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Jetzt darf auch das Volk mal gucken – und geniessen

Die indische Mega-Party in St. Moritz ist in vollem Gange. Nach dem Lunch von gestern wird die aufwendige Jahrmarkthalle am See aber nicht mehr gebraucht. Für gut zwei Stunden war sie für die Bevölkerung geöffnet.

Ruth
Spitzenpfeil
Dienstag, 26. Februar 2019, 04:30 Uhr Indische Mega-Party

Fünf Wochen lang war daran gebaut worden, und die Ideen der Hochzeitsplaner für die superreiche indische Familie hatte den Engadinern sogar ein Riesenrad beschert. Grössere Fahrgeschäfte finden den Weg nämlich sonst nie ins Hochtal. Die riesige Halle mit dem «Winter Wonderland» und dem umgebenden Jahrmarkt erlebte Sonntagnacht ihre bunt glitzernde Feuertaufe beim Auftakt der dreitägigen Junggesellenparty, welche der Milliardär Mukesh Ambani derzeit in St. Moritz für seinen ältesten Sohn und dessen Braut ausrichtet. Es war offenbar ein eher familiäres Fest im Stil eines Kindergeburtstages.

Um einen Geburtstag ging es denn neben dem Empfang für das Brautpaar Akash Ambani und Shloka Mehta auch. Das verrieten Hunderte von leuchtenden Drohnen, die neben bewegten Bildern auch «Mom 85» an den nächtlichen Himmel schrieben. Gemeint war damit Kokilaben Ambani, die Grossmutter des Bräutigams, die ebenfalls anwesend war.

Der Star im Super-Puma

Auf Bollywood-Prominenz hatte man am ersten Abend noch vergeblich gewartet. Die indischen Superstars Alia Bhat, Ranbir Kapoor, Malaika Arora, Arun Kapoor und Karan Johar landeten mit Jet und Super-Puma-Helikopter erst gestern Morgen in Samedan. Ob sie sich dann gleich in den auf sie wartenden Teslas zum Festgelände aufmachten, ist nicht bekannt. Dort wären sie dann aber gleich Zeuge des ersten Moments im Laufe des Events gewesen, bei dem das Engadin auf Indien traf. Dem St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jenny ist der Coup gelungen. Er überzeugte die Familie, dass sie sich auch den Einheimischen gegenüber ein klein wenig öffnen müsste. Dies sollte beim grossen «Super Trouper Lunch» passieren, der letzten Gelegenheit, bei der die Familie das «Winter Wonderland» benutzen würde. Da wollte er sie mit lokalem Brauchtum bekannt machen. Und da die aufwendige konstruierte Location dann nicht mehr gebraucht wurde, stimmte man zu, 250 Personen am Montagabend für einige Stunden die «Kilbi» selbst geniessen zu lassen. Dafür konnte sich die Bevölkerung per Mail bewerben.

Chalandamarz vorgezogen

Zuerst aber machte sich der Gemeindepräsident mit einer Gruppe von rund zwei Dutzend St. Moritzer Schülern am Mittag auf, um mit Schellen, Plumpas, Peitschen und Rösas am Hut ein vorzeitiges Chalandamarz für die Inder zu veranstalten. Die Gruppe zog in die noch immer streng bewachte Halle, durfte aber nicht von den Medien begleitet werden. Da verstummten die Abba-Songs, die zuvor das ganze Gelände beschallt hatten, für rund eine halbe Stunde. Später berichteten die Kinder, man habe zwei der traditionellen Chalandamarz-Lieder zum Besten gegeben und die Peitschen knallen lassen. Geradezu überwältigt waren sie von dem Erlebnis nicht, hatte man den Eindruck. «Es war total warm da drin», sagte einer der Buben in blauer Kutte. «Und es hat krass nach Fisch gestunken.» Zum Schluss durfte sich jeder ein Stück Kuchen oder einen Lolli mitnehmen.

Coldplay und Maroon 5

Die Festgesellschaft genoss bis um rund 16 Uhr das verspielte Märchenland, das übrigens ein Wunsch der Braut gewesen war, wie uns ein amerikanischer Studienkollege des Milliardärssprosses verriet, der ebenfalls eingeladen ist, sich aber unters Volk mischte. Er bestätigte auch die weiteren Programmpunkte. Der bisher geheime Ablauf ist dank der Recherchen der «Engadiner Post» inzwischen nämlich bekannt geworden. Aber auch die Gäste wissen noch nichts Genaues zu den engagierten Bands, um welche die Gerüchteküche brodelt. Von Coldplay ist immer noch die Rede, sowie von Maroon 5. Aufregung gab es zudem über einen Jet mit der Rolling-Stones-Zunge am Heck. Sollten tatsächlich die Rock-Legenden auftreten? Ein Check der Flugzeugkennung widerlegte die Sensation rasch.

Während sich die Gäste der Inder also für die sogenannte «Sangeet», eine zur indischen Hochzeit gehörende Musiknacht, im überdachten Garten des «Badrutt’s Palace» parat machten, strömten die Einheimischen in die leere Eventhalle am See. Die Eingangskontrolle hatte jetzt die Gemeindepolizei übernommen – und die war grosszügig. Laut Jenny hatten sich innerhalb von 24 Stunden nach dem Aufruf mehr als 2000 Personen um Einlass bemüht. Sogar aus Genf und Liechtenstein seien Mails eingetroffen. Es war aber klar, dass nur die Ortsansässigen zum Zuge kommen würden. Und das taten sie dann ausgiebig. Jung und Alt tummelte sich auf dem Gelände, vergnügte sich auf den Fahrgeschäften und genoss die vom Mittagessen reichlich übrig gebliebenen Köstlichkeiten an den verschiedenen Buden des Jahrmarkts. Und alle waren sich einig: Ihr neuer Gemeindepräsident hatte geliefert.

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Ruth Spitzenpfeil, finden Sie Ihren Titel "Jetzt darf auch das Volk mal gucken – und geniessen" nicht einen etwas spitzen Pfeil, oder was würde wohl Wilhelm Tell dazu sagen? In Indien - und um Inder geht es hier - gibts ja noch das Kastensystems, dort gibts auch Parias, und an derlei Ungleichheit erinnert mich Ihr Titel, ans "Pferdeäpfel-Prinzip" der Deutschen FDP: Wenn die Reichen Gäule fressen, dürfen die "Niedrigen" auflesen, was hinten rauskommt.