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Eine Feier für 50 Jahre Frauenstimmrecht in Graubünden

Am 5. März 1972 entschieden die Männer in Graubünden, die Frauen auf politischer Ebene auch mitbestimmen zu lassen – ein Jahr nach demselben Beschluss auf nationaler Ebene. Chur feiert das Jubiläum.

Südostschweiz
02.03.22 - 04:30 Uhr
Politik
Ein Grund zum Feiern: Seit 50 Jahren können sich Bündnerinnen auch auf politischer Ebene aktiv beteiligen.
Ein Grund zum Feiern: Seit 50 Jahren können sich Bündnerinnen auch auf politischer Ebene aktiv beteiligen.
Bild Olivia Aebli-Item

Ein Jahr, nachdem das Frauenstimmrecht in der Schweiz auf nationaler Ebene eingeführt worden war, war es auch in Graubünden soweit: Am 5. März 1972 sagten die Bündner Männer Ja zum Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene. Damit war Graubünden einer der letzten Kantone, der die Frauen auch aktiv am politischen Leben teilhaben liess. In der Westschweiz etwa konnten die Frauen schon seit 1959/1960 politisch mitbestimmen.

Feier in der Churer Rathaushalle

Die kantonale Stabsstelle für Chancengleichheit von Frau und Mann organisiert zu diesem Jubiläum am kommenden Samstag einen Anlass in der Churer Rathaushalle. Mit «Vuschs visiblas – Visibel Voices», einer Performance zu John Cages Stück FOUR6, lassen die Regisseurinnen Manuela Steiner und Marisa Waldburger vier Frauenstimmen erklingen. Ihre unterschiedlichen Blickwinkel und Gefühlswelten würden sich zu einem vielschichtigen Spiegel auf weiblichen Selbstausdruck vermischen, beschreiben die Verantwortlichen in einer Mitteilung die Inszenierung. Diese dauert eine halbe Stunde und wird dreimal aufgeführt: um 11 Uhr, 14 Uhr und 16 Uhr. Begleitet wird die Feier von einer mobilen Ausstellung zum Frauenstimm- und -wahlrecht in Graubünden. Kulturdirektor Jon Domenic Parolini wird das Jubiläumsjahr um 11.30 Uhr eröffnen. «Noch ist es nicht lange her, seit die Bündner Frauen mitbestimmen können. Doch für viele junge Frauen ist die politische Beteiligung heutzutage zum Glück eine Selbstverständlichkeit», lässt sich Parolini zitieren.

In den Gemeinden brauchte es noch mehr Zeit

Die Performance und die mobile Ausstellung werden auch an zwei weiteren Orten in Graubünden gezeigt: am 30. Juni in Pontresina und am 27. August in Davos. Die Bündner Gemeinden, so heisst es in der Mitteilung, seien zwar seit 1962 ermächtigt gewesen, die Frauen bei kommunalen Angelegenheiten mitbestimmen zu lassen. Doch erst 1968 machten fünf Gemeinden von diesem Recht Gebrauch: Chur, Landarenca, Marmorera, Pontresina und Sils i.D. Die Ausdehnung des Stimm- und -wahlrechts auf alle Gemeinden und den Kanton wurde im gleichen Jahr vom Stimmvolk abgelehnt. Als es dann 1972 für den Kanton beim zweiten Anlauf klappte, durften die Frauen dennoch in 153 von damals 219 Gemeinden noch nicht politisch mitbestimmen.

Erst 1983 wurden die letzten 13 Gemeinden, die noch kein kommunales Frauenstimm- und -wahlrecht hatten, mittels kantonalem Gemeindeobligatorium gezwungen, dieses einzuführen. 

Geringer Frauenanteil in der Bündner Politik

Als erste Frauen wurden 1973 die drei Churerinnen Lisa Bener (FDP), Ida Derungs (CVP) und Elisabeth Lardelli (SVP) in den Grossen Rat gewählt. Heute zählt das kantonale Parlament einen Frauenanteil von 21,7 Prozent. Damit steht Graubünden im schweizweiten Vergleich zusammen mit Nidwalden und Glarus an letzter Stelle. (sz)

Stimmen aus der Vergangenheit
«Ihren Trieb 'Gutes zu tun' können die Frauen ohne politische Rechte wirkungsvoller ausleben.» (Leserbrief 1959).
«Die Betreuung der Kinder, die Besorgungen von Kleidern und Wäsche, beschäftigt sie (die Frau) derart bis in die späten Abendstunden, dass sie froh ist, von der Politik entlastet zu sein.» (Leserbrief 1959).
«Ich halte mich an die Mahnung des Apostel Paulus 'Das Weib schweige in der Gemeinde' und stimme Nein!» (Leserbrief 1972)

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