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Als Schalke gut vier Minuten deutscher Meister war

Das Saisonfinale 2001 ging als das spektakulärste in die Geschichte der Bundesliga ein. Vier Minuten fehlten Schalke zum ersten Titel in der Bundesliga. Meister wurde schliesslich Bayern München.

Agentur
sda
Dienstag, 19. Mai 2020, 04:30 Uhr Fussball

Am 19. Mai 2001 brechen um 17.16 Uhr in Gelsenkirchen alle Dämme. Tausende der 65'000 Zuschauer stürmen aufs Feld, weil Schalke das letzte Spiel überhaupt im Parkstadion gegen Unterhaching nach einem 0:2- und 2:3-Rückstand gedreht und mit 5:3 gewonnen hat. In Hamburg liegt der direkte Konkurrent Bayern München 0:1 zurück, Sergej Barbarez hat in der 90. Minute für den HSV getroffen. Auf der berühmten Schalker Meile, die direkt zum Stadion führt, bricht der Wahnsinn aus.

In den Katakomben des Parkstadions führt der «Premiere»-Reporter Rolf Fuhrmann das erste Meister-Interview. Schalkes Teammanager Andreas Müller schickt eine Grussbotschaft nach Hamburg: «HSV, ich liebe euch!» Auf dem Feld liegen sich die Fans in den Armen; sie weinen und wälzen sich am Boden. Manager Rudi Assauer nimmt erste Glückwünsche entgegen. Schalke ist nach 43 Jahren wieder deutscher Meister. Wirklich?

Eine Woche zuvor schien der Traum vom ersten Schalker Titel in der Bundesliga geplatzt. Die Königsblauen haben am zweitletzten Spieltag ihren Vorteil gegenüber den Bayern innerhalb einer Minute verspielt. In Stuttgart kassierten sie in der 90. Minute das 0:1, Sekunden später schossen die Münchner gegen den 1. FC Kaiserslautern das 2:1 - dank eines Traumtores von Alexander Zickler in der 90. Minute. Die Bayern lagen in der Tabelle wieder mit drei Punkten vorne, die Meisterschaft schien entschieden.

«Das war Wahnsinn»

Der 33. Spieltag sollte aber nur ein Vorgeschmack sein auf das, was sich eine Woche später abspielte. Der 19. Mai 2001 übertraf in Sachen Spannung und Dramatik alles, was war und später noch kommen sollte. Der TV-Sender und damalige Rechte-Inhaber Premiere rollte Jahre später in dem knapp halbstündigen Dokumentarfilm «Vier Minuten im Mai» den Wahnsinn dieses Nachmittags in den Stadien in Gelsenkirchen und Hamburg noch einmal auf.

Das Spiel in Hamburg war - entgegen ersten Informationen in den Schalker Katakomben - noch nicht zu Ende. Und als der HSV-Keeper und ehemalige Schalker Mathias Schober in der Nachspielzeit einen Rückpass mit den Händen fängt, nimmt das Drama seinen Lauf. Als auf der Grossleinwand die Bilder aus Hamburg erscheinen, verstummt der ausgelassene Jubel im Parkstadion. Und als Momente später der Ball im gut 300 Kilometer entfernten Volksparkstadion im Netz zappelt, wird aus dem Freuden- ein Tränenmeer.

Derweil brechen nun in Hamburg alle Dämme. Der Schwede Patrik Andersson erlöst mit seinem ersten Saisontor den Titelverteidiger, als er mit einem brachialen Schuss durch die Mauer den indirekten Freistoss aus acht Metern im Tor versenkt. «Das war Wahnsinn», erinnert sich Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Halb Deutschland hätte sich gefreut, wenn wir nicht Meister geworden wären. Es hätte viel Häme gegeben.»

Die Geburt einer Legende

Sinnbildlich für die Bayern steht Oliver Kahn. Der Torhüter holt nach dem 0:1 den Ball sofort aus dem Netz und richtet seine am Boden zerstörten Kollegen wieder auf. «Weitermachen, immer weitermachen», schreit er. Beim Freistosspfiff von Schiedsrichter Markus Merk stürmt der Keeper nach vorne und pöbelt im Strafraum jeden Gegenspieler an, der sich ihm in den Weg stellt. Ein Machtwort von Captain Stefan Effenberg verhindert, dass Kahn den Freistoss selbst ausführt. Sekunden später liegt dieser - inzwischen wieder zurückgeeilt - jubelnd mit der ausgerissenen Eckfahne am Boden. Vier Tage später wird Kahn endgültig zum Helden, als er mit seinen Paraden im Penaltyschiessen gegen Valencia die Bayern in Mailand zum Champions-League-Titel führt.

In Gelsenkirchen sitzt die Wunde indessen tief, das Trauma brennt sich in die Schalker Seele ein. «Ich glaube ab heute nicht mehr an den Fussball-Gott», sagt Assauer. Eine Woche später gewinnt Schalke zwar den Cupfinal in Berlin, so nah an die Meisterschale wie an jenem 19. Mai 2001 kommt der Klub aber nie mehr. 4:38 Minuten fehlten zur Erlösung. «Das vergisst man nie mehr», sagte Schalkes Trainer Huub Stevens Jahre später. «Und das kriegt man auch nicht mehr aus dem Kopf.» Als «Meister der Herzen» gehen die «Knappen» in die Annalen ein.

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