Von der Lehrerin zum Model
von Lea Sofia Hefti
Es ist kühl an diesem Nachmittag in Zürich. Beim Treffpunkt am Hauptbahnhof warte ich neben vielen weiteren verabredeten Menschen auf mein Date. Dann erspähe ich in der Menge eine junge Frau mit unglaublich langen blonden Haaren, die mit schnellen Schritten und einem breiten Lächeln auf mich zukommt. Es ist Melanie Seitz.
Täglich postet sie Fotos von Shootings auf ihrem Instagram- und Facebook-Profil. Häufig sind es sehr sinnliche Bilder, manchmal sportlich und fast immer stossen sie bei ihren 1600 Followern auf viel Begeisterung.
Seitz und ich kennen uns von früher â ganz früher. Nun will ich wissen, wie es ihr in der Zwischenzeit ergangen ist. «Wollen wir zu mir gehen?», fragt sie mich direkt, «da können wir uns in Ruhe unterhalten.» Nur eine kurze Tramfahrt später betreten wir ihr modernes 1-Zimmer-Studio in Oerlikon. Es ist sehr hell und mädchenhaft. Inmitten des grossen Raumes steht ein weisses, flauschiges Sofa, daneben ein langer Esstisch. Ein liebevoll mit Bildern und allerhand Dekoration bestücktes Regal trennt den Schlafbereich ab. Seitz zieht ihren mahagonifarbenen Mantel und die schwarzen Stiefeletten am Eingang aus. Dann schaltet sie die Kaffeemaschine auf der Küchenzeile ein, nimmt am Esstisch Platz und beginnt direkt zu erzählen.
Unerwarteter Einstieg
«Hier wohne ich seit knapp zwei Jahren», erzählt Seitz. Sie sei damals nach dem Studium von Flims nach Zürich gezogen, um hier an einer Privatschule zu unterrichten. Das habe ihr anfangs auch ganz gut gefallen. Schliesslich sei schon immer klar gewesen, dass sie später mal etwas mit Menschen â etwas Soziales, wie man so schön sagt â machen wolle. «Obwohl ich Spass am Unterrichten hatte, merkte ich ziemlich schnell, dass mir etwas fehlte», erzählt die junge Frau weiter. «Ich hatte einfach nicht das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.» Ihren Ausgleich findet Seitz woanders â bei Hostessen-Jobs.
Schon während ihres Studiums hatte sie gemeinsam mit Freundinnen viele solcher Aufträge angenommen, um ein wenig Geld zu verdienen. Das bedeutete, sich chic machen, lächeln, sich mit vielen Leuten unterhalten und an den verschiedensten Orten in der ganzen Schweiz Produkte zu präsentieren. «Auch als ich dann mein Gehalt als Lehrerin bekam, habe ich ab und zu solche Jobs angenommen, weil ich einfach Freude daran hatte», so Seitz. Sie habe aber keinesfalls geahnt, dass sie damit den Grundstein für ihre Modelkarriere legen würde.
Den Mut gefunden
Seitz steht auf und brüht frischen Kaffee. Die Küchenzeile ist aufgeräumt, nur eine Packung Pasta, ein paar Kräuter und Tomaten liegen neben der Spüle. «Ich koche heute Abend für meine Freunde», erzählt sie freudig. Mit der bunten Tasse in der Hand setzt sie sich sogleich wieder hin und berichtet weiter. «Bei diesen Hostessen-Aufträgen kam es zwar schon das eine oder andere Mal vor, dass mich jemand ansprach, ob ich es denn nicht mal als Model versuchen wolle», so Seitz, getraut habe sie sich aber nie. Bis ihr eines Tages der Job für eine Präsentation im «Diesel»-Showroom in Zürich angeboten wurde.
«Das war sozusagen mein erster richtiger Model-Job.» Nach jener Präsentation habe man ihr dann erneut ans Herz gelegt, sich doch endlich mal bei einer Modelagentur vorzustellen. Diesmal beschloss sie, es zu versuchen. «Ich hatte solche Angst, denn es braucht ganz schön viel Mut mit Mitte 20 da reinzumarschieren», lacht Seitz. Zudem sei sie ja mit einer Körpergrösse von 1,72 Metern eigentlich auch zu klein. Es klappte zwar nicht auf Anhieb mit einem Vertrag, doch zu ihrer eigenen Ãberraschung war bereits die dritte Agentur daran interessiert, sie in ihr Portfolio aufzunehmen. «Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für ein tolles Gefühl war», so die junge Bündnerin. Für sie sei in diesem Moment wirklich ein grosser Traum wahr geworden.
Zwei Leben
Unter der Woche war Seitz weiter als Primarlehrerin tätig, am Wochenende schlüpfte sie immer häufiger in ganz andere Rollen. Damals, so sagt sie heute, habe sie schnell gesehen, dass sie mit ihrer sportlichen Figur und weiblichen Rundungen durchaus ein gefragter Typ war. Auch ihre Körpergrösse sei bei Foto-Shootings kaum je ein Hindernis gewesen. Mit der Zahl der Aufträge wuchs der Ehrgeiz, und Seitz begann, immer mehr Energie in ihren Nebenjob zu stecken. Bis sie eines Tages beschloss, ihre Stelle als Primarlehrerin aufzugeben und das Modeln zu forcieren.
«Mein Gedanke war: Jetzt oder nie», sagt Seitz. «Ich war nicht happy mit dem Job und hatte sowieso bereits beschlossen, noch ein Studium anzuhängen.» Studieren und Modeln würden gut nebeneinander funktionieren, da sei sie sich sicher gewesen. So kündigte Seitz nach einem Jahr die gut bezahlte Lehrer-Anstellung und begann ihr Masterstudium in Erziehungswissenschaften. «Natürlich kostete es mich Ãberwindung, auf ein regelmässiges Gehalt zu verzichten, aber ich vertraute darauf, dass es schon irgendwie klappen würde.»
In dieser Zeit habe sie sehr viel Unterstützung von ihrem Partner und ihren Freunden erfahren. «Als Model muss man heutzutage sehr präsent auf sozialen Netzwerken sein und es erfordert besonders am Anfang Mut, sich so zu zeigen», erzählt Seitz. Mut, den ihr auch ihre Eltern gaben, indem sie immer hinter ihr standen. Ihr Einsatz wurde belohnt, denn mittlerweile hatte sie Jobs für namhafte Marken wie Beach Mountain, Freitag Taschen, Wolford und Marco Polo und war auch schon in der Zeitschrift «Maxim» zu sehen.
Einmalige Erinnerungsstücke
Trotz grosser Träume hat, macht sie sich keine Illusionen. «Im Modeln liegt nicht meine Zukunft, das mache ich einfach, solange ich kann.» Im Moment laufe es aber sehr gut und sie geniesse das. «Diese spannende Zeit, die Erfahrungen und die tollen Fotos, die ich dabei bekomme, kann mir keiner nehmen.» Seitz steht auf und holt einen dicken Ordner aus dem Einbauschrank. Sie schmunzelt und gesteht, dass sie ein kleiner Organisationsfreak sei. «Ich habe alles schön nach Datum sortiert und abgelegt.» Vielleicht könne sie das ja alles irgendwann einmal ihren Kindern oder Enkeln zeigen. Sie blättert ein wenig durch die vielen Seiten, hält bei dem einen oder anderen Bild kurz inne. Dann klappt die junge Frau den Ordner zu und umklammert ihn mit beiden Händen. «Das sind einmalige Erinnerungsstücke und ich hoffe, es kommen noch einige dazu.»
Hier ein Einblick in den Modelalltag von Melanie Seitz
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