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Alles beginnt mit Porridge und Spiegelei

Ein Einzel am Mittag, ein Doppel am Abend – die Arbeitstage von Tennisspielern können ganz schön lange sein. Gian-Luca Tanner gewährt einen Einblick in sein «Tagebuch» beim Heimturnier in Klosters.

Roman
Michel
24.06.21 - 04:30 Uhr
Mehr Sport

Wer sich die Flaggen am Terrassengeländer der Klosterser Tennisarena anschaut, merkt schnell: Hier ist die Welt zu Gast. Brasilien, USA, Tunesien, Rumänien – aus allen Ecken sind die Spielerinnen und Spieler für das ITF-Turnier im Prättigau von dieser Woche angereist. Gian-Luca Tanner hat es da deutlich kürzer. Tanner, 20-jährig, wohnt in Chur. Trainiert seit zwei Jahren primär in Klosters. Logisch ist das Heimturnier für ihn etwas Spezielles. Sein erster Turniertag im Hauptfeld war ein Auf und Ab. 

7 Uhr: Reis gibt es nur in Japan

«Endlich mal wieder ausgeschlafen», sagt Gian-Luca Tanner. Heisst: Tagwache um 7 Uhr statt wie in den Tagen zuvor eine Stunde früher. Es ist Dienstagmorgen. Matchtag. Um 10.30 Uhr ist die Auftaktpartie Tanners angesetzt. Während manche Spieler vor morgendlichen Partien einen Teller Pasta verzerren, setzt der Churer auf ein herkömmlicheres Frühstück: Porridge und Spiegelei. Auch Reis gab es schon einmal. In Japan war das. Mangels Alternativen. Kurz vor 8 Uhr macht sich Tanner mit dem Auto auf den Weg Richtung Klosters.

9 Uhr: Dieses Mal braucht es Seilspringen

Einspielen mit Doppelpartner Luca Stäheli auf einem der Nebenplätze in Klosters. Tanner kennt hier jeden Winkel. Jedes Gesicht. Seit rund zwei Jahren trainiert der ehemalige U18-Schweizer-Meister primär im Prättigau. Hinzu kommen gelegentliche Einheiten in Zürich oder am Nationalen Leistungszentrum in Biel. Rund 30 Minuten dauert das Aufwärmen, danach geht es weiter in die Tennisarena. Vertraute Tanner vor seinen Partien früher auf fest eingespielte Routinen, versucht er heute stärker auf seinen Körper zu hören. Was brauche ich? Fühle ich mich träge? Oder bin ich nervös und muss etwas runterfahren? An diesem Tag ist es Ersteres. Seilspringen, kurze Sprints, einige Schläge mit Ball. «Das aktiviert die Muskulatur», sagt Tanner, der im Februar 2020 seinen ersten und bislang einzigen Weltranglistenpunkt geholt hatte. Im ATP-Ranking belegt er derzeit Platz 1965. 

11.15 Uhr: Die Emotionen stehen im Weg

Endlich hat das Warten ein Ende. Fast eine Stunde später als geplant startet Tanner in sein Erstrundenmatch gegen den Österreicher Lenny Hampel. Dass der Bündner überhaupt im Hauptfeld steht, hat er auch dem Losglück zu verdanken. Nach der Niederlage in der zweiten und letzten Qualifikationsrunde vom Montag schien das Turnier für Tanner bereits gelaufen. Als Lucky Loser rutschte er im letzten Moment doch noch ins Hauptfeld. Gegen Hampel wehrt er beim Stand von 3:5 im ersten Satz Matchbälle ab, gleicht wenig später zum 5:5 aus – und verliert den ersten Durchgang doch mit 5:7. Das Auf und Ab geht auch im zweiten Satz weiter: 0:3, 4:3 – und am Ende doch 4:6. Tanner hadert danach mit seiner verpassten Chance. «Ich hatte meine Emotionen nicht im Griff, schaffte es nicht, mich auf mein Spiel zu fokussieren.» Neu ist das nicht. Er sei schon immer ein emotionaler Typ gewesen, sagt Tanner. «Schon im Schulsport konnte ich Mit- und Gegenspieler beinahe anbrüllen.» Seit Kurzem arbeitet er deshalb mit einer Psychologin zusammen. «Leider falle ich ab und zu in alte Muster zurück.»

13.30 Uhr: Die beruhigende Bergwelt

Tanner braucht jetzt Zeit für sich. Rund eine Stunde lang spaziert er über Wiesen und Felder. Geniesst den Ausblick auf die noch leicht verschneiten Berggipfel. «Das hilft mir, um auf andere Gedanken zu kommen.» Danach wartet der obligate Teller Pasta. Wobei: «Burger und Pommes haben mich auch angemacht», sagt Tanner lachend. Er verzichtet. Schliesslich steht bald das Doppel auf dem Programm.

17.30 Uhr: Ein Krimi als Versöhnung

Das Aufwärmen ist vor der zweiten Partie des Tages deutlich kürzer, der Körper bereits in Schwung. Tanner macht bewusste Atemübungen, um die letzten negativen Gedanken hinter sich zu lassen und sich auf das Doppel zu konzentrieren. Aziz Dougaz/Matheus Pucinelli de Almeida heissen die Gegner von Tanner/Stäheli. Die Partie wird zum Krimi. Satz 1 geht im Tiebreak an das tunesisch-brasilianische Duo. Satz 2 holen sich Tanner/Stäheli. Das Champions-Tiebreak muss entscheiden. Lange ist es ausgeglichen – ehe Tanner/Stäheli entscheidend davonziehen. «Ich mag es, im Doppel zu spielen», sagt Tanner. «Als Einzelsportler ist es schön, mal in einem Team zu spielen.»

19.30 Uhr: «Langsam spüre ich es»

Die Anlage hat sich längst geleert. Tanner sitzt einsam in der Players Lounge und blickt auf den langen Tag zurück. «Langsam spüre ich es», sagt er. Auslaufen. Duschen. Nachtessen im Arena-Restaurant. Dann geht es wieder nach Hause. Ziel sei es, jede Nacht etwa neun Stunden zu schlafen, sagt Tanner. Er muss früh ins Bett. Am nächsten Tag steht er um 10 Uhr bereits wieder auf dem Trainingsplatz.

Roman Michel ist Leiter Sport. Er arbeitet als Sportreporter und -moderator bei TV Südostschweiz. Weiter schreibt er für die gemeinsame Sportredaktion der Zeitung Südostschweiz und suedostschweiz.ch. Roman Michel studierte Journalismus und Organisationskommunikation und arbeitet seit 2017 für die Medienfamilie Südostschweiz. Mehr Infos

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