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Kilian Wenger: «Ich wurde vom Jäger zum Gejagten»

Wie kein anderer Schweizer Sportler gelingt Schwingerkönig Kilian Wenger die Verkörperung der alten und der modernen Schweiz: Ein Sport-Popstar und Frauenschwarm des 21. Jahrhunderts mit vaterländischer Gesinnung und Bodenhaftung.

Südostschweiz
26.08.13 - 10:41 Uhr

Von Klaus Zaugg und François Schmid-Bechtel

Wie ist es, wenn man in der Schweiz ein König wird? Kilian Wenger: Das Leben wird auf den Kopf gestellt.

Was bedeutet das? Auf einmal kennt dich die halbe Schweiz und alle wollen irgendetwas von dir. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Und Sie können seither nicht mehr anonym im Ausgang feiern. Das ist kein Problem. Ich habe mich im Ausgang noch nie so aufgeführt, dass es besser wäre, dass ich nicht erkannt werde.

Ist diese Popularität ein Fluch oder ein Segen? Es ist eine Frage der Organisation und ich musste lernen, Nein zu sagen.

Sie machen das geschickt: Nein sagt jeweils Ihr Manager Beni Knecht und Sie sind fein raus. Mit guter Organisation meine ich, dass alles so vorbereitet wird, dass ich zu etwas nur noch Ja oder Nein sagen muss. Es ist schon so: Meistens ist es dann nach aussen Beni Knecht, der absagt oder zusagt.

Dauerte es nach dem Königstitel lange, bis Sie sich so organisiert hatten? Ja, es brauchte schon eine gewisse Zeit. Erst einmal waren wir alle, mein Umfeld und ich, überfordert und nach allen Feierlichkeiten und Empfängen kam eine Leere. Und wir fragten uns: Wie soll das weitergehen? Und wir wussten es nicht. Mein Fitnesstrainer Roland Fuchs hat dann in der ersten Zeit mein Coaching an die Hand genommen und die Dinge geordnet.

Sie sind in der ersten Zeit als König mit Geschenken ja buchstäblich überhäuft worden. Ja, es schien schon fast so, als wollten mir alle alles geben.

Wie kamen Sie sich da vor? Ich freute mich und war stolz auf meine Leistung. Es war schon speziell zu erleben, wie vielen Menschen ich gerade in meiner Heimat im Diemtigtal eine Freude machen konnte.

Ein deutscher Automobilhersteller wollte Ihnen gleich einen Luxuswagen geben. Wieso haben Sie Nein gesagt? Ich bin nicht der Typ, der auf Luxusautos steht. Ich werde seit langer Zeit schon vom Opel-Garagisten in der Nähe unterstützt und es gibt keinen Grund, warum ich diesem langjährigen Partner untreuwerden sollte.

Werden Sie eigentlich als König immer noch «Küken»gerufen? Nein. Nur noch Matthias Sempach nennt mich hin und wieder so.

Er ist Mitfavorit für Burgdorf und Ihr grosser Rivale im Bernbiet. Wie stehen Sie zu ihm? Wir sind gute Freunde.

Freundschaft und gleichzeitig eine sportliche Rivalität auf höchstem Niveau – wie funktioniert das? Sehr gut. Wenn wir gegeneinander antreten, dann reichen wir uns vor dem Kampf die Hand und dann ist es für uns ganz selbstverständlich, dass wir beide gewinnen wollen.

Wie steht die Bilanz? Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube er führt mit 6:2-Siegen.

Es heisst immer wieder, Ihr Königstitel sei auf dem Werbemarkt eine Million Franken wert. Sind Sie Millionär geworden? Über Zahlen gebe ich keine Auskunft.

Auch nicht, wenn Ihr Freund Matthias Sempach fragt? Nein. Ich bin durch Erziehung ein typischer Schweizer und rede nicht über Geld.

Sie wissen auch nicht, wie viel Matthias Sempach verdient? Nein.

Anders gefragt: Sportler können so viel Geld verdienen, dass sie nach der Karriere ausgesorgt haben. Verdienen auch Sie soviel? Ausgesorgt? Nein, das wäre übertrieben.

Geld ist im Schwingen immer noch ein Tabu-Thema. Sorgten die guten Werbeverträge der Spitzenschwinger für Neid? Nein. Ich denke, dass die Schwinger an der Spitze alle etwa gleich gut dotierte Verträge haben. Die Mittelschwinger wissen, wie viel es braucht, um ganz nach vorne zu kommen und ich habe nicht das Gefühl, dass es Neider gibt.

Die Möglichkeiten, um Geld verdienen zu können, sind im Schwingen durch die Reglemente eingeschränkt. Stört Sie das? Nein, ganz im Gegenteil. Dieses konservative Denken ist wichtig. So können wir im Schwingen ein gesundes Mittelmass bewahren und bleiben auf dem Boden. Ich bin mit der Werberegelung sehr zufrieden.

Das blonde Schlagersternchen Beatrice Egli hat Sie als schönsten Mann der Schweiz bezeichnet. Wie reagieren Sie auf ein solches Kompliment? Solche Worte von einer auch nicht unschönen Frau schmeicheln einem schon.

Werden Sie eitel wie George Clooney? Nein. Natürlich kann ich durch Training und Körperpflege etwas zum guten Aussehen beitragen. Aber darauf kann ich mir nichts einbilden. Es ist doch einfach so, dass mein Aussehen ein Geschenk ist, für das ich mich bei meinen Eltern bedanken sollte.

Ihre Wirkung auf Frauen ist unbestritten. Über mein Privatleben gebe ich keine Auskunft.

Aber den offiziellen Beziehungsstatus verraten Sie uns schon? Ich bin Single.

Werden Sie von Verehrerinnen belagert? Das nicht gerade. Es kommt ab und zu Post. Am Anfang waren es so um die 30 Briefe am Tag, heute sind es vielleicht fünf bis zehn.

Sind Heiratsanträge darunter? Eher Anfragen, ob man sich kennen lernen könnte.

Sie haben bisher immer abgesagt? Ja.

Sie wohnen nicht mehr zu Hause und nicht mehr in einer WG. War das eine Umstellung? Ja, am Anfang schon. Du kommst am Abend nach Hause und es ist niemand da. Das hat mich schon etwas irritiert. Inzwischen schätze ich es sehr, dass ich meine Ruhe habe, wenn ich nach Hause komme.

Dann können Sie auch mit nach Hause nehmen, wen Sie wollen. Beispielsweise.

Sie gelten als beliebtester Schwingerkönig aller Zeiten. Was denken Sie, warum ist das so? Eine solche Aussage ist für mich ein schönes Kompliment. Es hat wohl etwas damit zu tun, dass ich noch nie versucht habe, etwas vorzuspielen und so geblieben bin, wie ich bin. Ich fühle mich einfach wohl unter Leuten. Wenn ich beispielsweise nach Adelboden zum Skiweltcup eingeladen werde, dann fühle ich mich unter den Zuschauern wohler als im VIP-Bereich. Und nach einem Schwingfest verweile ich gerne noch etwas auf dem Festplatz.

Ihr offensiver Kampfstil dürfte sehr viel zu Ihrer Popularität beitragen. Angriff ist eben die beste Verteidigung.

Ihr Trainer Roland Fuchs hat Sie einmal als liebenswerten Chaoten bezeichnet. Trifft das zu? Ja, das hat schon etwas für sich.

Wie zeigt sich dieses Chaos? Dass ich Termine vergesse oder etwas nicht gleich erledige.

Dann haben Sie sicher die Steuererklärung noch nicht abgegeben. Doch, habe ich. Weil das für mich erledigt wird.

Führen Sie eine Agenda? Ja. Aber manchmal vergesse ich halt, einen Termin einzutragen. Es ist ja nicht so schlimm. Es kann einfach mal passieren, dass ich zu spät komme oder vergesse, etwas mitzunehmen.

Sie haben die Rekrutenschule absolviert und es heisst ja, dort lerne man Ordnung und Disziplin. War das auch bei Ihnen so? Ja, ich glaube, dass ich mich in dieser Beziehung weiterentwickelt habe.

Sie sagten einmal, Sie würden sich auf das Schiessen in der RS freuen. Ja, das hat mich interessiert und ich habe mich geärgert, dass ich das Abzeichen nicht geschafft habe. Dabei hatte ich zuvor die erforderlichen 72 Punkte erreicht, aber im entscheidenden Moment kam ich nur noch auf 64 Punkte.

War denn der König beim Schiessen nervös? Es war eher so, dass ich mit der Technik der Zielvorrichtung Probleme hatte.

Es heisst, Sie hätten nicht mehr ganz die gleiche Lockerheit wie vor dem letzten «Eidgenössischen». Das hat etwas für sich. Meine Situation hat sich verändert. Ich bin vom Jäger zum Gejagten geworden. Jetzt schauen alle bei meinen Gängen genau zu und der kleinste Fehler wird registriert und kommentiert.

Man sagt ja, das Dress des FC Bayern sei halt schwerer als das des SC Freiburg. Sind die Schwingerhosen des Königs auch schwerer? Nein.

Aber nach Frauenfeld 2010 ist es nicht immer wunschgemäss gelaufen und Sie sind schon auch mal als der schwächste Schwingerkönig aller Zeiten bezeichnet worden. Hat Sie das verunsichert? Verunsichert? Nein. Ich habe in jedem Jahr seit Frauenfeld mindestens ein wichtiges Fest gewonnen. Es hat mich höchstens ein wenig geärgert.

Wie bereiten Sie sich jetzt auf das «Eidgenössische» vor? Ich schaue mir auf dem Video noch einmal in aller Ruhe alle meine acht Gänge von Frauenfeld an. Um auf diese Weise wieder das Gefühl fürs «Eidgenössische» zu bekommen. Dieses Fest ist speziell. Die Sägemehlringe sind grösser, die Gänge dauern länger, das Fest dauert zwei Tage. Die Arena ist viel grösser und die Zuschauer sind weiter weg.

Sind Sie eigentlich Profi? Oder wollen sie Profi werden? Ich hatte Lehrmeister mit sehr viel Verständnis und konnte, wenn nötig, zwei Trainingseinheiten am Tag machen und sozusagen wie ein Profi trainieren. Nach dem Abschluss meiner Ausbildung (eine Metzger- und eine Zimmermann-Lehre – die Redaktion) habe ich noch die Lastwagenprüfung gemacht und zuletzt als Chauffeur ausgeholfen. Daneben half ich beim Innenausbau des Fitnessclubs in Wilderswil, an dem ich mit zwei Kollegen beteiligt bin. Nach Burgdorf werde ich sehen, wie es weitergeht.

Könnte es sein, dass in Burgdorf ein Aussenseiter die gleiche Geschichte schreibt wie Sie 2010 in Frauenfeld? (Überlegt lange). Das ist nicht auszuschliessen. Vielleicht Simon Anderegg oder Andreas Ulrich.

Sie durften für eine Vorschau-Serie des Schweizer Fernsehens in einem F/A-18-Kampfjet mitfliegen. Wie war das? Mein bisher grösstes Erlebnis seit Frauenfeld. Der ganze Tag war ein Abenteuer. Erst haben wir die Anzüge anprobiert, dann eine Sitzprobe gemacht und gründlich die Sicherheitsvorkehrungen gelernt. Beispielsweise, wie ich mich im Notfall mit dem Schleudersitz retten kann. Wir sind gegen 13 Uhr zu einem einstündigen Flug gestartet. Der Start war gar nicht so aufregend, ähnlich wie der Start eines Passagierflugzeuges. Anfänglich wurde ich mit 3 G – also meinem dreifachen Körpergewicht in den Sitz gedrückt. Das ging noch. Über den Wolken haben wir einen Luftkampf simuliert, ich durfte zwischendurch auch steuern und später stieg die Belastung sogar auf 7,9 G. Als mich der Pilot fragte, wie es mir gehe, musste ich zugeben, dass es mir kurz schwarz vor Augen geworden ist. Er beruhigte mich: Das gehe ihm jeweils auch so, aber die Belastung sei nur ausnahmsweise so hoch.

7,9 G dürfte etwa die Belastung Ihres Gegners sein, wenn Sie zum Kurzzug angesetzt haben. Da wird es Ihren Gegnern manchmal wohl auch schwarz vor Augen. Nun wollen wir nicht übertreiben. Andere kurzen sicher auch wie ich und mir ist es noch nie schwarz vor den Augen geworden.

Wie hat sich der Schwinger Kilian Wenger seit dem Gewinn des Königstitels verändert? Ich bin drei Jahre älter, athletisch besser, ruhiger und ausgeglichener und technisch etwas vielseitiger geworden. Beispielsweise gehört nun auch der Wyberhaken zu meinem Repertoire. Wenn ich einen Gegner zu Boden gesprengt habe, dann suche ich energischer die Entscheidung und lasse ihn nicht mehr einfach wieder aufstehen.

Ihren Freund mit Mitfavoriten Matthias Sempach haben Sie schon mehrmals besiegt, auf dem Weg zum Königstitel haben Sie 2010 in Frauenfeld auch Ihr grosses Vorbild Jörg Abderhalden ins Sägemehl gebettet. Aber Sie haben Christian Stucki noch nie besiegt. Ist der sanfte Riese selbst für den König zu gross, zu schwer und zu kräftig? Nein. Dass ich gegen ihn noch nie gewonnen habe, ist doch ganz normal. Wer kann denn in diesem Land schon von sich behaupten, er habe den Stucki gebodigt?

Zur Slideshow gehts hier.

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