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Gianola: «Linienführung ist nicht Schuld an mangelndem Nachwuchs»

Der ehemalige Bobfahrer Erich Schärer richtet heftige Vorwürfe an die Betreiber der Natureisbahn in St. Moritz. Die «Taxifahrten» seien wichtiger als die Trainings der hiesigen Athleten. Die Bobbahn stelle eine Trainingsmöglichkeit zur Verfügung und sei nicht für den Erfolg der Athleten verantwortlich, kontert Geschäftsführer Damian Gianola.

Simone
Zwinggi
Dienstag, 04. Dezember 2018, 17:00 Uhr Vorwürfe gegen Bobbahn
Olympia Bob Run
Ein Kulturgut: Die Natureisbahn in St. Moritz wird jedes Jahr neu gebaut.
Göran Strand / GÖRAN STRAND

Im «Tagesanzeiger» vom Dienstag spricht der ehemalige Bobfahrer Erich Schärer – als siebenfacher Weltmeister und vierfacher Olympiamedaillengewinner einer der erfolgreichsten Bobsportler der Schweiz – über das aktuelle Leistungstief im Schweizer Bobsport. Die Misere, dass in der kommenden Weltcup-Saison kein erfahrener Schweizer Pilot am Start sei, beginne in St. Moritz. Die Verantwortlichen der Bobbahn würden nur noch wenig für den Sport tun, sagt Schärer im Interview.

Wir haben die wichtigsten Vorwürfe von Schärer aufgelistet und die Reaktionen aus St. Moritz festgehalten. RSO-Reporterin Nadja Guetg hat dazu mit Martin Berthod und Damian Gianola gesprochen. Berthod ist noch bis Ende Januar Direktor von St. Moritz Tourismus, Damian Gianola amtet seit knapp zweieinhalb Jahren als Geschäftsführer des Olympia Bobrun.

Schärer: Die Verantwortlichen der Bobbahn in St. Moritz sind nicht mehr an einer Zusammenarbeit mit uns (den Bobclubs, Anm. der Redaktion) interessiert. Wichtig sind nur die «Taxifahrten» für Touristen, damit verdient St. Moritz Geld, und diese Fahrten werden immer teurer. Dafür sind auch die besten Startzeiten reserviert.

Gianola: Wir machen sehr wohl etwas für die Sportler. In den letzten drei Jahren haben wir das Trainingsangebot für sie ausgebaut. Neu stehen ihnen am Wochenende von Freitag bis Sonntag drei Trainingsfenster zur Verfügung: am Morgen, am Mittag und am Abend. Davor konnten sie nur am Morgen und am Abend trainieren.
Wir bauen die Natureisbahn jedes Jahr neu. Im vergangenen Jahr verzeichneten wir 8500 Fahrten, davon 1500 Gästefahrten. Dieses Verhältnis finde ich vertretbar. Die Gästefahrten bringen uns Geld, das wir für den Betrieb der Bahn dringend benötigen. Pro Tag darf die Bahn maximal 2.5 Stunden für die Gästefahrten reserviert werden – auch das vertretbar.

Berthod: In den letzten paar Jahren haben wir viele Veränderungen beim Betrieb der Bobbahn vorgenommen. Viele ausländische Athleten kommen gerne zu uns ins Training. Die Gästefahrten haben wir nach den Trainingszeiten angesetzt, welche oftmals nicht voll ausgenutzt werden. Die Vorwürfe von Schärer sind nicht berechtigt.

Schärer: Die Bahn in St. Moritz wird erst um Weihnachten in Betrieb genommen. Dann ist die Hälfte der Saison bereits vorbei.

Gianola: Wir würden die Bahn gerne früher eröffnen! Wir haben aber bestimmte Vorgaben zu erfüllen, dürfen erst ab November mit dem Beschneien beginnen. Dann benötigen wir eine Bauzeit von drei bis vier Wochen. Wenn das Wetter nicht mitspielt, wie das in diesem Herbst der Fall war, müssen wir eine Pause einlegen, die Eröffnung nach hinten schieben. Die Natureisbahn in St. Moritz ist ein Kulturgut und in dieser Art einmalig. Wir tun unser Bestes, um sie optimal zu betreiben.

Berthod: Die Bobbahn in St. Moritz hat einen besonderen Stellenwert und ist einmalig, so wie im Skisport zum Beispiel die Lauberhornabfahrt. Es ist nicht möglich, die Natureisbahn früher zu eröffnen, auch weil wir bestimmte Vorgaben erfüllen müssen. Aber vor Weihnachten können die Bobfahrer ja auf anderen Anlagen trainieren, bis Ende Februar dann in St. Moritz.

 

Die Arbeiten am Olympia Bobrun sind derzeit in vollem Gang, wie der folgende Instagram-Post vom 1. Dezember zeigt:

Schärer: Ein weiteres Problem der Bobbahn in St. Moritz ist die Linienführung. Diese müsste man ändern, wenn auch nur minim. Damit es wieder Bobfahren ist, nicht nur Taxifahren. Man könnte im oberen Bereich ein Labyrinth einbauen.

Gianola: Darüber kann man diskutieren. Aber das ist nicht der Grund, dass wir in der Schweiz zu wenig Nachwuchsathleten in Bobsport haben.

Berthod: Wir sind nicht abgeneigt, Gespräche über die Linienführung zu führen. Aber ein Bobpilot muss auch gerade Linien fahren können. Immer wieder zeigt sich, dass die Fahrer im oberen Teilstück Zeit verlieren. Das bedeutet, dass auch diese Geraden eine technische Herausforderung sind.

Schärer: Den Gemeinden St. Moritz und Celerina mangelt es an Engagement, um bei der Bobbahn Verbesserungen für die Sportler umzusetzen.

Gianola: Die Gemeinden stehen voll hinter der Anlage, setzen sich stark für sie ein. In den letzten Jahren konnten notwendige Investitionen auch dank Nasak-Geldern (Geld vom Bund aus dem Topf des nationale Sportanlagen-Konzepts, Anm. der Redaktion) umgesetzt werden.

Berthod: Die beiden Gemeinden engagieren sich finanziell und materiell stark für die Bahn.

Wer oft in St. Moritz trainiert, wird belohnt

Gianola stört sich an den Vorwürfen von Schärer. «Sein Verhalten ist inakzeptabel. Es ist schade, dass er als ehemaliger Spitzen-Bobfahrer so in den Medien auftritt.» Gianola betont, dass sich St. Moritz für die Jungen einsetzt, indem für die Nachwuchsathleten günstige Trainings und «gute Abos» angeboten werden. Will heissen: Wer regelmässig in St. Moritz trainiert, kann dies zu günstigen Konditionen tun. Dass der Bob-Nachwuchs nicht top sei, sei nicht Sache der Bobbahn. «Wir betreiben die Bahn, aber die Sportler rekrutieren müssen die Clubs», so Gianola.

Das Beste rausnehmen

«Mit Schärers Kritik müssen wir leben können», sagt Berthod. «Und das rausnehmen, was man rausnehmen muss.» Es würden aber keine guten Gefühle zurückbleiben, hält Berthod fest. Denn Schärer habe bereits vor einem Jahr Kritik an den Bobbahn-Betreibern geübt.

Das Interview mit Damian Gianola.

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