«Eine gute Vorbereitung ist das A und O»
DZ: Walter Kistler, was müssen Veranstalter mitbringen, damit Sie als medizinischer Fachmann am Ende zufrieden sein können?
Walter Kistler: Grundsätzlich muss ein Veranstalter immer zeigen, dass er es mit der Planung und Einhaltung von Sicherheitsmassnahmen ernst meint. Die Organisatoren befinden sich oftmals in einem Zwiespalt: Einerseits soll ein cooler Event mit einem tollen Rahmenprogramm auf die Beine gestellt werden. Andererseits sind die Veranstalter je nach Risiko und Art eines Anlasses verpflichtet, eine medizinische Grundbetreuung bei Notfällen bereitzuhalten. Dieser Spagat ist für viele unabdingbar, aber lästig. Dabei spielt aber auch die Grösse eines Anlasses eine Rolle: Eine Hüpfburg beispielsweise braucht sicher weniger Sicherheitsmassnahmen als ein Skirennen. Wir sind aber auch beratend tätig. Es gibt national gültige Grundlagen, die gewisse Punkte abdecken und Fragen zur Sicherheit beantworten. Und es gibt Konzepte, bei denen Davoser Events als Vorlagen gedient haben.
Wofür sind Sie jeweils zuständig?
Wir sind jeweils mit mehreren Fachkräften aus dem Spital Davos vor Ort und betreuen die Sanitätsposten. Oft besteht unsere Arbeit zwar nur aus Warten, trotzdem müssen wir stets bereit sein, um bei einem Extremfall schnell eingreifen zu können. Wenn nichts passiert, sind am Ende sowohl die Veranstalter als auch wir happy.
Worauf kommt es bei einem Wettkampf an, damit die Teilnahme nicht zum Risiko wird?
Das Gesündeste an der sportlichen Betätigung ist die Vorbereitung auf Wettkämpfe und Herausforderungen. Während eines Wettkampfs selbst besteht ein gewisses Gesundheitsrisiko, vor allem bei älteren Breitensportlerinnen und -sportlern. Aber auch die Spitzensportler gehen gerne an ihre Grenzen – und manchmal darüber hinaus. Für uns ist es daher wichtig, dass alles im Rahmen des Vernünftigen bleibt. Wir bedingen uns jeweils ein Mitspracherecht aus, damit beispielsweise bei Extrem-Ereignissen wie Gewittern rasch reagiert werden kann.
Welche Herausforderungen warten denn auf Organisatoren, wenn solche Extrem-Ereignisse eintreten?
Das Wetter ist zum Beispiel immer ein wichtiges Thema. Die Veranstalter sollten immer einen Plan B bereit haben, oder sie müssen auch mal den Mut haben, einen Wettkampf zu stoppen respektive abzusagen, wenn es nicht anders geht. Die Organisatoren des Challenge Davos Festivals etwa mussten ihren Wettbewerb kurz nach dem Start abbrechen, weil es auf dem Flüelapass gewitterte. Die Events finden nun halt einmal draussen statt.
Inwiefern können Sie als erfahrener Mediziner Veranstaltern helfen?
Wir sind vor allem bei der Beurteilung von Sicherheitskonzepten gefragt. Es stellt sich beispielsweise die Frage nach Rettungsachsen und Durchgängen für die Feuerwehr. Dabei müssen wir systematisch, aber auch verhältnismässig und pragmatisch vorgehen. Manchmal gibt es dabei Meinungsverschiedenheiten, aber ein funktionierendes Sicherheitskonzept kommt auch den Veranstaltern zugut. Im Endeffekt sind sie dann immer froh, wenn sie Teilnehmenden und Zuschauerschaft einen tollen und sicheren Event bieten konnten.
Sie waren schon oft im Einsatz. Welches Ereignis ist Ihnen am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?
Am Gigathlon in Aarau mussten wir mal einen Läufer reanimieren. Der war so nass geschwitzt, dass wir zunächst die Pads nicht anbringen konnten. Ich musste also kurzerhand mein T-Shirt ausziehen und den Patienten damit abtrocknen. Zum Glück konnten wir den Läufer aber wieder ins Leben zurückholen und es ist schliesslich alles wieder gut gekommen. Und am Irontrail hatte es einmal nicht nur gewittert, sondern an den höchsten Punkten sogar geschneit. Die Leute kamen teilweise völlig unterkühlt an den Posten an, und wir mussten sie an verschiedenen Orten evakuieren. Danach wurde der Wettkampf abgebrochen. Bisher hatte ich glücklicherweise noch keinen Todesfall zu beklagen.
Es gibt ja aber sicher auch noch erfreulichere Anekdoten zu erzählen?
Es kam immer wieder zu amüsanten Szenen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Personen, die Hilfe brauchen, diese gar nicht so gerne annehmen. Wenn sie dann aber merken, dass es nur zu ihrem Besten ist, werden sie viel umgänglicher. Einmal hatte ich – ebenfalls während des Gigathlons – einen Mountainbiker, der das Rennen mit ausgekugelter Schulter fortsetzte.
Und einem Inline-Skater mit einer Risswunde habe ich gesagt, er solle bis ins Ziel fahren, dort würde ich seine Verletzung nähen. Dies haben wir dann so gemacht, und der Athlet war happy. Und zu guter Letzt betreute ich am Spengler Cup ein tschechisches Team. Bei einem Spieler herrschte Verdacht auf eine Gehirnerschütterung. Um dies zu überprüfen, sagte ich ihm, er solle von 100 immer um 7 zurückzählen – worauf der Trainer meinte, dass der Spieler dies auch im «normalen» Zustand nicht könne.
Wann sprechen Sie aus Ihrer Sicht von einem optimal gelungenen Anlass?
Wenn die Teamarbeit professionell ohne grosse Hektik abgelaufen ist, bin ich schon zufrieden. Dabei kommt es nicht darauf an, ob nichts passiert ist. Ich bin auch froh, wenn ich höre, dass alles gut ausgegangen ist, wenn wir einen Teilnehmer oder eine Teilnehmerin ins Spital einweisen mussten.
Nächstens finden mit Cross-Triathlon Davos (23. und 24. Juli) sowie «Davos X-Trails» zwei Grossanlässe statt. Welche Tipps haben Sie für die Startenden parat?
Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Man sollte sich mit den Verhältnissen auseinandersetzen, sich nicht überschätzen und vernünftig bleiben, auch wenn die innere Stimme eine mögliche neue Bestzeit wittert.
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