Im Gedenken an Gertrud Rudolf
Gertrud Rudolf war eine Glarner Politik-Pionierin. Gegen viele Widerstände kämpfte die SP-Frau für mehr Gerechtigkeit im Kanton.
Gertrud Rudolf war eine Glarner Politik-Pionierin. Gegen viele Widerstände kämpfte die SP-Frau für mehr Gerechtigkeit im Kanton.
von Paul Kölliker *
Krieg war für Gertrud Rudolf kein abstrakter Begriff. Für sie bedeutete Krieg Leiden, Entbehrung, Tränen, Hunger und Armut. Als Tochter eines deutschen Vaters und einer Schweizer Mutter musste sie das gleiche Leid wie viele andere Kinder in Deutschland erfahren, deren Väter in den Krieg ziehen mussten. Sie war gerade neuneinhalb Jahre alt, als ihr Vater, den sie kaum kannte und an Ostern 1944 letztmals sah, bei einem Bombenangriff im Herbst 1944 im fernen Osten Deutschlands, unweit der polnischen Grenze, getötet wurde.
Von Karl Marx soll das Zitat «Der Mensch ist ein Produkt seiner Umwelt» stammen. Bei Gertrud könnte das zutreffen, und man kann wohl sagen, dass sie von dem, was sie als Kind während des Krieges und nach dem Krieg erlebt hat, geprägt wurde. Einmal erzählte sie – das tat sie nicht oft –, dass die Jahre nach dem Krieg hart waren, härter als die Jahre während des Krieges. Dies galt nicht nur für sie, sondern auch für ihre Mutter, die als Kriegswitwe vier Kinder grossziehen musste. Mit ihrem Vater, einem begabten Handwerker, wäre das alles anders gewesen, aber eben: Er kam bei einem Bombenangriff im Herbst 1944 zu Tode.
Mutter Ehnes verlor mit ihrer Heirat das Schweizer Bürgerrecht. Als Kriegswitwe konnte sie sich «rückeinbürgern» lassen, was sie 1957 auch tat. Gertrud war 1955 schon durch Heirat Schweizerin geworden. Der ältere der beiden noch lebenden jüngeren Brüder, Peter, war schon volljährig und blieb Deutscher. Der jüngere der beiden Brüder, Paul, war noch nicht volljährig und wurde zusammen mit seiner Mutter Schweizer.
Noch in Deutschland, zwar nahe an der Schweizer Grenze, beginnt Gertrud eine Berufsausbildung als Kaufmannsgehilfin. In dieser Zeit lernte sie im August 1951 ihren späteren Ehemann Walter kennen. Vier Jahre später wurde geheiratet.
Gertrud war 26-jährig, als sie im Spätherbst 1960 vom Zürcher Oberland kommend, Bekanntschaft mit dem Glarnerland machte. Erstmals stand sie vor diesen tristen, furchteinflössenden Wänden des Wiggis und dem alles dominierenden Koloss Glärnisch, der oben alles Regenwasser aufsaugt und dieses dann unten als sauberes Quellwasser freigibt. Ihr Mann Walter fand eine Arbeitsstelle als Elektriker, und die junge Familie entschloss sich, mit ihren beiden Kindern, ein weiteres Kind kam später noch dazu, in Glarus Wohnsitz zu nehmen. Damals hatte sie wohl kaum gedacht, dass sie hier ihre letzte Ruhestätte finden würde; hier, wo sie drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn grosszog und Ehemann Walter ihr im Tod vorausgegangen war.
Genossin Gertrud Rudolf war ein Urgestein der SP-Glarus. Keine Frau war länger Mitglied «ihrer» Partei, der SP Glarus. Mit einem Schreiben Anfang September 1969 wandten sich Gertrud und Walter Rudolf an das Zentralsekretariat der SP Schweiz in Bern, worin sie den Wunsch äusserten, Mitglieder der Partei zu werden, was in der Folge auch sofort geschah. Ihre politische Arbeit in Glarus begann mit der Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts an der Landsgemeinde vom 2. Mai 1971. An dieser Landsgemeinde wurde der sozialdemokratische Antrag auf Einführung des Frauenstimmrechts angenommen und mit sofortiger Wirkung (Antrag Kindlimann) in Kraft gesetzt. An der Formulierung des Memorialsantrages hatten Gertrud Rudolf und Christina Schmidlin aktiv mitgewirkt. Die Einführung des Frauenstimmrechtes auf kantonaler Ebene hatte zur Folge, dass Frauen bereits für die anstehende Landratswahl vom Juni 1971 kandidieren konnten. Dass Gertrud kandidierte, war nur logisch und konsequent, brauchte aber als Zugewanderte, obwohl schon mehr als zehn Jahre im Kanton wohnhaft, auch eine rechte Portion Mut. Und den hatte sie. Für 74 Landratssitze zählte man 207 Kandidierende, davon neun Frauen. Keine wurde gewählt.
Danach wurde es um Gertrud Rudolf für einige Jahre still, denn sie setzte andere Prioritäten, zum Beispiel Familie oder Weiterbildung. Sie war aber weiterhin in der Partei aktiv, unter anderem als Parteisekretärin. 14 Jahre später findet man sie wieder auf der SP-Landratsliste. Man konnte sie als «Listenfüller» gewinnen, und sie erzielte auf Anhieb das beste Wahlresultat der Nichtgewählten. Damit war vorgegeben, dass sie bei der nächsten SP-Vakanz – die sollte bereits im folgenden Jahr eintreten – in den Landrat nachrückte. Sie war die erste Landrätin des Wahlkreises Glarus-Riedern und blieb Mitglied des Landrates bis zu ihrem Rücktritt 2002.
Ein neues Kapitel öffnete sich für sie mit ihrer Wahl in den Gemeinderat Glarus. War sie nun die erste Gemeinderätin der Stadt Glarus oder die erste Stadträtin der Gemeinde Glarus? Ihr war das egal. Hauptsache für sie war, dass sie einen Sitz für die SP erringen konnte. Ihre stets guten Wahlresultate bereiteten in dem von Männern dominierten Polit-Umfeld nicht bei allen eitel Freude. Plötzlich war sie nicht mehr nur eine Kandidatin beziehungsweise «Listenfüllerin», sondern eine Konkurrentin. Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet, und es machte ihr auch zu schaffen.
Gertrud war eigentlich eine atypische Politikerin. Auch sie blieb vor Intrigen nicht verschont. Ein Zitat des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, «Was mich nicht umbringt, macht mich stark», kam ihr sehr nahe. Sie liess sich nicht unterkriegen, sondern setzte sich durch. Im Gemeinderat wurde sie von Beginn weg akzeptiert. So wählte man sie in die einflussreiche Finanzkommission, dem Schlüsselresort des Gemeinderates. Dies nicht zuletzt, weil sie als Mitarbeiterin des Chefs der kantonalen Finanzkontrolle gute Kenntnisse im Finanzwesen mitbrachte.
Sie war auch in anderer Hinsicht eine atypische Politikerin. Gertrud konnte etwas, was viele Politiker und Politikerinnen nicht können. Sie konnte zuhören und sie hat sich nie in den Vordergrund gedrängt. Mit ihrer ruhigen und ausgleichenden Art hat sie im Gemeinderat mehr erreicht, als viele andere je erreicht haben. Auch als Mitgründerin und Präsidentin der Glarner Gruppe von Amnesty International setzte sich kompromisslos für die Unterdrückten und Schwächsten in aller Welt ein.
Gertrud Rudolf stand mir auch als Mensch sehr nahe, und ich hatte vor ihr hohe Achtung. Vieles von dem, was sie im Zweiten Weltkrieg und nach dessen Ende erlebt hat, kenne ich aus den Erzählungen meines Vaters, der als Auslandschweizer während des Ersten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren in Österreich aufgewachsen war. Ein weiteres Motto von ihr war ein «lebenslanges Lernen». Es schmerzte sie, dass sie keine höhere Ausbildung machen konnte, obwohl zweifelsfrei die Fähigkeiten dazu vorhanden waren. In den 1960er-Jahren besuchte sie die vom kantonalen Gewerkschaftskartell organisierten Vortragszyklen mit 14 unterschiedlichen Themen rege. Während Jahren besuchte sie auch Vorlesungen der Volkshochschule in Zürich und Vorträge in Glarus. Eine Vorliebe hatte sie für Literatur, und sie war eine Leseratte durch und durch. Den Spitznamen «die Eulenfrau» hat man ihr nicht umsonst gegeben. Praktisch alle grossen Klassiker der deutschen Literatur kannte sie und noch viel mehr.
Am 22. April ist Gertrud Rudolf jenen Weg gegangen, den man nie wieder kommt. Wir zollen ihr Hochachtung für alles, was sie als Frau, Politikerin und Sozialistin geleistet hat. Ihre Toleranz und leise Philosophie des Glaubens an das Gute im Menschen und ihr unerschütterlicher Wille, dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen, soll uns allen ein eindrückliches Beispiel sein. Dafür danken wir dir, liebe Gertrud.
*Paul Kölliker war mit Parteikollegin Gertrud Rudolf im Gemeinderat Glarus.
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