleeren wir die Anlagen. Vieles ist durch Seilbahnnormen und Herstellervorgaben klar geregelt. Das Ziel ist immer: reagieren, bevor ein Risiko entsteht.
In welchen Bereichen spielt das Risikomanagement sonst noch eine Rolle?
Wir betrachten das gesamte Gebiet: Pisten, Gastronomiebetriebe, Stationen, Verwaltungsgebäude. Auf den Pisten analysieren wir Gefahrenstellen systematisch: Wo besteht Kollisionsgefahr? Wo braucht es zusätzliche Signalisation? Wo bauliche Massnahmen? Im Bereich Infrastruktur geht es um Brandschutz, Löschmittel, Evakuationskonzepte oder auch Naturgefahren wie eine mögliche Überflutung des Speichersees. Wir wollten die Aussenperspektive. Deshalb entschieden wir uns bewusst, die Risikoanalyse mit einem externen Partner zu machen. Wenn man täglich im selben Umfeld arbeitet, übersieht man gewisse Risiken. Eine unabhängige Stelle erkennt oft Gefahren, die intern als selbstverständlich wahrgenommen werden. Für uns war das sehr aufschlussreich.
Welche Rolle spielt die digitale Infrastruktur in Ihrem Sicherheitskonzept?
Eine zentrale. Unsere Anlagen liefern laufend Betriebs- und Wetterdaten. Monitoring-Systeme helfen uns, frühzeitig Abweichungen zu erkennen. Digitale Dokumentationen, Protokolle und standardisierte Prozesse sorgen zudem dafür, dass im Ereignisfall jeder weiss, was zu tun ist. Digitalisierung erhöht nicht nur Effizienz, sondern vor allem Transparenz und Reaktionsgeschwindigkeit.
Das Seilbahnunglück am Titlis hat schweizweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Wie gehen Sie mit solchen Ereignissen um?
Solche Nachrichten liest man nicht gerne. Ein Personenunfall – insbesondere ein tödlicher – geht einem sehr nahe. Man ist auf ein konkretes Ereignis nie wirklich vorbereitet. Und doch gehört es zur Professionalität, aus jedem Vorfall zu lernen. Wir lesen Berichte sehr genau – etwa Untersuchungen der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) oder Reaktionen der Suva bei Arbeitsunfällen. Danach prüfen wir unsere eigenen Abläufe: Sind unsere Prozesse klar? Sind die Zuständigkeiten definiert? Ist geregelt, wer kommuniziert?
Hat das Ereignis am Titlis Ihre Notfallpläne verändert?
Wir überprüfen unsere Notfallkonzepte laufend. Jedes Ereignis in der Branche führt dazu, dass wir unsere Abläufe nochmals kritisch anschauen. Sicherheit ist kein statisches Dokument im Ordner – sondern ein dynamischer Prozess.
Gab es bei Ihnen schon Vorfälle?
Zum Glück keine gravierenden. Wichtig ist, dass man auch aus kleineren Ereignissen lernt und nicht erst reagiert, wenn etwas Grosses passiert.
Was raten Sie Unternehmerinnen und Unternehmern, die das Thema Risikomanagement bisher aufgeschoben haben?
Nicht warten, bis etwas passiert. Eine umfassende Risikobeurteilung – idealerweise mit externer Unterstützung – bringt enorme Klarheit. Es geht nicht darum, Angst zu schüren, sondern Transparenz zu schaffen. Externe Fachpersonen sehen Risiken neutraler. Und ganz wichtig: Die Mitarbeitenden einbeziehen. Sie arbeiten täglich im System – und erkennen viele Gefahren frühzeitig.
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