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Mayer: «Ausschlaggebend waren primär sportliche Gründe»

Nationalgoalie Robert Mayer steht ab der nächsten Saison beim HC Davos im Tor. Heute trifft der 30-Jährige mit Servette auf seinen künftigen Arbeitgeber.

René
Weber
Dienstag, 17. Dezember 2019, 04:30 Uhr Eishockey
Robert Mayer spricht im Interview über seinen Wechsel von Genf nach Davos.

Die ersten Gehversuche auf dem Eis machte der Haldensteiner Robert Mayer beim EHC Chur. Bereits im Juniorenalter wechselte er zum EHC Kloten und von dort 2007 in die Juniorenliga zu Saint John Sea Dogs nach Québec. Es folgten Gastspiele bei Cincinnati Cyclones und Hamilton Bulldogs, ehe er 2014 nach sieben Saisons in Kanada in die Schweiz zurückkehrte und sich Genève-Servette Hockey anschloss.

Seit sechs Jahren gehört der am 9. Oktober 1989 geborene Mayer dem Kader des Schweizer Nationalteams an, mit dem er im letzten Frühjahr an der WM in der Slowakei die Silbermedaille gewann. Das ist umso erstaunlicher, ist der Torhüter doch im Sommer 2018 mit dem Quad schwer verunfallt, und er musste um die Fortsetzung seiner Karriere bangen. Rückblickend erklärt der künftige Davoser – Mayer hat beim HCD einen Vierjahresvertrag unterzeichnet –, der heute (19.45 Uhr) mit Servette den Bündner Traditionsklub empfängt, habe ihn der Zwischenfall stärker gemacht.

Robert Mayer, Sie bestreiten aktuell Ihre sechste und zugleich letzte Saison mit Genève-Servette. Die Westschweiz ist schon fast zu Ihrer neuen Heimat geworden. Was gab den Ausschlag, künftig für den HC Davos spielen zu wollen?

Mir gefällt es in Genf tatsächlich gut. Es ist eine super Stadt, und es ist immer viel los. Man ist schnell in Italien, Frankreich – und auch Graubünden ist nicht weit. Zudem ist meine Frau, wir haben im Juni geheiratet, in Genf aufgewachsen (überlegt). Ausschlaggeben für meinen Entscheid, Servette zu verlassen, waren primär sportliche Gründe – aber auch das Drumherum. Der HCD ist ein grosser Verein. Ein Klub mit Ambitionen und Zielen. Die Infrastruktur ist sensationell. Peter Mettler ist für mich zudem einer der besten Goalietrainer des Landes. All das zusammen hat dazu geführt, dass ich mit Davos den Vertrag für vier Jahre unterzeichnet habe.

Diese Vertragsdauer überrascht nicht. Sie haben in Hamilton und in Genf mehrere Jahre für denselben Verein gespielt.

Die Vertragsdauer war mitentscheidend. Ich habe mir das gewünscht. Wir wollen eine Familie gründen, meine Frau und ich möchten Kinder haben. Das ist vorerst aber Zukunftsmusik. Nun konzentriere ich mich zuerst auf den Job mit Servette.

Sie haben das Elternhaus und damit Graubünden schon im Juniorenalter verlassen.

Schon im Mini-Top-Alter ging ich nach Kloten. Das ist so. Ich war damals in Chur nicht glücklich, musste Mini B in Flims spielen und oft in Grüsch aushelfen. Beim EHC Chur bekam ich keine Chance, konnte ich nie für das Mini-A-Team spielen. Früher war es halt so, dass viele Eltern vor Ort waren und sich beim Trainer für ihre Kinder starkgemacht haben. Meine Eltern waren dagegen in der Eishalle nie dabei, weil ich das nicht wollte. Irgendwann habe ich meiner Mutter dann gesagt, dass ich wegwolle. Weil ich bei Verwandten meines Stiefvaters in Winterthur leben konnte, durfte ich schon kurze Zeit später zu Kloten wechseln. Das war eine harte Zeit. Eine Stunde dauerte für mich der Weg ins Training. Die Ausrüstung musste ich jeden Tag nach Kloten und am Abend zurück nach Winterthur nehmen. Wenn ich zurückschaue, staune ich selber, dass ich das alles auf mich genommen habe.

So haben Sie früh gelernt, sich durchzubeissen.

Es war mit Sicherheit eine prägende Zeit, eine Lebensschule. Teils trainierten wir am Morgen vor der Schule um 6 Uhr. Neben dem Mini-Team stand ich auch mit den Novizen und sogar mit den Senioren regelmässig auf dem Eis. Es kam vor, dass ich drei Trainings an einem Tag absolvierte. Ausgemacht hat mir das nie etwas. Ich habe es gerne gemacht. Weil ich nach der Schule oft direkt ins Stadion fuhr, war ich zu früh dort und habe vor dem Training während des freien Eislaufs stundenlang «herumgestöckelt». Das ist mit ein Grund, dass ich bis heute mit dem Stock so stark arbeite.

«Ich war immer müde, fühlte mich schlecht. Ich brauchte viel Energie, um überhaupt ins Training zu gehen.»

Sie gehen unbeirrt Ihren Weg. Eine Stärke von Ihnen?

Das kann man so sagen. Ja, das ist so. Mir war immer klar, dass ich Profisportler werden wollte. Ich hatte das Glück, dass mich meine Eltern unterstützt haben. Das war nicht immer einfach für sie. Gleichzeitig hatten sie aber keine Chance, mich von meinem Weg abzubringen. Ich hatte schon damals meine Meinung und bin meinen Weg konsequent gegangen.

Sie sind ein Einzelgänger?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich gehe oft mit Teamkollegen weg. Noch lieber unternehme ich aber etwas mit meiner Frau. Wir haben abseits des Eishockeys ein grosses Beziehungsnetz. Diese Leute sind für mich der intellektuelle Ausgleich zum Alltag in der Garderobe.

Insgesamt spielten Sie sieben Jahre in Nordamerika und nun seit bald sechs Jahren in der Romandie. Man könnte Sie als Heimatlosen bezeichnen, der nun bald zu seinen Wurzeln zurückkehrt.

Als Sportler weiss man nie, was kommt. Das Business ist schnelllebig. Im Moment spiele ich noch für Servette. Ab dem kommenden Sommer für Davos. Ich freue mich riesig darauf. Eigentlich dürfte ich das jetzt nicht sagen. Ich tue es trotzdem. Ich bin in Haldenstein aufgewachsen und ein Fan des EHC Chur. Als Churer konnte ich Davos nicht haben (überlegt). Heute ist der HCD aber der einzige Klub im Kanton. Viele meiner Freunde sind darum heute Fans des HC Davos.

Sie sind aber ein Heimwehbündner. Einverstanden?

Ja, das bin ich. Ich liebe die Berge. In Genf sehe ich vom Balkon aus zum Mont Blanc. Das ist nicht dasselbe. Früher schaute ich in Haldenstein jeden Tag zum Calanda. Oft war ich auch auf Brambrüesch. Das sind schöne Erinnerungen. Als ich 2014 nach sieben Jahren in Kanada nach Genf kam, konnte ich kaum ein Wort Französisch. Ich war oft allein. Also fuhr ich jeden Samstag nach meinen Spielen nach Chur und am Sonntag wieder zurück. So weit war das damals nicht (lacht). Heute bereiten mir die Carfahrten wesentlich mehr Mühe. Zum Glück habe ich bei Servette seit vier Jahren in der hintersten Reihe vier Sitze für mich. Das ist perfekt. Dort lässt es sich bequem liegen.

Und von Graubünden und ab sofort vom HC Davos zu träumen?

Graubünden ist mein Zuhause – ganz klar. Die Leute dort sagen mir zu. Bündner sind ruhig, gemütlich. Mein Bruder wohnt in Chur, und ich besuche ihn, so oft es geht. Wenn ich durch die Stadt laufe, treffe ich immer Leute, die ich kenne. Nun kehre ich bald zurück. Es ist toll, dass meine Kinder in Graubünden aufwachsen werden. Eine bessere Kindheit, als ich sie in Haldenstein hatte, gibt es nicht. Noch immer habe ich Freunde dort. Alles unglaublich gute und liebe Leute. Wie schon gesagt, fast alle sind HCD-Fans (lacht).

Schauen wir nochmals zurück. Im Sommer 2018 hing Ihr Leben nach einem Unfall in Kanada mit dem Quad an einem dünnen Faden.

Es war schlimm, ich hatte grosses Glück. Es war ein Selbstunfall. Ich habe für mich viel daraus gelernt.

Konkret, wie kam es zum Unfall?

Wir waren auf Quad-Trails durch Wälder unterwegs. Es war eine neue Route, und ich fuhr hinter einem Kollegen. Nachdem wir eine Strasse überquert hatten, gaben wir wieder Vollgas. Dann kamen wir auf eine Kiesstrasse, und ich sah wegen des Staubs einen Moment nichts. Statt rechts abzubiegen, fuhr ich ungebremst mit rund 80 Kilometern pro Stunde geradeaus in einen Baum. Zuerst war ich einige Minuten weg. Die ersten Sekunden nach dem Aufwachen waren schlimm. Ich sagte zu mir: «Robert, so geht es nicht weiter. Kämpfe, du musst kämpfen. Robert, du musst jetzt stark sein.» Zum Glück kam ich schnell ins Spital. Wäre es länger gegangen, würde ich heute wohl nicht mehr hier stehen. Meine Lunge war kollabiert, sechs Rippen und das Ende von zwei Wirbeln im Rücken waren gebrochen (überlegt). Es war alles heftig. Zum Glück habe ich mich gut erholt.

Es drohte das Ende Ihrer Karriere. Dachten Sie nie daran?

Nein, so weit dachte ich nicht. Man sagte mir, dass ich mindestens sechs Monate keinen Sport ausüben kann. Nach zweieinhalb Monaten stand ich wieder auf dem Eis. Das war nur möglich, weil ich an mich glaubte, weil ich kämpfte. Ich hatte zuvor einen guten Sommer und mich intensiv auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Rückblickend war es vielleicht ein Glücksfall, dass ich auch an meiner Rückenmuskulatur gearbeitet hatte. Vielleicht hat mich das vor Schlimmerem bewahrt. Das, was ich erlebt habe, hat mich stärker gemacht und mir gezeigt, was ich im Leben will. Es war eine harte Zeit, die mich als Menschen ein grosses Stück weitergebracht hat. Mir ist klar, ich hatte viel Glück. Fast gleichzeitig lernte ich auch meine Frau kennen. Auch sie ist ein Glücksfall. Sie hat mir als Psychologin viel geholfen. Durch sie habe ich mich im mentalen Bereich verbessert.

Hilft Ihnen dies auch auf dem Eis?

Mit Sicherheit. Ich bin gelassener geworden. Das Leben geht weiter. Es gibt Schlimmeres als Niederlagen. Ein Gegentor bringt mich nicht mehr aus der Ruhe.

Viele Sportler mögen über Mentaltraining nicht sprechen. Sie dagegen tun es mit Überzeugung.

Das Mentale ist im Leben sehr, sehr wichtig. Wir alle haben unsere Probleme. Bei mir lief es nach dem Unfall in der letzten Saison lange Zeit nicht so gut. Das beschäftigte mich. Ich will nicht von Depression sprechen, ich wachte aber jeden Morgen unzufrieden auf. Das Ganze wirkte sich negativ aus, beeinträchtigte meine Lebensqualität. Ich war immer müde, fühlte mich schlecht. Ich brauchte viel Energie, um überhaupt ins Training zu gehen. Das hat sich dank dem Mentaltraining geändert. Ich habe wieder Freude, habe wieder Energie. Ich habe auch wieder Ziele in meinem Leben und weiss, was ich will.

Was konkret wollen Sie?

Ich habe ein langes Ziel und verfolge gleichzeitig mehrere kurzfristige Ziele. Sportlich stehen die Olympischen Spiele in drei Jahren zuoberst auf meiner Liste. Dort will ich mit der Schweiz hin, ganz klar. Dafür werde ich alles geben. Bis dann möchte ich auch gerne Schweizer Meister werden und die Weltmeisterschaft bestreiten.

«Diese Chance konnte ich mir nicht entgegen lassen. Der HCD bietet mir die Möglichkeit, alle meine Ziele erreichen zu können.»

Die Heim-WM im nächsten Frühjahr scheint ein realistisches Ziel zu sein, oder?

Ich war im letzten Jahr in der Slowakei an der Weltmeisterschaft und am Wochenende auch beim Zusammenzug im Visp dabei. Ich stand mit Patrick Fischer stets in Kontakt – mehr oder weniger intensiv. Man weiss an einem Turnier nie, was alles passiert. Im Sport kann es sehr schnell gehen. Eines ist klar: Ich möchte im Nationalteam dabei sein – als Nummer 1, 2 oder 3. Darum ist die Heim-WM für mich natürlich das Ziel.

Als Torhüter sind Sie es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Gleichzeitig ist der Weg vom Saulus zum Paulus, vom Matchwinner zum Versager, nicht weit.

So betrachtet man es von aussen. Ich sehe mich als Teil meines Teams. Dieses hat Vertrauen in mich. Gleichzeitig hat es aber auch hohe Erwartungen. Wenn ich einen Fehler mache, sehen das alle. Machen Feldspieler Fehler, können diese die Teamkollegen ausbügeln. Klar, ich habe eine spezielle Aufgabe. Als Torhüter ist das halt immer so. Ich erwarte auch persönlich viel von mir. Wenn ich nicht das erreiche, was ich will, muss ich das schnell abhaken. Dann stecke ich mir sofort das nächste Ziel. Oft ist das die nächste Situation, das nächste Spiel. Natürlich hilft mir die Erfahrung, damit umgehen zu können. Ich bin 30 Jahre alt und weiss, wie es läuft.

Sie spielen seit 2014 für Servette, obwohl Sie in den letzten Jahren verschiedentlich mit anderen Klubs in Verbindung gebracht wurden. Warum kam es jetzt zum Umdenken?

Keine Ahnung, woher all diese Spekulationen kamen. Natürlich war ich zu Beginn der letzten Saison unzufrieden, als ich nach dem Unfall nicht regelmässig gespielt habe. Diese Situation hat es aber gebraucht, um stärker zu werden. Nun ist die Ausgangslage eine neue. Mein Agent Sven Helfenstein hat sich um den Kontakt und die Formalitäten gekümmert. Als er mir vom Interesse des HC Davos erzählte, ging es pronto. Mein Entscheid ist schnell gefallen. Diese Chance konnte ich mir nicht entgegen lassen. Der HCD bietet mir die Möglichkeit, alle meine Ziele erreichen zu können.

Peter Mettler ist neben dem Nationalteam künftig auch im Klub Ihr Torhütertrainer. Ein zusätzlicher Pluspunkt Richtung Olympische Spiele, oder?

Ich freue mich, mit ihm täglich auf dem Eis zu stehen. Bisher habe ich mit ihm aber überhaupt noch nicht über den Transfer gesprochen. Grundsätzlich freue ich mich auf den gesamten Davoser Trainerstab, auf mein neues Team. Es hat viel Talent und Potenziel. Ich kenne schon mehrere neue Teamkollegen. Mit Andres Ambühl spiele ich im Nationalteam. Marc und Dino Wieser kenne ich ebenfalls. Mit Magnus Nygren und Aaron Palushaj bin ich in Hamilton zusammen im Team gestanden.

Sprechen wir zum Schluss über Ihre aktuelle Situation. Der Kanadier Patrick Emond hat auf diese Saison hin bei Servette Chris McSorley als Cheftrainer an der Bande abgelöst. Hat sich für Sie dadurch etwas verändert?

Nicht nur für mich, für uns alle hat sich fast alles verändert. Als Spieler wünschst du dir immer einen Trainer, der auch hinter dir steht, wenn es mit dir nicht gut läuft. Das war mit McSorley nicht der Fall. Die Zeit mit ihm war hart. Es war nicht einfach mit ihm. Weil es mit Servette nicht gut lief, wollte er alles selber machen. Aber zum Glück ist das nun wieder anders. Unter Edmond arbeite ich primär wieder mit dem Goalietrainer Sébastien Beaulieu zusammen.

Am Dienstag geht es mit Servette ausgerechnet gegen Davos.

Das ist natürlich speziell. Grundsätzlich ändert das für mich aber nichts. Ich möchte das Spiel mit meinem Team gewinnen. Ich verfolge mit Servette in dieser Saison klare Ziele. Daran ändert mein Wechsel im Sommer zum HC Davos nichts. Bis zu meinem letzten Spiel werde ich für Servette alles geben.

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