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Kommentar

Grosse Namen oder lieber Spektakel am Spengler Cup?

Gian Andrea
Accola
Sonntag, 30. Dezember 2018, 16:30 Uhr
Metallurg Magnitogorsk bleibt in Davos 2018 für uninspirierte Auftritte in Erinnerung.
KEYSTONE

Metallurg Magnitogorsk. Ein grosser Name im Welteishockey: Zweimaliger Gagarin-Cup-Sieger und Talentschmiede jenseits des Urals. Magnitogorsk hat international renommierte Spieler wie Jewgeni Malkin oder Alexei Kaigorodov hervorgebracht. Das Team begeisterte die Davoser Fans bei ihrer letzten Turnierteilnahme 2005 mit Spielwitz und Offensivdrang.

Am diesjährigen Spengler Cup war davon nichts zu sehen. Der stärkste Offensivspieler des Teams, Sergej Mozyakin, reiste gar nicht erst nach Davos. Er wurde kurz vor dem Turnier zum fünften Mal Vater. In den Gruppenspielen gegen KalPa Kuopio und Oceláři Třinec standen bei Magnitogorsk teils Reservisten auf dem Eis. Und im Viertelfinalspiel gegen die deutlich schwächer eingestuften, jedoch kämpferisch überlegenen Nürnberg Ice Tigers, gelang es den Russen nicht, einen 1:3-Rückstand noch wettzumachen.

Vergebene Chancen

Gelegenheiten dazu hätte es genügend gegeben, darunter zwei ausgedehnte Phasen bei doppelter Überzahl. Man darf erwarten, dass ein Team vom Format Magnitogorsks zumindest eine davon zum Torerfolg nutzt. Doch da ist mehr: Im gesamten Turnier konnten sie nur gerade dreimal über einen Torerfolg jubeln.

Und auch den Augentest bestanden die Russen nicht. Da war keine Leidenschaft zu sehen, kein Kampfgeist. Keine Lust?

Diese Frage stellt sich unweigerlich. Und der Blick zurück zeigt: Metallurg Magnitogorsk ist bei weitem nicht die einzige KHL-Mannschaft, die sich nach dem Spengler Cup mit diesem Vorwurf konfrontiert sieht. Dinamo Riga etwa, Spengler Cup-Teilnehmer im Vorjahr, vermochte ebenso wenig zu überzeugen. Überraschend: Seitdem das Star-Ensemble von SKA St. Petersburg das Team Canada im Final vor acht Jahren mit 8:3 deklassiert hatte, gewann kein einziges KHL-Team mehr den Spengler Cup. Drei KHL-Teams reisten seither sogar heim, ohne eine einzige Partie gewonnen zu haben.

Mildernde Umstände

Die KHL erstreckt sich über neun Zeitzonen zwischen Bratislava in der Slowakei und Wladiwostok an der Pazifikküste. Nicht einmal in der NHL sind die Reisedistanzen der Teams nur annähernd mit jenen von KHL-Teams vergleichbar. Das Beispiel Dinamo Riga aus dem Vorjahr zeigt: ein Team, das nach vier aufeinanderfolgenden Auswärtsspielen in der KHL an den Spengler Cup anreist, hat kaum noch Kraft, um das intensive Turnierprogramm zu meistern. Gleiches gilt natürlich für Metallurg Magnitogorsk, dessen Spieler ihren Jetlag wohl jetzt noch nicht komplett aus den Knochen geschlafen haben dürften. Dass unter diesen Umständen keine Topleistung aufs Eis gebracht werden kann, ist logisch. Dass das Team aber die besten Spieler schont, oder – wenn überhaupt – nur sporadisch einsetzt, ist nicht zu entschuldigen.

Der sportliche Wert des Turniers legitimiert dieses Verhalten allerdings zum Teil. Dass Topmannschaften ihre besten Spieler für die heimische Meisterschaft schonen, wertet den illustren und pittoresk anmutenden Spengler Cup aber sportlich umso mehr ab – aller Tradition zum Trotz.

In letzter Konsequenz steht das OK um Präsident Marc Gianola künftig vor der Frage, ob man das Turnier weiter mit grossen Namen wie jenem von Metallurg Magnitogorsk verkaufen will und dabei in Kauf nimmt, dass diese Teams der zahlenden Klientel einen dürftigen Auftritt abliefern. Oder will man sich künftig mit etwas kleineren Namen begnügen, deren kämpferischen und erfrischenden Auftritte die Zuschauer mitreissen? Auftritte, wie etwa jener der Nürnberg Ice Tigers am diesjährigen Turnier.

Gian Andrea Accola ist Sportredaktor bei Radio Südostschweiz.

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