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Meier: «Ich will jeden Tag besser werden»

Im Alter von 16 Jahren verliess Timo Meier die SCRJ Lakers und die Schweiz, um in Nordamerika seinen Eishockey-Traum zu verwirklichen. Fünf Jahre später steht der Appenzeller als Stürmer der San Jose Sharks bereits vor seiner dritten Saison in der NHL.

Bernhard
Camenisch
Mittwoch, 29. August 2018, 15:00 Uhr Eishockey

Timo Meier ist in der besten Eishockeyliga der Welt angekommen. In der zurückliegenden Saison, seine erste komplette in der NHL, erzielte der 21-jährige Flügelstürmer der San Jose Sharks in der Qualifikation 21 Treffer in 81 Spielen und lieferte 15 Torvorlagen. In 10 Partien der Play-offs kamen nochmals 5 Punkte (2 Tore) dazu. Weil die Sharks in der zweiten Runde ausschieden, reiste Meier nachträglich an die Weltmeisterschaft nach Dänemark. Er kam zu seinen ersten Einsätzen überhaupt im Schweizer A-Nationalteam. Auch dabei überzeugte der Herisauer als produktiver Aggressivleader. Im WM-Final gegen Schweden brachte er die Schweiz zwischenzeitlich mit 2:1 in Führung.

Am Sonntag fliegt Meier zurück nach Kalifornien, wo bald das Trainingscamp der San Jose Sharks startet. Darauf vorbereitet hat er sich unter anderem in mehreren Eistrainings mit den SCRJ Lakers. Das ist jener Klub, für den er 2012/13 im Nachwuchs seine bisher letzte Saison in der Schweiz bestritt. Der höfliche, bodenständige Junge von damals ist Meier geblieben. Starallüren sind ihm fremd. Er weiss aber genau, was es braucht, um sich durchzusetzen – auf und neben dem Eis.

Timo Meier, Sie kehren jedes Jahr im August als Trainingsgast zu den Lakers zurück. Warum?

Ich kenne in dieser Mannschaft viele Spieler. Mit Cedric Hüsler spielte ich noch gemeinsam für die Elite-Junioren der Lakers. Und diejenigen, die neu dazugekommen sind, lernte ich schnell kennen. Das sind super Typen, es macht riesig Spass mit ihnen, und ich fühle mich immer sehr willkommen. Es macht auch Spass, mich in dieser Jahreszeit auf dem Eis mit anderen zu vergleichen. Dies ist zudem hilfreich, weil ich das Off-ice-Sommertraining alleine oder mit meinem Personal Trainer mache.

Gibt es von den San Jose Sharks Trainingsvorgaben für den Sommer?

Ja, die gibt es. Dazu habe ich auch persönliche Ziele fürs Sommertraining. Ich mache das jetzt seit fünf Jahren alleine. Dadurch habe ich meinen Körper gut kennengelernt und weiss, was es braucht, um während der Saison erfolgreich zu sein. Die Grundziele im Sommertraining verändern sich zwar leicht, aber letztlich geht es darum, seine Stärken beizubehalten und die Schwächen zu Stärken machen zu wollen.

In welchem Bereich wollen Sie zulegen?

Ich bin zwar kein langsamer Spieler, aber man kann auf dem Eis nie schnell genug sein. In diesem Fitnessbereich gibt es kein Limit, man kann sich in allen Aspekten verbessern. Es ist immer mein Ziel, dass ich auch in den Dingen, in denen ich gut bin, weiterhin zulege, um mit meinen Stärken herauszustechen.

Jedes Mal, wenn Sie im Sommer zu den Lakers zurückkehren, liegt wieder ein Jahr mit einem gewaltigen Entwicklungsschritt hinter Ihnen. Wie nehmen Sie diesen Prozess selbst wahr?

Sicher fühle ich mich von Jahr zu Jahr etwas besser. Aber die Einstellung ändert sich deswegen nicht, denn ich will jeden Tag besser werden. Deshalb bin ich mit mir selbst nie zufrieden, auch nicht, wenn ich in der letzten Saison 21 Tore geschossen habe. Ich will mehr. Es ist auch wichtig, dass man im Sommer mit dieser Einstellung in den Kraftraum geht. Das Business in der NHL ist so, dass auch andere ihren Platz im Team wollen, sich ebenfalls dem Trainer beweisen wollen. Deshalb kann man sich keinen Tag freinehmen, nie zurücklehnen, ansonsten wird es gefährlich.

Just, als Sie vor zwei Jahren im Trainingscamp der Sharks erstmals um einen Platz in der NHL kämpften, erkrankten Sie am Pfeifferschen Drüsenfieber. Wie gingen Sie mit diesem Rückschlag um?

Rückschläge im Sport, ob durch Verletzungen oder eine solche Krankheit, sind immer eine mentale Prüfung und eine Frage der Persönlichkeit, wie man dies annimmt und sich durchkämpft. Es war meine erste Saison mit grossen Zielen für die NHL, und ich wurde gleich zu Beginn zurückgeworfen. Das war hart, aber als Person machte mich dies besser. Es war ein guter Test für mich, ich konnte viel daraus lernen. Dies prägt auch für später, falls ich wieder mal in eine schwierige Situation geraten sollte.

In der zurückliegenden Saison gelang Ihnen der Durchbruch in der NHL. Wie hat sich Ihr Ansehen in der Garderobe der Sharks dadurch verändert?

Wir haben in unserer Garderobe viele grosse Persönlichkeiten, die viel erreicht haben. Wenn man als junger Spieler dort reinkommt, fängt man unten an, aber unsere erfahrenen Spieler sind sehr respektvoll und sehr hilfsbereit. Man muss sich den Respekt natürlich erarbeiten, und man will sich für die Teamkollegen einsetzen. Mit der gestiegenen Torproduktion habe ich gemerkt, dass ich besser reinkomme. Und mit der steigenden Anzahl an Spielen lernt man die Leute auch neben dem Eis besser kennen und unternimmt mehr miteinander. Ich kann von meinem Mitspielern viel lernen, vor allem auch neben dem Eis, wie sie sich im Privaten verhalten, sich als Person und Familienmensch geben.

Sie sind ein Spielertyp, der dorthin geht, wo es wehtut, auch «schmutzige» Tore erzielt und dem Gegner unter die Haut geht. Damit dürften Sie bei den Teamkollegen gut ankommen.

Mein Ziel ist es immer, der beste Spieler fürs Team zu sein. Ich versuche, alles zu tun, was der Mannschaft helfen kann. Es wird immer geschätzt, wenn man sich in einen Schuss wirft oder die Checks zu Ende führt, um der Mannschaft Energie zu geben. Jeder hat seine Eigenschaften, die er besser macht als andere. Das Entscheidende ist, wie man diese Einzelkomponenten als Puzzleteile für den Teamerfolg zusammensetzt.

Prominenter Gast: Timo Meier von den San Jose Sharks trainiert zurzeit mit den SCRJ-Lakers.
BERNHARD CAMENISCH

Was sind Ihre nächsten Ziele bei den San Jose Sharks, nachdem Sie sich nun etabliert haben?

Ich will eine grössere Rolle übernehmen, in allen Spielsituationen auf dem Eis sein. Dafür braucht es das Ver- trauen des Trainers, und dieses gewinnt man mit kleinen Dingen wie gutem Verhalten in der Defensivzone. Das Toreschiessen ergibt sich durch die harte Arbeit auf dem Eis. Harte Arbeit wird immer belohnt.

Sie gehen in die letzte Saison ihres dreijährigen NHL-Einstiegsvertrages. Haben Sie dies im Hinterkopf?

Im Hinterkopf sicher, aber ich versuche, mir nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, denn das ist hinderlich. Ich will mich auf die bevorstehende Saison konzentrieren und so gut wie möglich spielen. Wenn ich meine Leistung bringe, ich hart arbeite und dem Team helfe, erfolgreich zu sein, wird dies vom General Manager und den anderen Entscheidungsträgern geschätzt. Und entsprechend werde ich einen guten Vertrag erhalten. Ich habe es in den eigenen Händen.

Sie werden Restricted Free Agent. Das heisst, die San Jose Sharks werden Ihnen – sofern Sie nicht getradet werden – ein Angebot machen. Gab es schon Gespräche über die Laufzeit Ihres künftigen Vertrags?

Noch gar nicht. Wir (das schliesst die Agentur «4sports», die Meier vertritt, mit ein, die Red.) warten, bis die Sharks auf uns zukommen. Wir gehen davon aus, dass dies erst nach der Saison der Fall sein wird.

Erhielten Sie von Ihrer NHL-Organisation ein Feedback auf ihre WM-Leistungen?

Abgesehen von Gratulationen von Teamkollegen nicht. Die Weltmeisterschaft ist in Nordamerika halt nicht so präsent wie hierzulande. Der Stanley Cup steht im Vordergrund, und dies ist auch das grosse Ziel, das wir mit den Sharks erreichen wollen. Für mich ist die WM aber natürlich eine super Erinnerung.

Wie oft denken Sie noch an den 20. Mai und den nach Penaltyschiessen verlorenen WM-Final gegen Schweden?

Eigentlich nicht mehr oft. Das gehört der Vergangenheit an und ist eine schöne Erinnerung – oder auf den WM-Final bezogen eben nicht schön. Aber die WM als Ganzes war eine coole Erfahrung. Natürlich ist es schade, dass wir nur die Silbermedaille holen konnten, aber dies gibt den Reiz, um als Schweizer Nationalteam auf die Goldmedaille hinzuarbeiten. Und wenn es für mich wieder eine Gelegenheit gibt, mit der Nati an eine WM zu gehen, ist das Ziel klar. Der Hunger auf Gold ist durch diese Silbermedaille nur noch weiter gestiegen.

Eine solche Aussage voller Selbstvertrauen ist typisch für Sie. Hatten Sie diese Überzeugung in die eigenen Fähigkeiten schon immer?

Dass ich mit 16 Jahren nach Kanada ging, hat geholfen, zu sehen, was es braucht. Dazu gehört auch Persönlichkeit, und Selbstvertrauen ist ein Teil davon. Man darf mit einem gewissen Stolz auftreten. Ich denke, wir Schweizer sind manchmal etwas zu wenig überzeugt von uns selbst. Wichtig ist, dass man den Mix findet von Bodenständigkeit und Selbstvertrauen. Denn es ist ein Unterschied, ob man Selbstvertrauen oder Arroganz ausstrahlt. Das lernt man in Nordamerika.

Wird in der NHL ein Spieler auf den Boden geholt, wenn er im Begriff ist, überheblich zu werden?

Auf jeden Fall. In unserem Team geht das nicht mal vom Trainer aus, dafür sorgen die Teamkollegen. Das ist wirklich cool. Das ist eine ehrliche Kommunikation untereinander.

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