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Kristoffs Spruch hat sich als Prophezeiung entpuppt

In der Kolumne «Insight» gewähren Spitzensportler aus dem Verbreitungsgebiet der «Linth-Zeitung» Einblick in ihr Leben. In dieser Folge erzählt Radprofi Tom Bohli vom UAE Team Emirates, wie er die Zwangsrennpause wegen des Coronavirus verbringt.

Linth-Zeitung
Donnerstag, 02. April 2020, 22:34 Uhr Insight
Tom Bohli schwitzt beim virtuellen Training mit den Teamkollegen auf der Rolle.
BILD ZVG

eine Kolumne von Tom Bohli*

Derzeit bin ich in Belgien, wo ich eigentlich eine gut strukturierte Vorbereitungszeit für die Klassiker-Saison verbringen wollte. Täglich habe ich die kleinen Strässchen und Pavé-Sektoren in der Umgebung rekognosziert und mich mit dem belgischen Frühjahrswetter vertraut gemacht.

Die Rennen an der Wärme, mit denen wir auch dieses Jahr in die Saison starteten, waren für unser Team sehr erfolgreich. Wir konnten zum ersten Mal an die Tabellenspitze im Welt-Strassenradsport aufsteigen. Als siegreichstes Team bis zu jenem Zeitpunkt waren wir Ende Februar alle gut vorbereitet und mit dem nötigen Selbstbewusstsein für die Klassiker nach Belgien gekommen.

Aber auch die besten Voraussetzungen sind nicht immer ein Garant für Erfolg. Wir hatten am Omloop-Het-Nieuwsblad mit Regen und Temperaturen von maximal sechs Grad und auch immer wieder aufkommendem Hagel zu kämpfen. Unser Leader in diesem Rennen, Alexander Kristoff, hatte den ganzen Tag über mit kleinen Rückschlägen und Pech zu kämpfen. Die belgischen Klassiker sind allgemein dafür bekannt, kurze Schwächemomente und technische Defekte mit aller Härte zu bestrafen. Wir gaben unser Bestes, konnten aber Alexander nicht mehr rechtzeitig zurück in Position bringen, bevor der Wind das Rennen anheizte. Nach einem harten Tag auf dem Rad, der trotz aller Bemühungen und harter Arbeit erfolglos blieb, sassen die Enttäuschung und der Frust tief.

«Kontakt mit meinen Teamkollegen habe ich noch immer täglich, wie auch mit meiner Familie in der Schweiz, womit ich einen groben Überblick über die jeweilige Lage vor Ort erhalte. »

Auch Profis lamentieren manchmal über Pech und das Wetter. Die scherzhaft gemeinte Aussage Kristoffs am Abend nach dem Omloop-Het-Nieuwsblad aber sollte mehr Wahrheitsgehalt haben, als wir zunächst vermutet hätten. Er meinte am Tisch nämlich, dass wir alle das Rennen am nächsten Tag besser geniessen sollten, da es das letzte für eine lange Zeit werden könnte.

Heute, etwas mehr als einen Monat später, bin ich immer noch in Belgien. Mittlerweile haben schon viele Staaten in Europa die sehr drastischen Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus umgesetzt und die Grenzen geschlossen. Kontakt mit meinen Teamkollegen habe ich noch immer täglich, wie auch mit meiner Familie in der Schweiz, womit ich einen groben Überblick über die jeweilige Lage vor Ort erhalte. Viele können nur noch in den eigenen vier Wänden trainieren, da in ihrer Region eine Ausgangssperre herrscht.

Unterstützung erhalten wir vom UAE Team Emirates, indem wir uns «gemeinsam» online zu virtuellen Trainings verabreden. Wie das bei mir aussieht, zeigt das Bild. Social Distancing macht sich bei mir insofern bemerkbar, dass ich so regelmässig Kontakt mit meiner Familie und Freunden habe, wie schon lange nicht mehr. Man macht sich zwar Sorgen, aber der tägliche Anruf mit den Eltern und Grosseltern nimmt einem die gröbsten.

Da ich mich zum Zeitpunkt des Lockdowns in Belgien befand, habe ich mich mit einem längeren Aufenthalt arrangiert. Selbst wenn ich könnte, möchte im Moment keine lange Reise in die Schweiz antreten und somit mein Umfeld einer möglichen Gefahr aussetzen. Denn die Situation in Belgien ist bemerkenswert entspannt und das Training auf den Strassen ist noch problemlos möglich. Ein Lichtblick in der derzeitigen Situation ist für mich: Man hat nun Zeit für längst überfällige Dinge und Arbeiten.

* Tom Bohli (26) ist ein Radprofi aus Rieden. Seit der Saison 2019 fährt der ehemalige Bahn- Junioren-Weltmeister für UAE Team Emirates. Dieses ist eines von nur 19 World-Tour-Teams.

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