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«Auch Odermatt kann sich noch steigern»

«Auch Odermatt kann sich noch steigern»

Riesenslalom-Trainer Helmut Krug spricht über das Phänomen Marco Odermatt und über das Potenzial der anderen Schweizer Weltcup-Fahrer.

Agentur
sda
11.03.22 - 09:00 Uhr
Ski alpin
Kennt den Rennfahrer und Athleten Marco Odermatt wie fast kein Zweiter
Kennt den Rennfahrer und Athleten Marco Odermatt wie fast kein Zweiter
KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Seit fast einem Jahrzehnt arbeitet Helmut Krug für Swiss-Ski. Zunächst im Europacup, später wechselte er in den Weltcup. 2018 übernahm der Tiroler als Riesenslalom-Gruppentrainer. Krug nennt im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA die Gründe, wieso Marco Odermatt so erfolgreich ist.

Krug ist aber auch der Meinung, dass sich der Riesenslalom-Olympiasieger und baldige Gesamtweltcupsieger noch steigern kann. Gleichzeitig gibt der 58-Jährige zu, dass «Odi», wie er ihn nennt, «mich und die anderen Trainer regelmässig verblüfft».

Helmut Krug, dank Marco Odermatt erleben Sie eine unglaubliche Riesenslalom-Saison. Sechs Rennen, fünf Siege inklusive Olympia-Gold, dazu noch ein 2. Platz. Wie ist so etwas möglich?

«Odi ist klar ein Ausnahmeathlet, der es im Rennen auf den Punkt bringt, indem er nochmals um fünf oder zehn Prozent zulegt.»

Odermatt war - bei unterschiedlichsten Bedingungen - an jedem einzelnen Renntag voll da.

«Tatsächlich ist die ganze Sache vom Set-Up her sehr komplex geworden. Er überlässt aber auch in diesem Bereich nichts dem Zufall. Odi macht sich viele Gedanken über das Material und wie die Verhältnisse sind. Er fragt sich, ob der Skischuh härter oder weicher sein muss, welche Taillierung mit dem kurzen oder eher längeren Ski und mit welcher Bindung es braucht.»

Aber in solchen Fragen kann man sich doch auch verlieren.

«Odi studiert nicht acht Stunden an diesen Dingen herum. Er, oft natürlich zusammen mit dem Servicemann, entscheidet sich dann eben auch einmal und sagt sich: So passt das ganze Paket für mich. Er trifft im Vorfeld des Rennens die richtigen Entscheide, so wie er im Rennen selbst im richtigen Moment auch den richtigen Entscheid trifft.»

Deshalb ist es momentan fast immer Odermatt, der die Riesenslaloms gewinnt.

«Zunächst: Nicht nur Odi, sondern auch Loïc (Meillard), Justin (Murisier) und Gino (Caviezel) können jederzeit auf das Podest fahren oder sogar Rennen gewinnen.»

Es gelingt ihnen aber viel seltener.

«Tatsächlich grübeln nicht nur die anderen Nationen darüber, welchen Grundspeed Odi am Renntag hat, sondern manchmal auch seine Teamkollegen und wir Trainer. Wir wissen ja auch, wie schnell die anderen drei fahren können. Weil sie in vielen Trainings gleich schnell oder oft auch schneller sind als er.»,

Weil Odi da vielleicht blufft?

«Nein. Es ist vielmehr ganz beeindruckend, wie er im Rennen nochmals gehörig zulegen kann. Er fügt die vielen kleinen Teile zu einem stimmigen grossen Ganzen zusammen. In diesem Bereich können sich die anderen Fahrer noch steigern.»

Verblüfft er auch Sie als seinen langjährigen Trainer immer wieder?

«Natürlich. Es ist falsch, zu meinen, dass wir Trainer den Burschen alles beibringen. Das Gegenteil ist genauso der Fall. Wir lernen auch von den Athleten. Sei das linienmässig oder bei der Taktik. Wir sind eine Arbeitsgemeinschaft, und es ist keineswegs so, dass nur der Trainer sagt, wie man es machen soll. Es ist schliesslich der Fahrer, der das Endprodukt liefert.»

Mutig ist Odermatt auch, wie der komplette Set-Up-Wechsel zwischen den zwei Riesenslalom-Läufen an den Winterspielen zeigt.

«Der Schnee in China ist so ganz anders als bei uns, auch das Material reagiert gänzlich anders. Aber auch da hat es Odi wieder geschafft mit seinem Entscheid, einen anderen Ski zu nehmen und das Set-Up komplett zu ändern vor dem zweiten Lauf. Das braucht Mut. Doch Winner-Typen haben genau diesen Mut zu solchen Dingen.»

Es gibt aber auch andere Fahrer, die mutig sein wollen - dann aber zwischen den Toren zu stark forcieren oder bei Set-Up-Entscheiden einfach falsch liegen.

«Das stimmt natürlich. Auch bei Odi ist nicht jeder Entscheid, den er trifft, immer perfekt. Aber er gewinnt trotzdem, weil er es kompensieren kann. »

Wie meinen Sie das?

«Odi ist ein solches Phänomen, der drängt nicht dem Material irgendetwas auf, sondern er macht genau das, was das Material braucht. Jeder Ski, jede Härte, jede Länge reagiert irgendwo in einem Schwung anders. Er merkt dann, ob es passt, so wie er fährt - und sonst stellt er um. Er holt es immer irgendwie aus dem Ski heraus.»

Das Speed-Wochenende zuletzt in Kvitfjell gelang ihm allerdings nicht wunschgemäss. Muss er nun für die zwei Riesenslaloms in Kranjska Gora aufgepäppelt werden?

«Nein, davon gehe ich nicht aus. Natürlich ist er ein bisschen angefressen, weil er sich mehr erhofft hatte in Kvitfjell. Doch prinzipiell gehören auch solche Wochenenden zum Rennsport. Auch bei einem Fahrer wie Odi, der in dieser Saison ja schon so viel gewonnen und erreicht hat. Es gilt also Kvitfjell abzuhaken und nach vorne zu schauen. Schliesslich hat er immer noch fast 200 Punkte Vorsprung.»

Gewinnt er in Slowenien zumindest 112 Punkte, so hat er neben der kleinen auch die grosse Kristallkugel auf sicher.

«Wenn die zwei Riesen passen, dann wird alles gut. Ich bin überzeugt, dass er das hinkriegt. Und dann kann er ohne viel Druck zum Weltcup-Finale anreisen.»

Sie sagen, dass Ihre vier Topcracks im Riesenslalom skifahrerisch in etwa auf dem gleichen Level fahren. Sollte also nicht gerade Meillard regelmässiger unter den ersten drei erscheinen?

«Auch er wird es bald schaffen, dass die Sachen am Rennwochenende exakt passen.»

Grübelt Meillard vielleicht zu viel?

«Er ist ein ganz anderer Charakter als Odi, der gewisse Dinge auch mal schnell ausblenden kann. Odi fährt seinen Lauf oder sein Rennen - bumm, und danach schaltet er wieder in einen anderen Modus. Loïc ist für mich der beste Techniker und Kombinierer, auch der Beste im Parallel. Aber im Kopf eines Athleten kann so viel abgehen. Was genau, das sagen sie den Trainern nicht. Ich sehe da bei allen noch Restpotenzial.»

Auch bei Odermatt?

«Bei ihm natürlich etwas weniger. Ihm läuft es ja schon wahnsinnig gut. Aber selbst Odi kann sich noch steigern. Er ist ja noch ein junger Bursche, erst 24 Jahre alt. Er wird körperlich stärker und im Kopf noch abgeklärter werden. Dabei ist er gerade da schon verdammt weit. Aber wenn er nicht mehr daran glauben würde, dass er noch besser werden kann, dann müsste er in der Konsequenz aufhören.»

Stellt ein Topfahrer wie Odermatt besondere Ansprüche?

«Odi gar nicht. Er ist in der Handhabung einfach geblieben.»

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