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Alain Sutter war an der WM 1994 trotz Handicap herausragend

Es gab im Schweizer Sport das Knie der Nation von Skifahrer Pirmin Zurbriggen. Und es gab den Zehenbruch des Fussball-Nationalspielers Alain Sutter an der WM 1994.

Agentur
sda
Donnerstag, 18. Juni 2020, 04:30 Uhr Fussball

Die Verletzung zog sich Sutter am 18. Juni 1994 im Schweizer WM-Eröffnungsspiel gegen Gastgeber USA (1:1) zu. Der Mittelfeldspieler erlitt den Bruch des kleinen Zehs am linken Fuss bereits in der ersten Halbzeit, als ihm ein gegnerischer Spieler auf den Fuss trat.

Die Verletzung wäre nicht weiter der Rede wert gewesen, wenn St. Gallens heute 52-jähriger Sportchef in jenen WM-Tagen nicht der überragende Schweizer Spieler in den drei Vorrunden-Spielen und damit jener WM gewesen wäre. «Die Schweiz hat ihn geliebt, heisser als je einen anderen Fussballer», lautete später einmal die Bilanz von zwoelf.ch zur Karriere von Alain Sutter.

Die WM 1994 war zweifellos der Karriere-Höhepunkt von Sutter im Nationalteam. Es war seinerzeit auch die erste Endrunden-Teilnahme einer Schweizer Fussball-Nationalmannschaft seit England 1966. Auch markiert jene WM in den USA den Auftakt zum hierzulande seither längst etablierten Public Viewing.

Seinerzeit fieberten Fussball-Fans in Zürich beispielsweise im legendären In-Lokal El Internacional bei WM-Spielen mit. Dort stiessen auch in der Versenkung verschwundene ehemalige Junioren-Nationalspieler auf die Leistungen der Schweizer Fussballer an. Das SRF-Kommentaren-Duo mit Bernard Thurnheer und Günter Netzer trug seinen Teil zum Entertainment bei.

Im WM-Startspiel wurde beispielsweise Georges Bregys gekonntes Freistosstor gegen die USA bejubelt. Doch geradezu keine Grenzen kannten die Hochgefühle beim 4:1-Sieg im zweiten Vorrundenspiel gegen Rumänien. Jene Partie war eine Sternstunde der Generation um Alain Geiger, Alain Sutter, Ciriaco Sforza oder Stéphane Chapuisat.

Sutter war auch in jener Partie trotz gebrochenem Zeh der überragende Spieler auf dem Platz und erzielte das 1:0 für die Schweiz. «Ich hoffe, zuhause in der Schweiz freuen sie sich ebenso wie wir Spieler das hier tun», sagte der Berner nach der Partie.

Selbst das Handtuch geworfen

Beim Stande von 3:1 hatte sich Sutter gegen Rumänien auswechseln lassen müssen. «Mir tat fast alles weh. Die Zehe schmerzte wieder. Dazu kamen Krampferscheinungen. Ich nütze der Mannschaft mehr, wenn ich fit bin.» Auch im Spiel gegen Kolumbien (0:2) musste sich Sutter vorzeitig auswechseln lassen. Für den Achtelfinal gegen Spanien musste er dann ganz passen.

Die Schweiz blieb beim 0:3 gegen die Iberer absolut chancenlos. Der WM-Star im Team von Roy Hodgson konnte zur Enttäuschung der ganzen Fussballnation und vor allem seiner selbst nicht zu seinem 50. Länderspiel einlaufen. «Es ging nicht. Trotz Spritze. Ich hatte höllische Schmerzen. So machte es keinen Sinn», erklärte Sutter.

Mit der verabreichten Injektion wurde die Spitze wohl unempfindlich gemacht, nicht aber der ganze Fuss. «Wir hätten ihm wohl noch eine weitere Spritze verabreichen können, aber dann wäre der ganze Fuss taub gewesen», erklärte der damalige Nationalmannschafts-Teamarzt Urs Vogel. Sutter selbst warf schliesslich das Handtuch. «So handicapiert bin ich der Mannschaft keine Hilfe», stellte er zerknirscht fest und war am Boden zerstört.

Das Ende der Schweizer WM-Träume war gleichwohl Sutters Empfehlungsschreiben für seinen neuen Arbeitgeber Bayern München, dem er sich nach der WM von Nürnberg kommend anschloss. Richtig glücklich wurde Sutter beim gigantischen Fussball-Unternehmen aber nicht. In Ernährungsfragen kam es einmal zum Eklat mit Bayerns Urgestein, dem Wurstfabrikanten Uli Hoeness, der Sutter öffentlich empfahl, mehr Fleisch zu essen.

Für einen veritablen Aufstand sorgte Sutter indes als Nationalspieler. Als «Rädelsführer» des Nationalteams zeichnete er für das prägendste politische Statement eines Schweizer Fussball-Teams zumindest mitverantwortlich. Am 6. September 1995 sorgten Alain Sutter und Co. vor dem Spiel in der EM-Qualifikation in Göteborg für einen mittleren Eklat. Sie präsentierten sich zur Nationalhymne mit einem «STOP IT CHIRAC»-Transparent, um gegen die von Frankreichs damaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac veranlassten Atomversuche in der Südsee zu protestieren.

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