Markus Wolf: «Die Langlauf-Szene hat massiv zugelegt»
Im Oktober 2014 rückte Markus Wolf nach gut einem Jahr als Sportdirektor bei Swiss-Ski zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung auf. Zuvor war der Domat/Emser in leitender Funktion beim Bundesamt für Sport in Magglingen tätig gewesen. Er war zudem Unihockey-Spitzenspieler und -Nationaltrainer (2004 bis 2006).
Im Oktober 2014 rückte Markus Wolf nach gut einem Jahr als Sportdirektor bei Swiss-Ski zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung auf. Zuvor war der Domat/Emser in leitender Funktion beim Bundesamt für Sport in Magglingen tätig gewesen. Er war zudem Unihockey-Spitzenspieler und -Nationaltrainer (2004 bis 2006).
Im Interview begrüsst der 42-jährige Markus Wolf es sehr, dass im Wallis und in Graubünden die Initiative ergriffen worden ist, eine Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2026 vorzubereiten: «Winterspiele sind für mich der sportliche Grossanlass, den die Schweiz noch stemmen kann. Ich bin überzeugt, daraus ergäben sich wichtige Impulse für den Schweizer Sport, ja für das ganze Land.»
Markus Wolf, am Wochenende erfolgte in Sölden der Auftakt in die alpine Weltcup-Saison. Mit Ausnahme von Lara Gut erreichte kein Schweizer Starter eine Spitzenplatzierung. Wie enttäuscht waren Sie danach?
Swiss-Ski hat den absoluten Anspruch und die Erwartung, Podestplätze zu erreichen. Doch beispielsweise im Riesenslalom der Männer mit dieser Besetzung wie in Sölden von Podestplätzen zu reden, ist zumindest im Moment nicht realistisch - langfristig hoffentlich schon. Bei den Frauen fehlte in Sölden dank Lara nicht viel zu den Top 3. Auch Jasmina Suter zeigte eine starke Leistung.
Aber stimmen Sie der Aussage zu, dass Sieg- und Podestfahrer bei den Schweizer Alpinen sehr dünn gesät sind?
Aufgrund der Situation, dass wir wenige ältere Athleten haben, die wie bei vielen anderen Nationen die Kohlen aus dem Feuer holen, werden wir uns auf Entwicklungsziele konzentrieren. Das heisst, wir müssen schauen, dass sich unsere Jungen altersgemäss entwickeln können. Von unseren Startern in Sölden haben einige zuletzt in der Weltrangliste 20 Positionen gutgemacht. Das kann ich nicht schlecht reden, nur weil meine absoluten Erwartungen nicht erfüllt werden. Bei den 24-Jährigen und Jüngeren sind wir absolut dabei.
Weshalb fehlen bei Swiss-Ski die über 30-Jährigen als Leistungsträger?
Das hat viele verschiedene Gründe. Wer weiss, ob nicht Dani Albrecht ohne seinen Unfall mittlerweile den Gesamtweltcup gewonnen hätte. Der wäre jetzt altersmässig voll im Saft. Marc Berthod hatte gewiss auch Pech in seinem Karriereverlauf. Ein Silvano Beltrametti wäre vielleicht nach einer erfolgreichen Karriere erst vor wenigen Jahren zurückgetreten. Aus diesen Jahrgängen sind uns leider einige Top-Athleten aus dem System abhanden gekommen. Das soll zwar nicht alles entschuldigen, ist aber dennoch Fakt. Nun müssen wir versuchen, uns mit den Jungen wieder in eine Position zu bringen, wo wir unserer Meinung nach hingehören und wo unsere Erwartungen erfüllt werden.
Bei den Frauen lastet fast der ganze Erfolgsdruck auf Lara Gut. Bei den Männern sind die Teamleader Beat Feuz, Carlo Janka und Patrick Küng gesundheitlich angeschlagen oder gar verletzt. Was können Sie sich überhaupt von der Saison 2015/16 erhoffen?
Wir erhoffen uns in diesem Winter sowohl Entwicklung als auch Erholung.
Was heisst das genau?
Entwicklung heisst, dass wir von jedem eine Verbesserung sehen wollen. Gelingt dies, dann werden wir für die Jahre danach mehr als einen oder zwei Athleten haben, der aufs Podest fahren kann. Der Punkt Erholung heisst, dass wir in dieser Saison nichts erzwingen sollten. Wer eine Verletzung hat, soll nicht 'murksen', sondern diese richtig auskurieren, so dass er für die Saisons danach, wo sich WM, Olympische Spiele und WM folgen, wirklich gesund und bereit ist.
Schreiben Sie also die kommende Saison bereits ab?
Nein, keineswegs. Aber 2017 folgt mit der Heim-WM in St. Moritz ein solches Highlight, welches ein Athlet wegen ein paar Rennen in diesem Winter nicht gefährden sollte.
Bei den Nordischen gibt es schon seit längerer Zeit die beiden Aushängeschilder Simon Ammann und Dario Cologna. Ammanns Karriere wird nicht mehr sehr lange dauern. Was geschieht danach mit dem Skispringen in der Schweiz? Man hat das Gefühl, die jungen Athleten hinter Ammann stagnieren in ihrer Entwicklung.
Wir haben schon die eine oder andere gute Entwicklung, es reicht einfach noch nicht für Podestplätze. Aber im Skispringen kann es schnell gehen - in beide Richtungen. Dass wir nicht so einfach jemanden finden wie Simon Ammann, der die Erfolge in diesem Masse einheimst, ist auch klar. Aufgrund der Anzahl Athleten, die bei uns in diesen Sport einsteigen, ist es einfach sehr unwahrscheinlich, dass wir in grosser Anzahl Athleten an der absoluten Weltspitze haben. Wir wissen, dass uns grosse Herausforderungen bevorstehen betreffend die Situation bei den Schanzen, wo der Einstieg in den Sport überhaupt erst stattfinden kann.
Mit Langlauf können im Vergleich zum Skispringen deutlich mehr junge Leute abgeholt werden. Seit Colognas ersten grossen Erfolgen 2009 interessieren sich in der Schweiz so viele Leute für Langlauf wie nie zuvor. Das ist für Swiss-Ski wohl eine einmalige Chance.
Wir spüren schon, dass die gesamte Langlauf-Szene massiv zugelegt hat. Es gibt beispielsweise Rekordzahlen beim Verkauf der Loipen-Pässe. Der Langlauf wurde als Volkssport entdeckt, uns interessiert aber natürlich primär der Leistungssport. Auch dort sehen wir gute Entwicklungen. Es gibt einige Zellen, die sehr gut arbeiten. Entsprechend konnten wir einige Athleten bezüglich Leistungsfähigkeit in die Region von Dario Cologna bringen. Ein solches Zugpferd hilft natürlich, man sieht in jedem Training, wo die Weltspitze ist. Oftmals haben zuletzt mehrere Athleten in einem Rennen Weltcup-Punkte errungen, dies war früher selten der Fall.
Und gleichwohl kommt für Klassierungen ganz vorne nach wie vor nur Dario Cologna in Frage. Top-10-Rangierungen von anderen Schweizer Langläufern sind selten.
Die Luft ist dünn. Speziell im Herren-Langlauf ist die Leistungsdichte an der Spitze enorm gross. Entsprechend schwierig ist der Vorstoss ganz nach vorne. Ich denke, es ist schon eine grosse Errungenschaft, dass wir über mehrere Athleten verfügen, die regelmässig in die Ränge 10 bis 15 laufen können. Jonas Baumann beispielsweise nimmt eine gute Entwicklung, im Sommer ist er auf einem ähnlichen Level wie Cologna. Nun gilt es für ihn, dies auf den Schnee zu bringen.
Überaus positiv war bei den Frauen in der letzten Saison die Entwicklung von Nathalie von Siebenthal.
Ihre Karriere ist sehr interessant. Sie hat eher einen umgekehrten Weg gemacht als viele andere und verfügt über einen unglaublich guten Motor. Sie ist technisch einfach noch nicht fertig entwickelt. Es wird sich zeigen, wie viel man diesbezüglich in ihrem Alter noch zulegen kann. Verglichen mit anderen Athletinnen in ihrem Alter ist sie top, sie ist U23-Weltmeisterin. Jetzt gilt es, das Entwicklungspotenzial, das sie im Vergleich zu Gleichaltrigen vielleicht noch verstärkt besitzt, zu nutzen und sie an die Weltspitze zu bringen.
Seit längerem eine Sorgendisziplin bei Swiss-Ski ist die Nordische Kombination. Wie lange gibt es diese noch in Ihrem Verband?
Die Nordische Kombination ist auch international ein Sorgenkind. Es gibt wenige Nationen, die am Start sind. Es ist bezüglich Training eine sehr aufwändige Sportart. Es gibt bei uns nur noch zwei Kaderathleten. Das Problem ist auch hier die geringe Anzahl Skispringer, die wir haben, und die Infrastruktur im Skisprung-Bereich. Der Einstieg in die Kombination läuft in der Regel übers Skispringen, denn es gibt selten Langläufer, die auch noch über eine Schanze springen wollen. Obwohl wir in der Schweiz in der Vergangenheit eine gewisse Kultur für die Kombination gehabt haben und auch Erfolg, wird in den Klubs kaum Langlauf und Skispringen angeboten - sondern entweder oder. Durch diese Konstellation gibt es im U12- bis U16-Bereich kaum Entwicklungszellen. Die Nordische Kombination hat einen schweren Stand, definitiv.
Wie beurteilen Sie die Bestrebungen Ihres Heimatkantons, eine Kandidatur für die Olympischen Winterspiele vorzubereiten?
Nicht nur in Graubünden, sondern auch im Wallis wurde die Initiative ergriffen. Grundsätzlich begrüsse ich es sehr, dass man sich in Graubünden nach dem Nein in der Abstimmung nicht auf viele Jahre hinaus den Schneid hat abkaufen lassen und sämtliche Aktivitäten beerdigt hat. Schön, dass nun auch der Impuls, dass man es nochmals probieren will, von politischer Seite gekommen ist. Winterspiele sind für mich der sportliche Grossanlass, den die Schweiz noch stemmen kann. Ich bin überzeugt, daraus ergäben sich wichtige Impulse für den Schweizer Sport, ja für das ganze Land.
Wie kann dieser möglichen Kandidatur für 2026 mehr Erfolg beschieden sein?
Indem, basierend auf der Auswertung beim letzten Mal, die richtigen Lehren und Schlüsse gezogen werden. Man muss sehr gut schauen, welche Schwerpunkte man setzt, welche Austragungsorte man wählt und welche Kantone beigezogen werden. Da gilt es auch die Frage zu stellen, mit welcher Region man die grössten Chancen antizipiert. Das muss in einer sauberen Auslegeordnung unter der Führung von Swiss Olympic geklärt werden. Nach Sotschi und zweimal Asien (2018 in Südkorea und 2022 in China) ist die Chance sehr gross, dass für 2026 Europa zum Zug kommt. (si)
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