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Erlebnisbericht eines Militärdienstverweigerers aus dem Jahr 1989

Vor der Einführung des Zivildienstes im Jahr 1996 war der Militärdienst für jeden Schweizer Mann Pflicht. Mehrere hundert Männer pro Jahr verweigerten jedoch die Uniform. Marcel*, ein «anarcho-linkes Grossmaul», war einer von ihnen. Das führte ihn ins Gefängnis.

Agentur
sda
10.05.26 - 09:00 Uhr
Politik
Am 26. November 1989 stimmte die Bevölkerung über die Volksinitiative "Für eine Schweiz ohne Armee" ab. Überraschend viele sagten Ja zur Vorlage. (Archivbild).
Am 26. November 1989 stimmte die Bevölkerung über die Volksinitiative "Für eine Schweiz ohne Armee" ab. Überraschend viele sagten Ja zur Vorlage. (Archivbild).
KEYSTONE/STR

Marcel politisierte sich sehr jung, erklärt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Für ihn ist eine Schweizer Armee lächerlich. «Die Schweiz sollte ausschliesslich den Frieden fördern und nicht den Krieg vorbereiten.» Die einzigen Male, in denen die Armee geschossen habe, sei gegen das eigene Volk gewesen - 1932 in Genf während einer antifaschistischen Demonstration, gibt er zu bedenken.

Dennoch trat Marcel mit zwanzig Jahren in die Armee ein, «um keine Scherereien zu haben». Zudem hatte er gerade sein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als Elektroniker abgeschlossen. In diesem Bereich waren damals die meisten Unternehmen mit dem Bund oder der Armee verbandelt. Den Militärdienst zu verweigern, hatte Konsequenzen für die Anstellung.

Leben als Deserteur

Nach 33 Tagen in der Rekrutenschule desertierte Marcel. «Zu debil», sagt er. Er wollte sich lieber in den Dienst der Gesellschaft stellen. Er träumte schon damals von einem Zivildienst für den nationalen Zusammenhalt und wäre heute noch bereit, dorthin zurückzukehren. Er schrieb einen Brief an das Militärdepartement (heute VBS) und erklärte seine Dienstverweigerung.

Danach kehrte Marcel ins zivile Leben zurück und arbeitete für Bauunternehmen oder am Waadtländer Universitätsspital CHUV. Eineinhalb Jahre später wurde er vor das Militärjustizgericht in Rolle VD vorgeladen.

An jenem Tag liess er nicht seinen Pflichtverteidiger sprechen, sondern stand auf und erklärte sich dem Richter selbst. Er habe keinen Gewissenskonflikt und könne eine Waffe tragen, sagte er vor den Richtern. «Ich bin aus politischen Gründen hier.»

Marcel wollte ins Gefängnis. «Sonst hätte sich nichts bewegt», gesteht er vierzig Jahre später. Der Gerichtspräsident, ein Oberstleutnant, verurteilte ihn zu zehn Monaten Gefängnis. Er musste nur sechs davon absitzen.

Bekommen, was man will

«Ich habe mich für ihn gefreut», bezeugt ein Freund Marcels. «Er hat bekommen, was er wollte, und war wirklich bereit, für seine Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen.» Damals, so erinnert sich dieser Freund, akzeptierte die Armee eine Dienstverweigerung nicht so leicht. Man musste sie begründen, beweisen und dem Druck der Armee langfristig standhalten.

Letztendlich war eine Verurteilung ein Sieg für einen Militärdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Sie gab ihm recht.

In seltenen Fällen, vor allem Anfang der 1990er-Jahre, entgingen Verweigerer einer Gefängnisstrafe. Einige wurden von der Militärjustiz für dienstuntauglich erklärt. Andere blieben jedoch in einer ungewissen Lage und konnten erneut aufgeboten werden oder riskierten ein neues Verfahren.

Ein «Grossmaul», das schweigt

Am 6. November 1989 trat Marcel seine Haft an. «Nicht ganz geheuer» sei es ihm gewesen, sagt er. Mangels eines Militärgefängnisses landete er in einem Zivilgefängnis zusammen mit gewöhnlichen Kriminellen aller Art. «Ich war jung, 21 Jahre alt, ich wusste nichts über das Gefängnisleben. Ich sagte mir: 'Du musst das Maul halten', um niemanden zu reizen.»

Das tat er in den ersten Tagen auch. Dann lernte er schnell, dass es kein Problem ist, mit anderen Gefangenen zu diskutieren, man aber mit seiner Meinung neutral bleiben sollte.

Einige Häftlinge erklärten ihm die Hierarchie im Gefängnis: das «kleine Gemüse», das wegen Marihuana gelandet ist; Leute, die wegen ernster Dinge wie Mord da sind; und an der Spitze der «Big Boss», ein Drogenkurier. «Wir, die Armeetypen, wir waren nicht in dieser Hierarchie. Für die anderen Häftlinge hatten wir dort eigentlich nichts zu suchen.»

Abstimmung über die Armee

1989 war auch das Jahr des Falls der Berliner Mauer. Und der Abstimmung über die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne Armee und für eine umfassende Friedenspolitik». Marcel erinnert sich gut: «Ich sass im Bau.»

Sein Vater, eigentlich ein Armeebefürworter, stimmte für die Initiative. Wie viele Bekannte auch. «Die Dinge mussten sich bewegen, die Leute mussten sich einbezogen fühlen.» 35,6 Prozent der Stimmenden sagten Ja. Eine Zahl, die im Gedächtnis von Marcel verankert blieb.

«Diese Abstimmung hat alles verändert. Ich war kein Spinner mehr, der glaubt, Dinge ändern zu können. Das war eine Ohrfeige für beide Seiten. Wir hätten uns nie träumen lassen, ein solches Ergebnis zu erzielen.» Dies legitimierte auch die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (Gsoa).

Alles ändert sich

Das bürgerliche Lager reagierte sofort danach. Die Abstimmung zwang es zum Handeln beim Zivildienst. Diese politischen Ereignisse gaben Marcel auch eine «wahnsinnige Moral» für die Zeit im Gefängnis. Er hatte das Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Nach zwei Ablehnungen des Zivildienstes in den Jahren 1977 und 1984 änderte sich die öffentliche Meinung. Sanktionen gegen Kriegsdienstverweigerer wurden von der Gesellschaft immer schlechter aufgenommen. Die Schweiz, die eigentlich den Menschenrechten verpflichtet ist, wurde auch international kritisiert. Mehrere Länder in Europa hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen Zivildienst eingeführt.

1992 akzeptierten die Stimmenden schliesslich mit 82,5 Prozent die Einführung eines Zivildienstes für Gewissensverweigerer. In jenem Jahr traten 207 Männer eine Gefängnisstrafe an. Zwischen 1984 und 1991 schwankte diese Zahl laut Bundesamt für Statistik zwischen 471 und 323.

Der Ersatzdienst wurde schliesslich am 1. Oktober 1996 eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt waren noch 66 Personen wegen Dienstverweigerung, Desertion, Ungehorsam oder Nichtbefolgen eines Aufgebots inhaftiert.

Vor verschlossenen Türen

Nach seiner Entlassung stand Marcel vor verschlossenen Türen. Mehrere Stellenangebote entgingen ihm, insbesondere beim Vorgänger der Swisscom. «Ich war Erster beim Eintrittswettbewerb, wurde aber abgelehnt, weil ich den Militärdienst verweigert hatte. Es gab eine klare Blockade durch die Unternehmen.»

Trotzdem bereut Marcel seinen Weg nicht. «Aber ich würde es nicht mehr so machen. Es waren sechs verlorene Monate, in denen man nützliche Dinge für die Gesellschaft hätte tun können.» Marcel denkt gelegentlich an diese Zeit seines Lebens zurück und erzählt gerne davon.

*Name geändert

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