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Der Charmeur mit dem «Schwiegermutter-Effekt»

Erst nett, dann bitterböse: Stand-up-Comedian Frank Richter aus Jona weiss, wie er sein Publikum um den Finger wickeln muss. Nun ist ihm der Sprung ins Ausland geglückt – wo ein rauerer Wind bläst.

Ramona
Nock
Donnerstag, 06. Juni 2019, 10:20 Uhr Bitterböser Humor
Fühlt sich wohl am Mikrofon: Frank Richter aus Rapperswil-Jona ist seit drei Jahren als Stand-up-Comedian unterwegs.
Pressebild Andrea Monica Hug

Sechs Minuten. So lange hat Frank Richter Zeit, die Zuschauer zum Lachen zu bringen. Berlin-Mitte, Quatsch Comedy Club, der Saal ist proppenvoll. Alle wollen sie unterhalten werden, von wem auch immer als nächstes die Bühne betreten wird. Sechs Minuten One-Man-Show. Danach wird das Mikrofon abgeschaltet und laute Musik schallt aus den Lautsprechern. «Wenn dein Witz dann noch nicht zu Ende ist – dein Pech. Die Deutschen sind da knallhart.»

Bis jetzt hat er in den sechs Minuten noch immer die Kurve gekriegt. Drei Mal, um genau zu sein. Frank Richter, blütenweisses Hemd, im Kaffeebecher vor ihm schmelzen die Eiswürfel, ist zu Besuch in seiner Heimatstadt Rapperswil-Jona. Noch nicht lange ists her, da stand er auf besagter Bühne in Berlin und kämpfte gegen die Konkurrenz aus der deutschen Comedy-Szene an. Weil er es dort drei Mal aufs Podest schaffte, steht er morgen Freitag im Jahresfinale des deutschen Quatsch Comedy Clubs (siehe Kasten).

Nichts mit Händchenhalten

Die drei Auftritte in Berlin waren kein Zuckerschlecken – auch abseits der Bühne nicht, erzählt Frank Richter. Die Quatsch-Talentschmiede sei ein Sammelbecken von Neulingen in der Comedy-Szene, die auf den grossen Durchbruch hoffen würden. Einige Teilnehmer stünden an einem Abend bis zu drei Mal auf der Bühne. «Sie springen ins Taxi und rasen zum nächsten Auftritt.» Im Backstagebereich hatte darum auch kaum einer Zeit für Smalltalk oder für aufmunternde Worte. Dies habe ihn anfangs ein wenig eingeschüchtert, gesteht der 35-Jährige. In der Schweiz laufe das anders: «Da hält man sich am Schluss an den Händen und verneigt sich zusammen auf der Bühne.» Schnell merkte er: In der deutschen Comedy-Szene bläst ein rauerer Wind.

Zuschauer sind auf Zack

Der Sprung ins Ausland hat Frank Richter schon seit einiger Zeit gereizt. Vor drei Jahren begann der gebürtige Joner mit der Stand-up-Comedy, riss anfangs seine Gags vor Freunden, danach auf immer grösseren Bühnen. Letztes Jahr war er mit Michael Elsener und weiteren Kabarettisten auf Tour. Ein Video von einem seiner Auftritte schickte er an die Talentschmiede des Quatsch Comedy Clubs. Von der Jury bekam er die Rückmeldung: Sie hätten wegen des Schweizerdeutschs zwar nichts verstanden, aber gesehen, dass die Zuschauer alle gelacht hätten.

 

«In Deutschland müssen die Gags kürzer sein. Das Publikum will, dass du sofort ‘losballerst’.»

 

Richter erkannte rasch, dass er seine Witze nicht einfach eins zu eins ins Hochdeutsche übersetzen konnte. Auf deutschen Bühnen müssten die Gags kürzer und dichter sein: «Der Schweizer hört dir gerne mal, zwei, drei Minuten zu. Der Deutsche aber will, dass du sofort ‘losballerst’», erzählt er. In Deutschland müssten Comedians auch stärker mit den Zuschauern interagieren. «Sie rufen dir gern mal etwas zu, um zu testen: Kommt von dem Typen da auf der Bühne auch etwas zurück, kann der das?», weiss er. «Wenn du dann versagst, wird es schwierig für den Rest der Show.»

Witze an der Grenze

Auf der Bühne schneidet Richter gern Themen an, bei denen dem Publikum kurz der Atem stockt. Als in der Schweiz lebender Deutscher, der als Kind mit seiner Oma für die Zeugen Jehovas missionierte und obendrauf noch schwul sei, gehöre er diversen Randgruppen an, frotzelt er. Selbstironie liegt ihm. Und er mag Witze, die an die Grenze gehen. Zynisch, böse, schwarz – so würde er seinen eigenen Humor beschreiben. Doch nicht alles, was er selber lustig finde, eigne sich auch für die Comedy. Auch würde er nie ein heikles Thema anschneiden, «nur, um das Publikum zu schocken», sagt Richter. Irgend einen Bezug müsse er dazu schon haben. Ein rabenschwarzer Gag pro fünf Minuten müsse aber drinliegen, grinst er.

Aus Erfahrung weiss Richter: Goutiert das Publikum einen grenzwertigen Witz, wird der Mut belohnt. Das sei eigentlich das Schönste, was einem Comedian auf der Bühne passieren könne: «Wenn du mit etwas Derbem durchkommst.»

Zuckerbrot und Peitsche

Wie ihm dies am besten gelingt, dafür hat Richter inzwischen ein Patentrezept. Er nennt es den «Schwiegermutter-Effekt»: Er bekomme von anderen Comedians oft zu hören, dass er sympathisch wirke. Diesen Charme-Bonus setze er nun gezielt ein. Bevor er zum «Schlag aushole», setze er auf unverfängliche Sprüche. Ein Schluck Eiskaffee, der Schalk blitzt in seinen Augen: «Nach zwei Minuten Nettsein darf man ruhig etwas Böses bringen.»

 

«Das Schönste ist, wenn man auf der Bühne mit etwas Derbem durchkommt.»

 

Für den finalen Auftritt in Berlin heute Abend, sagt Frank Richter, sei er gerüstet. Er werde ein «Best of» seines Repertoires präsentieren. Den Auftritt sieht er vor allem als Chance, um als Comedian in Deutschland Fuss zu fassen. So oder so will er danach weiter an seinem ersten Solo-Programm feilen. «Promi-Richter» heisst es, und verspricht Enthüllungen aus seiner Zeit als People-Journalist. Auf jeden Fall habe er die Nervosität aus seinen Anfängen als Stand-up Comedian mittlerweile im Griff: «Die Zeiten, in denen ich mir ‘Drypads’ unter die Achseln kleben musste, um Schweissflecken zu verbergen, sind vorbei.» Ein schallendes Lachen. Dann ist auch der letzte Eiswürfel in seinem Kaffee geschmolzen.

 

 

Herzstück der deutschen Comedy-Szene

Der Quatsch Comedy Club in Berlin ist der erste Stand-up Comedy Club Deutschlands und gilt seit über 25 Jahren als das Herzstück der deutschen Comedy-Szene. Mit der Quatsch-Talentschmiede, der Talentshow für Nachwuchs-Comedians, erhalten Newcomer die Chance auf ihren Durchbruch. Die zehn Teilnehmer – Frank Richter aus Jona ist einer von ihnen – buhlen dabei um die Gunst des Publikums sowie um die einer Fachjury.

Das Jahresfinale findet morgen Freitag, 7. Juni, in besagter Location in Berlin statt. Der Gewinner darf sein Soloprogramm im Quatsch Comedy Club aufführen, inklusive professioneller Videoaufzeichnung.

Gewonnen hat Frank Richter bereits ein «Golden Ticket», da er sich in drei Vorrunden jedes Mal unter die drei Besten gespielt hat. Dank diesem
Ticket darf er eine Woche lang im Quatsch Comedy Club auftreten, zusammen mit diversen Grössen der deutschen Comedy-Szene. 

 

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