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Der «Happy Slam» steht erneut unter einem schlechten Stern

Der «Happy Slam» steht erneut unter einem schlechten Stern

Am Montag beginnt das Australian Open in Melbourne. Der «Happy Slam» steht wegen der Corona-Pandemie erneut unter einem schlechten Stern. Belinda Bencic und Stan Wawrinka haben wenig zu verlieren.

Agentur
sda
vor 3 Monaten in
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Stan Wawrinka ist einer von drei Australian-Open-Siegern im Tableau der Männer
Stan Wawrinka ist einer von drei Australian-Open-Siegern im Tableau der Männer
KEYSTONE/EPA/DAVE HUNT

Die Nachricht eines positiv getesteten Mitarbeiters im Grand Hyatt Hotel in der Innenstadt Melbournes am Mittwochabend hatte in der Tennisszene temporäre Hektik ausgelöst. Mehr als 500 Spieler und Betreuer, die dort nach der Einreise in Australien ihre zweiwöchige Quarantäne verbracht hatten, mussten danach zum Corona-Test, der Spielbetrieb der sechs Vorbereitungsevents im Melbourne Park wurde für einen Tag ausgesetzt. Die Blase drohte kurzzeitig zu platzen.

Zwar konnte Turnierdirektor Craig Tiley schnell Entwarnung geben, der erste positive Corona-Fall in Melbourne nach vier Wochen bewies aber, dass das ganze System trotz aller Vorsichtsmassnahmen auf wackligen Beinen steht. Und all diejenigen, die aufgrund der Durchführung des Turniers inmitten der Corona-Pandemie von Zwängerei gesprochen hatten, sahen sich in ihrer Kritik bestätigt. Erst Ende Oktober hatte in Melbourne ein knapp viermonatiger Lockdown geendet, zuletzt konnten weitere Lockerungen im öffentlichen Leben vorgenommen werden. Im Melbourne Park sollen ab nächster Woche täglich bis zu 30'000 Zuschauern Einlass finden.

Bereits vor einem Jahr waren die Organisatoren heftig in der Kritik gestanden. Auch im Bundesstaat Victoria hatten heftige Waldbrände gewütet, der Spielbetrieb während des Qualifikationsturniers wurde dennoch nur punktuell unterbrochen, trotz teils miserabler Luftqualität. Die Show musste weitergehen. Der «Happy Slam» hat sich für Victoria und Tennis Australia zu einer Cashcow entwickelt, 2020 trug er knapp 400 Millionen australische Dollar zum Bruttoinlandprodukt bei.

Gestörte Vorbereitung

Mittendrin im Corona-Trubel war auch Belinda Bencic, die mit einer erneuten, wenn auch nur kurzen Quarantäne ein kleines Déjà-vu erlebte, so dass sie erst am Freitag zu ihrer ersten Partie in dieser Saison kam, die sie gegen Sorana Cirstea verlor. Bencic hatte das Pech, zu denjenigen Spielerinnen zu gehören, die sich nach dem Auftreten von positiven Fällen auf ihrem Flug nach Down Under einer harten 14-tägigen Quarantäne unterziehen mussten. Trotz innovativer Trainingsgestaltung in ihrem Hotelzimmer, war ihre Vorbereitung auf das Turnier massiv gestört.

«Die ganze harte Arbeit vorher war praktisch für nichts. Die Chancen, gut zu spielen, sind sehr klein», sagte die 23-Jährige, die in der 1. Runde auf die Amerikanerin Lauren Davis (WTA 75) trifft. Ihr bislang bestes Resultat am Australian Open erreichte Bencic vor fünf Jahren, als die heutige Nummer 12 der Welt in den Achtelfinals an Maria Scharapowa scheiterte.

Auch für Stan Wawrinka (ATP 18) verlief die Vorbereitung, die er in der Schweiz und Monaco absolvierte, alles andere als ideal. Der 35-jährige Romand erkrankte kurz vor dem Jahreswechsel an Covid-19. «Es war während zehn Tagen nicht ganz einfach», sagte Wawrinka, der sich nun wieder besser fühlt, was er mit den beiden Siegen gegen Michail Kukuschkin und Alex Bolt unterstrich. Im Gegensatz zu Bencic durfte er in den ersten zwei Wochen in Australien täglich bis zu fünf Stunden trainieren, was ihm half, wieder in den Rhythmus zu finden. «Ich bin noch etwas auf der Suche nach der Form, aber die Motivation und die Lust sind da», sagte Sieger von 2014 in Melbourne, der das Turnier gegen den Portugiesen Pedro Sousa (ATP 108) startet.

Auch Jil Teichmann (WTA 57) und Henri Laaksonen (ATP 136) haben beim ersten Höhepunkt des Jahres nicht viel zu verlieren. Teichmann steht erst zum zweiten Mal im Hauptfeld und hat im Melbourne Park - inklusive Qualifikation - noch keine Partie gewonnen. Nun trifft sie auf Cori Gauff. Laaksonen kämpfte sich Mitte Januar in Doha erfolgreich durch die Qualifikation und gehört zu den ersten Siegern in diesem Jahr. Auch bei einer Niederlage in der 1. Runde gegen Salvatore Caruso hat der Schaffhauser knapp 70'000 Franken bereits auf sicher.

Djokovic, Nadal - oder Thiem?

Erste Anwärter auf den Titel am Australian Open in Melbourne sind Titelverteidiger Novak Djokovic und Rafael Nadal. Die beiden genossen wie einige weitere Top-Cracks nach ihrer Einreise in Australien eine zweiwöchige Sonderbehandlung in Adelaide. Auch wenn beide mit leichten körperlichen Probleme zu kämpfen hatten, führt der Titel in Melbourne über sie, wobei Djokovic mit acht Titeln der Rekordsieger im Melbourne Park ist.

Gewinnt Nadal nach 2009 zum zweiten Mal am Yarra River und damit seinen 21. Grand-Slam-Titel, würde der in Melbourne abwesende Roger Federer einen weiteren Rekord verlieren. Die Bestmarke der meisten Wochen an der Spitze des ATP-Rankings wird Federer im März an Djokovic abtreten müssen, unabhängig vom Abschneiden des Serben in Melbourne.

Erster Herausforderer der Nummern 1 und 2 der Welt ist Vorjahresfinalist Dominic Thiem (ATP 3), der Sieger des US Open. Einen starken Eindruck hinterliessen zuletzt auch die Russen Daniil Medwedew (ATP 4) und Andrej Rublew (ATP 8). Und US-Open-Finalist Alexander Zverev überwand 2020 seine Blockade an Grand-Slam-Turnieren.

Wesentlich offener präsentiert sich die Ausgangslage bei den Frauen. Die Weltnummer 1 Ashleigh Barty kehrte nach einer knapp einjährigen Auszeit erst in ihrer Heimat wieder auf die Tour zurück. Zum engsten Favoritenkreis gehören auch die japanische US-Open-Siegerin Naomi Osaka und Serena Williams. Die 39-jährige Amerikanerin nimmt den nächsten Anlauf, den Rekord von 24-Grand-Slam-Titeln von Margaret Court zu egalisieren.

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