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Hohe Bündner Polittiere debattieren in luftiger Höhe

Auf fast 2900 Metern über Meer ist der Startschuss in den National- und Ständerats-Wahlkampf gefallen. 14 Kandidatinnen und Kandidaten aus sieben Parteien duellierten sich auf dem Rothorn.

Patrick
Kuoni
Donnerstag, 27. Juni 2019, 04:30 Uhr Gipfeltreffen auf dem Rothorn
Auf dem Rothorn fand am Dienstagabend die erste grosse Politdiskussion im Hinblick auf die Wahlen im Herbst statt.
OLIVIA ITEM

Bis zu den National- und Ständeratswahlen ziehen noch knapp vier Monate ins Land. Doch bereits am Dienstagabend wurde der Wahlkampf mit einer Podiumsdiskussion in luftiger Höhe so richtig lanciert. Insgesamt 14 National- und Ständeratskandidaten, darunter die vier wieder zur Wahl antretenden National- und beide Ständeräte (siehe Kasten), stellten sich auf dem Rothorn den Fragen von RTR-Journalist Andri Franziscus. Zur Veranstaltung eingeladen hatten die Bergbahnen Graubünden. Etwa 70 Vertreter aus Politik, Tourismus und Wirtschaft sowie einige Personen aus der Bevölkerung folgten der Einladung.

Ein aktuelles Projekt im Fokus

Im Zentrum der Diskussionen standen im Sinne des Organisators hauptsächliche Belange, welche die Berggebiete betreffen. Berggebietspolitik, Tourismuspolitik, Wasserzinsen und die Weiterentwicklung der Berggebiete im Zusammenhang mit dem Klimawandel standen auf der Traktandenliste.

Debattiert wurde dabei auch über ein ganz aktuelles und in der Öffentlichkeit noch nicht wirklich bekanntes Thema. Im Skigebiet Minschuns in der Region Val Müstair sind eine neue Zubringerbahn sowie Beschneiungsanlagen für die Talfahrt und ein neues Feriendorf geplant. Durch diese Neuerung soll der Tourismus gesichert werden.

Im Zuge des Bewilligungsverfahrens haben die Promotoren jetzt vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) die Auflage erhalten, Abklärungen zu treffen, welche Auswirkungen das Seilbahnvorhaben auf die Population geschützter Vogelarten (Steinadler, Bartgeier, Uhu) hat. Durch diese Forderung entstehen Mehrkosten und das Projekt verzögert sich. Das Volk hat sich zuvor bereits für die Baupläne ausgesprochen.

Moderator Franziscus wollte von allen Politikerinnen und Politiker wissen, was sie von dieser Auflage des Bundesamts halten.

Die Teilnehmer des Podiums:

  • Gaudenz Bavier (Grünliberale)
  • Heinz Brand (SVP)
  • Martin Bundi (FDP)
  • Duri Campell (BDP)
  • Martin Candinas (CVP)
  • Stefan Darnuzer (BDP)
  • Stefan Engler (CVP)
  • Josias F. Gasser (Grünliberale)
  • Sandra Locher-Benguerel (SP)
  • Magdalena Martullo (SVP)
  • Anita Mazzetta (Verda)
  • Jon Pult (SP)
  • Martin Tucek (Verda)
  • Martin Schmid (FDP)

Tourismus kontra Artenschutz

Klare Worte fand der amtierende CVP-Ständerat Stefan Engler: «Das kann nur jemand in Bern fordern, der keine Ahnung hat, wie gross die Systemrelevanz einer solchen Anlage für Val Müstair ist.» Das Projekt sei wichtig für den Tourismus und die Entwicklung des ganzen Tals. Das grosse Ganze werde hier zu wenig gesehen, erklärt Engler.

Ins gleiche Horn blies SVP-Nationalrat Heinz Brand: «Das ist ein Beispiel, bei dem regulatorisch eindeutig überschossen wird.» Es gehe nicht um eine total neue Anlage, sondern um eine Umgestaltung der bestehenden. «Ich habe zu dieser Thematik auch ein Postulat eingereicht, welches das Ziel hat, dass bestehende Räume besser genutzt werden können, sodass unberührte Räume unberührt bleiben.»

Artenschutz oder Tempo

Ganz anderer Meinung ist SP-Kandidatin Sandra Locher Benguerel: «Wenn wir schauen, wo das Gebiet geografisch liegt, dann handelt das Bafu absolut richtig. Es geht nämlich um Raum in unmittelbarer Nähe zum Nationalpark und es geht um geschützte Tiere.» Sie argumentierte, dass das Projekt durch diese Auflage nicht verhindert werde. Unterstützung erhielt sie von Verda-Kandidatin Anita Mazzetta: «Erst kürzlich ist ein Bericht erschienen, der zeigt, dass die Biodiversität zurückgeht. 50 Prozent aller Arten sind bedroht.» Es sei ausserdem eine gesetzliche Pflicht, solche Überprüfungen durchzuführen.

FDP-Ständerat Martin Schmid stellte das Beispiel ins Bild des grösseren Ganzen. Er erklärte: «In Gebieten, wo wir schon bauliche Beeinträchtigungen haben, sollten wir touristisch viel schnellere Entwicklungsmöglichkeiten haben. Dort, wo das Gebiet unberührt ist, bin ich völlig einverstanden, dass diese Tests vorgenommen werden.» Dies sei hier aber nicht der Fall.

Für eine Analyse der Situation sprachen sich Josias F. Gasser (GLP-Kandidat) und BDP-Nationalrat Duri Campell aus. Allerdings müsse dies schnell passieren. «Eine Analyse bedeutet nicht das Ende des Projektes. Es dürfen aber nicht mehrere Jahre vergehen», so Gasser. Campell warf die Frage auf, wer diese zusätzliche Untersuchung zu bezahlen habe.

Interessen der Berggebiete

Auffallend häufig fiel bei der Podiumsdiskussion der Satz: «Wir müssen die Interessen der Bergkantone vertreten.» Bergbahn-Graubünden-Präsident Martin Hug skizzierte in seiner Eröffnungsrede die grosse Schwierigkeit dabei.

Das Wichtigste sei das politische System der Konkordanz-Demokratie. Das gelebte Miteinander; der Wille, anstehende Herausforderungen gemeinsam zu erarbeiten und miteinander zu gestalten. «Gerade diese typische Schweizer Eigenschaft wird in letzter Zeit vermehrt auf die Probe gestellt», erklärte Hug. Dieser Trend fordere das Berggebiet. «Es gilt enger zusammenzustehen und gemeinsam mit vereinten Kräften der Öffentlichkeit, den Behörden und der Verwaltung deutlich zu machen, dass für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Arbeitsplätze schöne Berge und eine reizvolle Natur alleine nicht ausreichen.» Auch die Bergbevölkerung brauche wirtschaftliche Perspektiven.

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