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Der «Aus-der-Reihe-Tänzer»

Seit heute ist Alessandro Della Vedova offiziell höchster Bündner. Während eines Jahres hat der CVP-Politiker das Amt des Standespräsidenten Graubünden inne. Wer ist der Mann hinter dem Amt?

Mara
Michel
Mittwoch, 28. August 2019, 14:46 Uhr Der neue Standespräsident im Porträt

Der Familienmensch

Der in San Carlo wohnhafte Familienvater erzählt gerne von seinen ausserpolitischen Aktivitäten. Im Zentrum steht dabei  seine Familie, bestehend aus seiner Frau und der 12-jährigen Tochter Isabella. Die Della Vedovas haben ein «kleines Babylonien» zu Hause. Die Ehefrau, eine aus Brasilien stammende Anwältin, spricht mit der Tochter Portugiesisch. Die Tochter mit dem Vater Italienisch. Und immer öfter auch Deutsch. «Wir müssen sie manchmal zum Italienischen und Portugiesischen zurückführen. Isabella besucht die Schule in Chur. Dann wird zu Hause zu oft Deutsch gesprochen.» Das hinterlässt auch bei ihm Spuren. «Mittlerweile träume ich auf Deutsch. Mein Unterbewusstsein will wohl meine Deutschkenntnisse verbessern», lacht er. Wie steht es mit dem Interesse für die Politik bei der Tochter? Er würde sich verständlicherweise freuen, seine Tochter eines Tages in der Politik zu sehen, sagt er. Noch will sie Tierärztin werden. Della Vedova bleibt optimistisch. «Politik und Beruf lassen sich hervorragend vereinbaren, das wird auch sie sehen.» Er ist seiner Familie dankbar. «Die Momente, die wir zusammen verbringen, sind intensiv und kostbar. Ich erhalte von meiner Frau und meiner Tochter sehr viel Verständnis für meine Engagements.»

Der Ambitionierte

Als ob Portugiesisch, Italienisch, Deutsch und Englisch noch nicht genug wären, versucht sich Della Vedova zurzeit auch noch Vallader anzueignen. «Je mehr Sprachen man spricht, desto einfacher fällt das Erlernen einer neuen», erklärt er achselzuckend. Lernen um des Lernens willen. Anders lässt sich auch nicht erklären, dass er jeden Monat drei Tage in Padua, Italien, einen Masterkurs zu Kommunikation, Organisation und Strategie besucht. Letztes Jahr bildete er sich an der HTW in Chur weiter.

«Politik ist unberechenbar.»

Sein Ehrgeiz hat ihn weit gebracht: Vom gelernten Kunsttischler über das Studium der Innenarchitektur in Mailand zum Geschäftsleiter der Caritas Graubünden. Aktuell hat er zudem das Amt des Vize-Präsidenten der CVP Graubünden inne. Das Präsidium mag zwar verlockend sein, doch noch hat der 48-Jährige keine Zeit, um sich damit zu befassen. «Ich bin jetzt ein Jahr lang Standespräsident. Eines nach dem Anderen. Politik ist unberechenbar. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.»  

Der Pragmatiker

Mehr Risikobereitschaft und Mut wünscht sich Della Vedova von den Bündner Politikern. Ein starkes Statement für einen Mittepolitiker. Doch genau ihm steht es zu, von anderen zu fordern, die Komfortzone zu verlassen. Letztes Jahr wurde er als Gemeindepräsident von Poschiavo abgewählt  und das auch noch ziemlich deutlich. War die Abwahl berechtigt? Vielleicht. Wäre es zu einfach, ihn als einzigen Verantwortlichen zu nennen? Vermutlich. Hat er seine Lehren aus den Ereignissen gezogen? Definitiv. Er ist vorsichtiger geworden. Eines hat sich aber nicht verändert. Alessandro Della Vedova ist ein Mittepolitiker, der sich nicht scheut, hin und wieder aus der mittigen Reihe zu tanzen. Besonders wenn er sich davon einen Vorteil für die Region und die Menschen der Region verspricht. Die Entvölkerung der Täler beschäftigt ihn täglich. Er ist selbst Bewohner eines solchen Tals, und Della Vedovas Lebensgeschichte ist geprägt von einem steten Kommen und Gehen. Geboren und aufgewachsen in Italien, die Jugend zwischenzeitlich in Poschiavo und Bern verbracht, zog es ihn bereits zu Studienzeiten wieder zurück nach Italien. Es sei ärgerlich, dass es in den Tälern der Randregionen zu wenig gebe, was die Jungen dort halte. Er sagt aber auch: «Frage dich nicht, was das Tal für dich tun kann. Frage dich, was du für das Tal tun kannst!» Mit dem Amt als Gemeindepräsident von Poschiavo habe er versucht, etwas für das Tal zu tun.

«Wenn es nicht wehtut, passiert nichts.»

Er wagt den Spagat von bürgerlicher Familienpolitik zu den umweltpolitischen Themen. Vor Jahren schrieb er einst in einer Kolumne: «Die klimatischen Veränderungen führen dazu, dass Wetterextreme zunehmen. Hochwasser aus Starkniederschlägen oder schnelle Schneeschmelze, Felsstürze und Erdrutsche werden uns in der näheren Zukunft wohl mehr beschäftigen als in den letzten 50 Jahren.» Ihn frustriert, dass mittlerweile angeblich jeder die Umwelt schonen möchte, dabei aber auf nichts verzichten will. Für einen Mittepolitiker untypisch ist auch sein Lösungsansatz: Er befürwortet strengere Gesetze und stärkere Regulierungen. «Gesetze müssen dort gemacht werden, wo Bedarf herrscht. Gibt es durch ein Gesetz Einschränkungen, ist das vielleicht nichts anderes als ein Spiegel, den man der Gesellschaft vorhält.» Dabei spricht er auch davon, dass die Schweizer in einem Erste-Welt-Land leben und entsprechend verwöhnt seien. «Die Erfahrung zeigt: Wenn es nicht wehtut, passiert nichts.» Die Klimaabkommen seien nicht mehr als schöne Worte. Dabei sei das Resultat dieser Abkommen meist einfach nur enttäuschend. Dass er sich mit solchen Aussagen Kritik aussetzt, interessiert ihn nicht. «Die Umwelt ist nicht Sache der Grünen. Sie betrifft uns alle», schliesst er dezidiert.

Der Anti-Opportunist

Er sei niemand, der belle. «Das zahlt sich in der heutigen Zeit zwar oft nicht mehr aus», ergänzt er. Dafür sei er ein Vermittler, ein Schlichter. Er fahre keine Opportunisten-Strategie. «Ich kann mir deshalb aber auch erlauben zu sagen, was ich denke. Damit habe ich keine Mühe.» Auch über die Grenzen hinaus erkennt er Probleme. Als italienisch-schweizerischer Doppelbürger schaut er besorgt in Richtung Süden. «Die Flüchtlinge fliehen nicht ohne Grund. Sie brauchen Hilfe. Europa ist in dieser Hinsicht zu egoistisch.» Fügt dann nach einer kurzen Pause hinzu: «Aber alle kann man eben auch nicht aufnehmen.» Della Vedova ist Realist. Direkte Hilfe in den Krisengebieten sieht er als wirksamste Lösung des Problems. Dass dies nicht so einfach ist, weiss er – wünschenswert fände er es trotzdem. Wiederum kommt er auf das Gesetz und dessen Regeln zu sprechen. Ohne diese Regeln wäre das Risiko einer Anarchie zu gross. Er wirkt hin- und hergerissen zwischen Empathie und Paragrafen. Della Vedova wünscht sich mehr Verständnis und mehr Sachpolitik. «Die Geschichte lehrt uns, dass solche Phänomene immer wieder auftreten. Wickelt man das dann falsch ab, kann es gefährlich werden.» Die Flüchtlingswelle ist da. Und der Klimawandel ist da. «Diese Situationen werden sich noch verschärfen. Und mit Propaganda und Populismus kriegt man solche Themen nicht in den Griff.»

Alessandro Della Vedova freut sich auf seine Amtszeit als Standespräsident. Und darauf, etwas zu bewegen. Der Enthusiasmus, den er bei seiner persönlichen Weiterentwicklung an den Tag legt, steckt an. Und sein parteiübergreifendes Denken und Politisieren machen ihn zu einem mehr als geeigneten Standespräsidenten.

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