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Zum 50. Todestag des Retters gibts eine Premiere

Das Leben des ehemaligen St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger bewegt bis heute. 50 Jahre nach seinem Tod finden erstmals «Paul Grüninger Tage» statt, mit diversen Gedenkanlässen.

Agentur
sda
16.02.22 - 21:12 Uhr
Politik
St. Galler Weltgeschichte: Zum 50. Todestag von Flüchtlingsretter Paul Grüninger soll der jungen Generation sein Wirken im Zweiten Weltkrieg näher gebracht werden.
St. Galler Weltgeschichte: Zum 50. Todestag von Flüchtlingsretter Paul Grüninger soll der jungen Generation sein Wirken im Zweiten Weltkrieg näher gebracht werden.
Bild Keystone

Der Name Paul Grüninger stehe heute beispielhaft für Mut und Menschlichkeit, heisst es in der Ankündigung zu den «Paul Grüninger Tagen». Der Staat Israel hat ihn als «Gerechter unter den Völkern» ausgezeichnet.

Erst nach seinem Tod wurde Paul Grüninger (1891–1972) gegen den Widerstand der St. Galler Regierung politisch wie auch juristisch rehabilitiert. Vom Fussballstadion bis zum Schulhaus erinnern zahlreiche Orte in der Region St. Gallen und rund um die Welt an seine historischen Taten.

St. Galler Weltgeschichte

Seine Nachkommen haben mit der Entschädigung eine Stiftung gegründet, die mit einem Preis Menschen würdigt, die heute im Sinne von Grüninger handeln. Aus Anlass seines 50. Todestages finden in St. Gallen erstmals die «Paul Grüninger Tage» statt. «Sie sollen gerade einer jüngeren Generation die Gelegenheit bieten, sich mit dieser St. Galler Weltgeschichte zu beschäftigen», heisst es in der Mitteilung des Paul-Grüninger-Stiftungsrats.

In der Kantonsschule St. Gallen schauen am Dienstag, 22. Februar, rund 160 Schülerinnen und Schüler den Film «Grüningers Fall» von Richard Dindo (1997) an. Vertreter der Stiftung geben danach Auskunft auf Fragen und stehen für Workshop-Gespräche zur Verfügung. Am Abend diskutieren an einem Podium im Kulturlokal Palace unter anderen SP-Ständerat Paul Rechsteiner und Historiker Stefan Keller, Autor des Buchs «Grüningers Fall».

Im St. Galler Alternativkino Kinok wird am Donnerstag, 24. Februar, Dindos Film öffentlich gezeigt. Im Porträt kommen Paul Grüningers kürzlich in St. Gallenkappel verstorbene Tochter Ruth Roduner sowie zahlreiche Gerettete und Weggefährten von ihm zu Wort. Der Film wurde in jenem Saal des St. Galler Gerichts gedreht, in dem Grüninger im Oktober 1940 der Prozess gemacht worden war.

Entlassen und verurteilt

Luca Corsini, ein im Kanton Bern lebender Ururenkel von Grüninger, hat «Das Leben eines Helden – Paul Grüninger» in eine Schularbeit verpackt. Der 16-Jährige erzählt darin das Leben seines 1972 an einem Hirnschlag verstorbenen Ururgrossvaters nach.

Hauptmann Paul Grüninger rettete in den Jahren 1938 und 1939 mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung. Trotz schweizerischer Grenzsperre nahm der Polizeikommandant sie im Kanton St. Gallen auf, missachtete die Weisungen des Bundes und übertrat auch Gesetze, um die Flüchtlinge zu schützen.

1939 wurde er von der St. Galler Regierung fristlos entlassen. Ein Jahr später verurteilte ihn das Bezirksgericht St. Gallen wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung. Nach seiner Entlassung zog er mit seiner Frau 1944 zurück nach Au, wo er einst als junger Lehrer gewohnt hatte. Bis zu seinem Tod lebte er dort in Armut.

Auf Spurensuche

Seit Oktober 2005 erinnert auch die Gemeinde im St. Galler Rheintal an den Flüchtlingsretter. Am Haus Kirchweg 4, in dem die Grüningers gewohnt hatten, liess die Gemeinde eine Gedenktafel anbringen.

Im vergangenen Frühling machte sich der Ururenkel Luca Corsini in der Ostschweiz auf Spurensuche, unter anderem im Paul-Grüninger-Stadion im St. Galler Krontal. Paul Grüninger gewann 1951 mit dem SC Brühl den einzigen Schweizer Meistertitel, ausserdem war er zweimal Präsident des Fussballvereins. 1938 trat er zurück, denn er befürchtete, seine Verurteilung könnte dem Verein schaden.

«Ich frage mich, ob es einem Paul Grüninger in der heutigen Zeit besser ergehen würde», schreibt der Teenager am Schluss seiner Arbeit. Sein Fazit: «Wahrscheinlich würden die Behörden aber genau gleich oder noch schlechter mit ihm verfahren.» (sda)

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