Mikaela Shiffrin - näher an Roger Federer als an Lindsey Vonn
Mit 29 Jahren durchbricht Mikaela Shiffrin als erste Skirennfahrerin die Schallmauer von 100 Weltcup-Siegen. Dabei ist die Amerikanerin wie ein Gegenentwurf zur vormaligen Rekordsiegerin Lindsey Vonn.
Mit 29 Jahren durchbricht Mikaela Shiffrin als erste Skirennfahrerin die Schallmauer von 100 Weltcup-Siegen. Dabei ist die Amerikanerin wie ein Gegenentwurf zur vormaligen Rekordsiegerin Lindsey Vonn.
Trotz zweimonatiger Zwangspause wegen einer Bauchmuskelverletzung und sieben Zentimeter tiefer Wunde sowie einer Operation im Dezember holte Mikaela Shiffrin noch vor ihrem 30. Geburtstag am 13. März den 100. Sieg. Nach ihrem Comeback Ende Januar in Courchevel, wo sie Zehnte geworden war, nutzte die Amerikanerin gleich den nächsten Weltcup-Slalom, um die magische Marke zu knacken und in ihrer Spezialdisziplin wieder ihre Ausnahmestellung unter Beweis zu stellen.
Zwar geriet die Rekordjagd nach den Stürzen letzte Saison in Cortina d'Ampezzo und im November in Killington vorübergehend ins Stocken. Ein Ende des Siegeszuges ist aber noch nicht absehbar. Weil sie nicht nur schnell fährt, sondern auch das Risiko geschickt dosiert.
Lindsey Vonns Wirken hatte viel von Raubbau am eigenen Körper. Nichts liess Shiffrins Landsfrau unversucht, um Ingemar Stenmarks Marke von 86 Siegen in den letzten Zügen ihrer Karriere zu erreichen. Nach 82 Siegen und einer Vielzahl schwerer Stürze und Verletzungen musste sie kapitulieren, körperlich schwer gezeichnet und mental arg angeschlagen. «Lindsey Vonn kann und mag nicht mehr», lautete die Schlagzeile der Nachrichtenagentur Keystone-SDA im Februar 2019.
Vonns Fehler
Kreuzbandrisse, ein Innenbandriss, ein Schienbeinkopfbruch, eine Knöchelfraktur und ein Oberarmbruch zierten nach 18 Saisons im Weltcup Vonns Krankenakte. Es waren die Folgen von Vonns furchtloser, oft übereifriger Fahrweise. Wiederholt überschritt sie die Grenzen des Machbaren und bezahlte den Preis dafür.
Der 3. Platz in der damaligen WM-Abfahrt in Are war Vonns letztes Rennen, bis sie im Dezember mit 40 Jahren und einem teilkünstlichen Kniegelenk ihr Comeback gab. Laufen kann sie zwar nicht mehr rund, aber seit der Operation im April sieht sie sich wieder imstande, schmerzfrei Ski zu fahren. Es ist nicht utopisch, dass Vonn noch einmal Siegen wird. Doch Shiffrin ist ihr entrückt.
Shiffrin ist noch keine 30 - und knapp 14 Jahre nach dem Debüt im Weltcup noch in sehr guter körperlicher Verfassung. Fast scheint es, als hätte sie aus den Fehlern ihrer Vorgängerin gelernt. Dass sie von schweren Verletzungen weitestgehend verschont blieb, verdankt sie ihrem fahrerischen Können und dem cleveren Risiko-Management. Zwar gewann Shiffrin auch vier Weltcup-Abfahrten, das letzte Risiko meidet sie in der schnellsten Disziplin aber, oder sie tritt erst gar nicht an. Nach ihrem bislang schwersten Sturz vor einem Jahr in Cortina d'Ampezzo verzichtet sie in dieser Saison komplett auf die Abfahrt.
Vor allem im Slalom fährt Shiffrin seit Jahren in einer eigenen Liga. 63 ihrer 100 Siege errang Shiffrin im Stangenwald. Bei 116 Starts klassierte sie sich 87-mal auf dem Podest.
Kein Raubbau
Shiffrin ist so etwas wie der Gegenentwurf zu Vonn. Die knapp zehn Jahre jüngere Amerikanerin tickt komplett anders. Sie betreibt keinen Raubbau am eigenen Körper, lotet das Risiko nicht aus und lässt auch einmal Rennen aus, wenn ihr nicht danach ist. Shiffrin ist auch keine Drama Queen, die sich in den Mittelpunkt rückt und Interviews nach Niederlagen verweigert. Und im Gegensatz zu Vonn jagt sie die Rekorde nicht, sie nimmt sie quasi im Vorbeigehen mit.
«Es sind nicht die Rekorde, die mich antreiben», betonte Shiffrin in den letzten Jahren immer wieder. Und doch ist sie noch vor dem 30. Geburtstag bereits die erfolgreichste Skirennfahrerin aller Zeiten - etwas, das ehemaligen Rennfahrern wie dem Deutschen Felix Neureuther besonders imponiert. «Da fällt einem nichts mehr ein, das ist unfassbar. Sie ist mit Abstand die Grösste aller Zeiten. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es jemals wieder so jemanden geben wird», sagt der heutige TV-Experte über Vonns Nachfolgerin.
Was ihn an Shiffrin fasziniere, so Neureuther, sei, «dass Shiffrin in jungen Jahren schon so gut war und sich trotzdem immer wieder neu motiviert und neu erfindet. Sie hätte längst sagen können: Ich habe alles gewonnen und höre auf. Aber sie verbessert sich immer weiter.» Für Shiffrin gebe es deshalb keine Grenzen: «Ich traue ihr alles zu.»
Shiffrin fahre ungemein konstant und scheide fast nie aus, meint Neureuther. «Das ist krass und enorm. Sie ist im Kopf stark, das Training ist super und sie ist einfach so viel besser als alle anderen. Sie fährt oft nur mit 80 Prozent und gewinnt trotzdem.» Dass Shiffrin so gut wie nie schwer verletzt ist, sei unglaublich und «zeigt, in welcher körperlichen Verfassung die Frau ist».
Der Tod des Vaters
Bezeichnenderweise liegt der grössten Delle in Shiffrins Laufbahn keine Verletzung zugrunde, sondern der Tod ihres Vaters Anfang 2020 nach einem Sturz vom Dach bei Heimarbeiten. Shiffrin zog sich damals als Gesamtführende aus dem Weltcup zurück und überliess Federica Brignone die für sie reserviert gewesene nächste grosse Kristallkugel kampflos. Der Rücktritt sei ein Thema gewesen, räumte Shiffrin ein. Der Rekord für die meisten Siege, der immer näher rückte, spielte bei den Gedanken keine Rolle. Als die damals 74-fache Weltcupsiegerin zurückkehrte, siegte sie weiter.
Natürlich tragen Sportlerinnen und Sportler ihren Ehrgeiz nicht immer offen zur Schau. Und wer es in die Weltspitze oder gar zur Rekordsiegerin bringen will, braucht zweifelsohne eine grosse Portion davon. Charakterlich ist Shiffrin dem Sportsmann Roger Federer indes bedeutend näher als Lindsey Vonn oder dem von seinem grenzenlosen Siegeswillen getriebenen «Kannibalen» Eddy Merckx, der als Radrennfahrer 525 Siege auf der Strasse ergatterte und dessen Hunger auch nach dem 524. nicht gestillt war.
«Be nice. Think first. Have fun», lautete ein Credo von Shiffrins Vater Jeff. «Sei nett. Denk zuerst nach. Hab Spass.» Die Tochter hat es verinnerlicht.