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Walter Reusser: «Es nervt, das Haar in der Suppe zu suchen»

Die Alpinen sind das tragende Element der Schweizer Erfolge. Trotzdem wird die Breite in den Kadern bemängelt. Walter Reusser, der Alpin-Direktor von Swiss-Ski, lässt diese Feststellung nicht gelten.

Agentur
sda
18.02.22 - 11:51 Uhr
Schneesport
Alpin-Direktor Walter Reusser kann zufrieden sein: Seine Athleten und Athletinnen räumten bei Olympia ab
Alpin-Direktor Walter Reusser kann zufrieden sein: Seine Athleten und Athletinnen räumten bei Olympia ab
KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Walter Reusser, wie lautet Ihr Fazit nach diesen erfolgreichen zwei Wochen für die Schweizer Alpinen?

«Ich habe mir noch nicht gross Gedanken darüber gemacht, was wir hier alles erreicht haben. Nachdem es an der WM vor einem Jahr in Cortina d'Ampezzo in der zweiten Hälfte nicht mehr rund gelaufen ist, haben wir den Fokus darauf gerichtet, auch in der zweiten Woche bereit zu sein. Das ist uns erfreulicherweise gut gelungen.»

Kommt es für Sie in Ihrem Innersten auch überraschend, wie die Spiele abgelaufen sind mit neun Medaillen in den Einzel-Rennen?

«Ich habe in Gesprächen mit Vertretern von Swiss Olympic immer gesagt, ich mache keine Prognosen und liefere auch keine Zahlen in Bezug auf Medaillen. Das ist für mich nicht seriös.»

Aber für sich selber haben Sie schon Ziele definiert?

«Unser Ziel muss sein, in jeder Disziplin Chancen zu haben. Ich bin ausgelacht worden, als ich mal gesagt habe, dass ich bei jedem Rennen nervös sein will, weil es in jedem Rennen für unsere Athleten um etwas geht. Wir haben um unsere Möglichkeiten gewusst. Trotzdem muss man auch immer demütig sein. Die Abfahrt der Männer hat das gezeigt. Wäre Beat Feuz siebzehn Hundertstel langsamer gewesen, hätte es nicht einmal zu einem Podestplatz gereicht. Das zeigt, dass nichts selbstverständlich ist.»

Es ist schwierig, in dieser Situation kritisch zu sein. Wenn wir aber objektiv betrachten, haben lauter Ausnahmeathleten die Medaillen gewonnen. Die Betreuung dieser Athleten ist sicher optimal. Die Aufgabe wird sein, das Ganze breiter aufzustellen und darauf zu achten, dass Fahrerinnen und Fahrer von hinten nachstossen.

«Welcher Fahrer, der nicht Ausnahmeathlet ist, hat eine Medaille gewonnen? Vielleicht ist heute einer nur ein Ausnahmeathlet, weil er eine gute Mannschaft um sich herum hat. Ich nerve mich ein wenig über solche Aussagen, dass wieder das Haar in der Suppe gesucht wird. Diejenigen, die davon reden oder schreiben, sollen sich mal im Europacup umsehen, wie viele Rennen unsere Athleten gewonnen haben und auf Kurs Richtung Fixplatz für den Weltcup ist. Man muss sich vielleicht mal von der Meinung verabschieden, schon mit neunzehn Weltklasse sein zu müssen. Schauen Sie doch mal, wie alt die Besten sind. Es sind keine Zwanzigjährigen auf dem Podest. Es gibt schon Ausnahmeathleten, einen Marco Odermatt oder einen Clément Noël. Aber die sind die Jüngsten, die ganz vorne dabei sind.»

Also doch Ausnahmeathleten.

«Aber man kann nicht einfach sagen, 'wir brauchen ein bisschen Breite und Masse, und dann haben wir den Ausnahmeathleten'. Aus der Breite kommt kein Überflieger. Diese Fahrer brauchen wir, um unsere Infrastruktur zur Verfügung stellen können, dass die besten Athleten immer bei besten Bedingungen trainieren können. Dank ihnen haben die anderen Fahrer, egal, wo sie trainieren, eine Top-Referenz.»

Trotzdem wird die Zeit kommen, dass ein Beat Feuz oder eine Lara Gut-Behrami nicht mehr dabei sein werden. Dann entsteht ein Vakuum. Sind Sie denn überzeugt, dass dann Jüngere diese Lücken schliessen können?

«Wer ist der drittjüngste Athlet in der Abfahrt in den ersten dreissig?»

Das weiss ich nicht. Sagen Sie es mir.

«Niels Hintermann. Er und ein Stefan Rogentin sind jünger als die anderen. Im Europacup haben wir Fahrer, die im Slalom mit Abstand die Jüngsten sind. Logisch haben wir nicht zwanzig Fahrer, aber wir haben sehr viele gute, junge Athleten. Ich habe bei meinem Stellenantritt bei Swiss-Ski gesagt, dass wir den Nachwuchs anders fördern wollen. Da haben wir schon extrem viel investiert und strategische Sachen umgestellt. Aber das dauert zehn Jahre, bis diese Athleten bereit sind. Da sind in der Vergangenheit Fehler gemacht worden, weil man keine Geduld gehabt hat und sich vom Jahrgang und nicht von der Leistung hat treiben lassen.»

Sie haben diese Geduld.

«Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es in der Schweiz anders läuft als in anderen Ländern. Wir müssen hinstehen und sagen: Wir machen es so, wie es für uns stimmt. Von unseren Kindern erwarten wir, dass sie eine gute Ausbildung hinter sich bringen und dazu im Sport schnell vorwärts kommen. Das ist schwierig. Damit macht man die Jungen fast kaputt. Entweder werden sie aus dieser Struktur mit dreizehn, vierzehn Jahren herausgenommen oder man gibt ihnen zwei, drei Jahre mehr Zeit. Wenn sie ja ohnehin länger als bis dreissig Rennen fahren, reicht es, wenn sie mit drei- oder vierundzwanzig in den Weltcup kommen.»

Swiss Olympic lebt bei diesen Spielen hier einerseits im besonderen Mass von Swiss-Ski. Andererseits fokussiert sich noch viel mehr auf die Alpinen. Gibt das einen Kampf bei der Verteilung der Gelder oder können Sie sagen, dass Sie für die Alpinen genügend Mittel haben, um das Vorgesehene umzusetzen?

«Es ist nicht so, dass wir bevorteilt werden. Als grosser Verband haben wir sogar Nachteile. Wir werden ja immer als Verband gewertet und müssen das Geld unter den einzelnen Sportarten verteilen. So gesehen kommt uns der Verteilschlüssel nicht entgegen. Wir erarbeiten uns die Mittel aber auch mit unseren Leistungen, dank unseren guten Athleten. Trotzdem ist es immer ein Kampf. Es ist nicht so, dass wir in Saus und Braus leben können.»

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